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FUSSBALL In die Falle getappt

Abstieg mit Ansage: wie aus dem Traditionsverein Borussia Mönchengladbach der beliebigste Club der Liga wurde.
aus DER SPIEGEL 19/2007

Die Fans von Borussia Mönchengladbach sind am Ende immer seltsamer geworden. Sie zogen durch die Stadien der Republik und sangen so schön und tanzten so wild in ihren eingezäunten Spielplätzen wie lange nicht mehr. Sie feierten ihre Heimat, und sie feierten ihren Verein, ohne den ihre Stadt kaum jemand kennen würde.

Es schien sie nicht zu stören, dass dort unten auf dem Rasen elf Männer dem Abstieg entgegenstolperten. Stattdessen besangen sie in einer gruseligen Gegenwart die Vergangenheit ihres Clubs. Die Spieler dort unten haben in dieser Saison in etwa so viele Tore geschossen wie der Stürmer Gekas vom VfL Bochum allein. Sie haben furchtbaren Fußball gespielt. Sie haben den Abstieg verdient. Dabei hatte Gladbach nie einen teureren Kader.

In Mönchengladbach passt nichts mehr zusammen: die Anhänger nicht zur Mannschaft, das Geld nicht zum Abstieg, der Anspruch nicht zur Wirklichkeit, die Gegenwart nicht zur Vergangenheit.

Auf der Geschäftsstelle von Borussia wird das Bild eines anderen Clubs gezeichnet, eines Clubs, der seinen Gästen mit einer Powerpoint-Präsentation vorführt, wie modern er geworden sei seit dem Wiederaufstieg 2001 und seit es das neue Stadion gibt, den Borussia-Park.

Es fliegen Tabellen und Zahlen an die Wand. Im alten Stadion wurden 32 Hektoliter Bier pro Spieltag ausgeschenkt, heute sind es 165 Hektoliter. Das ist ein deutliches Indiz für Wachstum, und die anderen Zahlen sind es auch. Der Verein hat fast 20 000 Mitglieder und pro Heimspiel 15 000 Zuschauer hinzugewonnen, und er besitzt inzwischen 46 Hektar Land.

Die Präsentation ist das Röntgenbild eines Vereins, der den höchsten Etat der Clubgeschichte hat. 18 Millionen Euro waren es 1999, im Jahr des ersten Abstiegs, 65 Millionen in dieser Saison. Aber wer sich von den Zahlen abwendet und zur anderen Wand umdreht, der sieht, was die schönen Zahlen nicht erzwingen können.

Dort hängt eines dieser alten Schwarzweißfotos, es zeigt Hennes Weisweiler, den Trainer, und seine Spieler, wie sie gemeinsam an einem Tau ziehen und lachen. Zu sehen ist: ein Team.

Rolf Königs zupft sein Einstecktuch zurecht und bügelt mit dem Handrücken die Krawatte glatt. Königs ist der Mann, der für all die schönen Zahlen aus der Powerpoint-Präsentation gesorgt hat. Er ist der Präsident.

Als Unternehmer hat Königs sehr erfolgreich mit der Globalisierung getanzt. Er hat eine kleine Tuchfabrik aus Mönchengladbach zu einem Weltkonzern gemacht, mit 11 000 Mitarbeitern in 22 Ländern. Das Unternehmen war in den siebziger Jahren am Boden, heute strahlt es in der Welt. Königs' Unternehmen und Königs' Verein sind entgegengesetzte Wege gegangen in den vergangenen Jahrzehnten.

»Man muss auch im Heute etwas leisten«, sagt er. »Sonst wird das Alte unattraktiv. Sonst verwelkt es.« Er hat versucht, die Vergangenheit wieder näher an die Gegenwart zu rücken. Im Frühjahr 2004 sagte er, in drei Jahren wolle man im internationalen Geschäft sein. Das wäre jetzt so weit.

Königs trägt einen dunklen Anzug, die schwarz-silbernen Haare sind streng zurückgelegt, sie kräuseln sich leicht im Nacken. Er sieht nicht nach Gladbach aus, eher nach Wall Street, und als es die ersten Rückschläge auf dem Weg nach oben gab, reagierten er und seine Leute wie nervöse Parketthändler: Er ließ verkaufen, kaufen, verkaufen. Immer öfter, immer hektischer.

Man probierte es mit Ewald Lienen als Trainer, der blieb sechs Monate, dann kamen Holger Fach, Dick Advocaat, Horst Köppel, Jupp Heynckes, und nun ist es Jos Luhukay, und niemand weiß, wie lange der bleiben wird. Jeder Trainer durfte Spieler einkaufen. Es war der Versuch, den Erfolg mit Geld zu erzwingen, nicht mit einem Konzept. Königs wollte auch so ein Team haben wie das da an der Wand. Aber ein Team kann man nicht bestellen.

Er präsentierte auch drei Sportdirektoren in zwei Jahren. Seit 2003 kamen 45 neue Spieler nach Gladbach, und 49 Spieler gingen wieder weg. Es kamen Spieler, die auch zu Schwarzmeer Odessa gewechselt hätten, wenn das Geld gestimmt hätte. Sie hießen Ivo Ulich, Marcin Mieciel, Morten Skoubo, Joonas Kolkka, Bernd Thijs, und die meisten von ihnen haben sie in Mönchengladbach längst schon wieder vergessen. Auf dem Feld war ihnen anzusehen, dass sie mehr an sich dachten als an das Team. So wurde aus einem soliden Verein der beliebigste Club der Bundesliga.

»Wir waren vor allem im Sommer- und im Winterschlussverkauf aktiv«, sagt Königs.

Niemand aus der Führung hat sich dafür interessiert, ob die Neuen zum Verein passten, als Spieler, als Charaktere. Erfolgreich sind heute jene Vereine, die sorgfältig einkaufen, die Menschen suchen, kein Material, Vereine wie Werder Bremen.

Fußballvereine profitieren von der Globalisierung, weil in einer unübersichtlichen Welt das Bedürfnis nach Heimat wächst, nach Bekenntnis und Zugehörigkeit - und sei es zu einem Fußballverein. Aber die Globalisierung ist auch eine Gefahr, weil der Markt größer und unübersichtlicher geworden ist. Die Clubführung ist in diese Falle getappt, und sie hat die Anhänger zur Flucht in die Vergangenheit getrieben, irgendwann wurden die Fans sonderbar.

Elmar Kreuels steht im Raum E1-R13 der Geschäftsstelle und zieht Plastiktüten aus einem Metallschrank. Er ist Angestellter des Vereins, zuständig für die Traditionspflege. Raum E1-R13 ist nicht viel größer als eine Besenkammer. Bälle, Trikots, Pokale: Der Raum quillt über vor Erinnerungen.

»Da ist er«, ruft er, »der Günter.« Er zieht einen blauen Schuh mit goldenem Streifen aus einer Plastiktüte, hinten an der Ferse sind die Nähte gerissen.

Günter Netzer trug ihn 1973 im Pokalendspiel gegen den 1. FC Köln. Er sollte eigentlich nicht spielen, weil kurz zuvor sein Wechsel zu Real Madrid bekannt geworden war und er nicht trainiert hatte. Vor Beginn der Verlängerung ging Netzer zu Hennes Weisweiler und sagte: »Ich spiele jetzt.« Drei Minuten später schoss er mit dem linken Fuß den Treffer zum Sieg.

»Hier, diese Ecke vom Spann war's.« Kreuels tippt noch einmal auf das Leder, steckt den Schuh wieder in die Tüte: »Das ist es, was den Verein ausmacht: die Siebziger.«

Raum E1-R13, eine Besenkammer, Kreuels schließt die Tür. Nächste Saison spielt sein Verein in der Zweiten Liga. Dann wird endlich auch ein Vereinsmuseum gebaut. MARKUS FELDENKIRCHEN

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