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Artikel 36 / 85

»IN MEXIKO WERDEN ATHLETEN BETROGEN«

aus DER SPIEGEL 46/1965

Professor Dr. med. Josef Nöcker, 46, der bis 1959 die Leipziger Universitäts-Klinik leitete, betreute 1956 und 1964 die gesamtdeutschen Olympia-Mannschaften. Der frühere Zonenmeister (Dreisprung, viermal 100 Meter) und Rekordler (400 Meter Hürden) wechselte 1959 in die Bundesrepublik, nachdem die SED ihm die Annahme des vom Deutschen Sportbund in Frankfurt ausgesetzten Carl-Diem-Preises für besondere Verdienste in der sportmedizinischen Forschung verboten hatte. Nöcker ist jetzt Chefarzt der Medizinischen Klinik am Städtischen Krankenhaus in Leverkusen.

SPIEGEL: Herr Professor, die nächsten Olympischen Spiele werden 1968 in Mexico City, 2240 Meter über dem Meeresspiegel, in dünner Höhenluft ausgetragen. Der britische Olympiasieger Chris Brasher hat vor diesen Bedingungen gewarnt und prophezeit: »Einige werden sterben.« Sie haben bei der vorolympischen Woche im Oktober die deutschen Sportler in der Olympiastadt unmittelbar nach dem Wettkampf untersucht. Droht den Olympiakämpfern Gefahr?

NÖCKER: Bei den Olympischen Spielen in Mexico City wird es wegen der Höhenlage keine Toten geben. Das ergaben unsere Herzuntersuchungen bei den Test-Wettkämpfen, die ich zusammen mit Dr. Mellerowicz durchführte. Wir können mit Sicherheit sagen, daß kein echter Sauerstoffmangel die Herzmuskulatur beeinträchtigt - auch in dieser Höhe nicht. Wir hätten es sonst mit unserer Untersuchungs-Methodik erfassen müssen. Und wir haben es nicht gefunden.

SPIEGEL: Sehen Sie in Herzmuskelschäden die einzige Gefährdung?

NÖCKER: Vor dem gesunden Herzmuskel ermüden die Skelettmuskeln. Vor dem Herzen versagen also die anderen Muskeln. Deshalb wird der Herzmuskel normalerweise nie bis zum Letzten gefordert. Das wußten wir aus früheren Untersuchungen. Ob es in der Höhe auch so ist, das wollten wir herausfinden. Unsere Untersuchungen in Mexico City haben gezeigt, daß Herzschäden für die Sportler nicht zu befürchten sind.

SPIEGEL: Aber sind nicht einige Läufer am Ziel zusammengebrochen?

NÖCKER: Ein Zusammenbruch am Ziel sieht für den Zuschauer sehr dramatisch aus. In Wirklichkeit erholen sich die betroffenen Läufer sehr schnell wieder. Oft vollbringen sie schon eine Stunde nach dem Kollaps wieder glänzende Leistungen. Das ereignet sich praktisch bei allen Olympischen Spielen - auch in Meereshöhe.

SPIEGEL: Brachen in Mexico City nicht besonders viele Sportler zusammen?

NÖCKER: Ich habe eine Reihe von Aufnahmen angeblich zusammengebrochener Sportler aus Mexico City gesehen, zum Beispiel von dem deutschen 1500-Meter-Meister Bodo Tümmler. Unter dem Bild stand, daß er nach dem Lauf mit Sauerstoff wieder hochgebracht werden mußte. Aber das waren keine echten Zusammenbrüche. Es sind Läufer gewesen, die sofort nach Zieldurchgang von den Ärzten an ihre Untersuchungssysteme angeschlossen worden sind. Die Schweden hatten keinen Teilnehmer im 1500-Meter-Lauf. Da haben wir uns geeinigt, daß Tümmler von den Schweden untersucht würde. Sie haben die Sauerstoffschuld gemessen, die Tümmler während des Rennens auf sich genommen hat.

SPIEGEL: Würden Sie »Sauerstoffschuld« kurz definieren?

NÖCKER: Man kann auf lange Sicht nur soviel leisten, wie gleichzeitig im Stoffwechsel an Energie entwickelt wird. Die Energie-Entwicklung hängt ab von der Menge Sauerstoff, die aufgenommen wird. Die Menge Sauerstoff hängt wiederum ab von der Kreislaufleistung. Nun kann der Organismus auf kurze Zeit diese Regel dadurch aufheben, daß er, etwa im 100-Meter-Lauf, ohne Sauerstoffverbrauch Energie freisetzt. Er muß das Defizit aber nachher durch vermehrte Zufuhr von Sauerstoff abdecken. Was er dann nach der Leistung mehr einatmet, ist das, was als Sauerstoffschuld bezeichnet wird.

SPIEGEL: Wie wurde das bei Tümmler gemessen?

NÖCKER: Er hat normale Luft eingeatmet und mußte dann in einen Sack ausatmen, um die Messung zu ermöglichen. Die anwesenden Reporter dachten, in diesem Sack sei Sauerstoff gewesen, mit dem Tümmler behandelt würde. Die Mexikaner hatten tatsächlich eine Sauerstoffflasche für uns bereitgestellt. Aber sie wurde nicht einmal benutzt.

SPIEGEL: Versuche haben erwiesen, daß die dünnere Höhenluft die Fähigkeit zur Konzentration und die Reaktionsschnelligkeit einschränkt. Geraten dann nicht beispielsweise Boxer, die durch vermindertes Reaktions-Tempo mehr Treffer hinnehmen müssen, in Mexico City in besondere Gefahr?

NÖCKER: Ich habe die - gut angepaßten - französischen und italienischen Boxer beobachtet. In der dritten und letzten Runde waren sie ihren Gegnern und das waren fast immer Mexikaner - weit überlegen. Allerdings weiß ich nicht, ob sie jeweils gegen Klasseboxer kämpften.

SPIEGEL: Aber hat es nicht einige echte Zusammenbrüche schon bei früheren Wettkämpfen in Mexico City gegeben?

NÖCKER: Ich erfuhr von einem Fall. Vor drei Jahren mußte der deutsche 400-Meter-Läufer Manfred Kinder nach einem Rennen in Mexico City mit Sauerstoff behandelt werden. Eines ist ganz sicher: Der Sauerstoffmangel bewirkt bereits während des Laufes in ganz erhöhtem Maße Unlustgefühle. Das versicherte der amerikanische Olympiasieger Billy Mills, darüber beklagte sich der australische Langstrekken-Weltrekordler Ron Clarke. Auch die deutschen 1500-Meter-Läufer Tümmler und Norpoth sagten übereinstimmend, daß sie nach 400 Metern schon ein Gefühl hatten, als seien sie bereits 800 Meter gelaufen.

SPIEGEL: Spielen also psychische Faktoren, die innere Einstellung der Wettkämpfer, eine Rolle?

NÖCKER: Ich glaube schon. Nachdem die Athleten angekommen waren, klagten alle über Atemnot, obwohl sie praktisch gar nicht trainiert, sondern sich nur warmgelaufen hatten. Ich bin überzeugt: Wenn sie nicht gewußt hätten, daß sie in rund 2300 Meter Höhe liefen, wären die Beschwerden geringer gewesen. Alle haben natürlich besonders auf sich geachtet, weil sie von der Höhenlage wußten. Wenn jemand aber aufmerksam sich selbst beobachtet - dann hört er auch mehr.

SPIEGEL: Tierversuche haben ergeben, daß eine vollständige Anpassung an die Höhenlage auch nach drei Monaten nicht möglich ist. Würde das bedeuten, daß ein Mann aus der Ebene sich in jedem Fall für eine gleiche Leistung mehr anstrengen müßte als ein Eingeborener?

NÖCKER: Ich glaube nicht. Ich meine, ein optimal angepaßter Mann aus der Ebene ist dem oben lebenden Eingeborenen gleichzustellen. Optimal - das ist natürlich auch ein Wortspiel. Es besagt, daß es darüber hinaus nichts Besseres gibt.

SPIEGEL: Kennen Sie ein konkretes Beispiel für optimale Anpassung?

NÖCKER: Am Nanga Parbat, am Mount Everest, überhaupt bei Himalaja-Expeditionen erwies sich eigentlich immer, daß die europäischen Bergsteiger nach einer Zeit der Anpassung den in viel größeren Höhen lebenden eingeborenen Sherpas, die als Träger mitkletterten, in der Leistung durchaus gleichwertig waren.

SPIEGEL: Aber steht es nicht fest, daß die absoluten Leistungen in Höhenlagen sinken?

NÖCKER: Ich bin fest davon überzeugt, daß wir in den Dauerübungen, beispielsweise in den Langstreckenläufen, keine Weltrekorde erleben werden.

SPIEGEL: Ein portugiesischer Langstreckler beispielsweise, der keine Medaillenchance hat, aber gegen die Weltelite den Landesrekord verbessern könnte, wird in Mexico City sogar seine durchschnittlichen Leistungen verfehlen. Werden nicht viele Sportler, gerade aus kleineren Ländern, um ihre wirkliche Leistung in Mexico City betrogen?

NÖCKER: Sicher. Viele werden vielleicht um die echten Rekordleistungen, die sie vollbringen können, betrogen werden. Das bringt einen bitteren Beigeschmack. Andererseits gleicht sich das in anderen Disziplinen wieder aus. Aber auch das ist eine Diskussion wert: Was ist ein 100-Meter-Lauf in zehn Sekunden in Mexico City wirklich wert? Der amerikanische Olympiasieger und Weltrekordler Bob Hayes in der Form von Tokio könnte den Weltrekord durch den geringeren Luftwiderstand unterbieten, ohne daß er schneller ist. Er würde 9,9 oder sogar 9,8 Sekunden erreichen. Der Rekord wäre im Flachland nicht zu unterbieten.

SPIEGEL: Die Chancen sind nicht mehr für alle gleich. Widerspricht das nicht dem olympischen Geist?

NÖCKER: Eines ist ganz sicher: Es wird eine Reihe von Athleten geben, die keine Möglichkeit haben werden, sich in diesen Höhen länger vorzubereiten. Die sind klar benachteiligt. Die Voraussetzungen, unter denen einzelne Athleten starten, sind ohnehin sehr unterschiedlich, je nachdem wie viel oder wenig ihr Staat sie unterstützt. In Mexico City wird das ganz besonders deutlich werden.

SPIEGEL: Mangelnde Anpassung mindert also in jedem Falle die Chancen?

NÖCKER: Wir haben das Beispiel der Franzosen. Sie schickten 32 Athleten zur vorolympischen Woche nach Mexico City. Genau eine Hälfte davon war in den Pyrenäen in Font Romeu drei Wochen lang vorbereitet worden, die anderen in Paris auf Meereshöhe. Der französische Mannschaftsleiter, Oberst Crespin, bestätigte: Die Sportler aus dem Höhencamp waren mit Abstand erfolgreicher. In Font Romeu hatte sich auch der tunesische Olympiazweite Gamudi vorbereitet. Er gewann in Mexico City die 5000 und die 10 000 Meter gegen Weltklasse-Läufer. Im Florett-Turnier siegte der Franzose Christian Noel. Auch er hatte in den Pyrenäen trainiert. Zum erstenmal nach vielen Niederlagen besiegte er den besten Franzosen, Weltmeister, Claude Magnan, der aus Paris gekommen war.

SPIEGEL: Welche Anpassungszeit ist für die Olympischen Spiele in Mexico City erforderlich?

NÖCKER: Nach den bisherigen Erfahrungen etwa drei bis vier Wochen. Diese Zeitspanne kann sich durch noch nicht abgeschlossene Untersuchungen, auch von anderen Nationen, noch verändern. Sie kann ...

SPIEGEL: ... kürzer oder länger werden?

NÖCKER: Bestimmt nicht kürzer. Wahrscheinlich eher etwas länger. Drei Wochen betrachte ich als Minimum überhaupt.

SPIEGEL: Berücksichtigen Sie auch die Untersuchungsergebnisse der Ärzte aus anderen Ländern?

NÖCKER: Die meisten bekannten Sportmediziner, die auf diesem Gebiet gearbeitet haben, treffen im Dezember in der schweizerischen Sportschule Magglingen zusammen, um ihre Resultate auszutauschen. Ich hoffe, daß auch die Russen sagen werden, was sie gefunden haben. Wir werden jedenfalls kein Geheimnis daraus machen.

SPIEGEL: In Druckkammer-Versuchen hat der schwedische Physiker ... NÖCKER: ... Astrand ...

SPIEGEL: ... festgestellt, daß der Grad der individuellen Anpassung verschieden ist: Kommt es für Mexiko darauf an, nicht die besten, sondern die anpassungsfähigsten Sportler zu finden?

NÖCKER: Ganz sicher wird nicht jeder gleicherweise mit dem Klima und der Höhe fertig. Aber dieses Problem, haben wir - wenngleich nicht so intensiv - bei allen Olympischen Spielen. Die letzten Ausscheidungen werden gewöhnlich vier bis sechs Wochen vor dem Olympiastart ausgetragen. Dann zu erkennen, dieser oder jener wird zum Zeitpunkt der Spiele der Beste sein - das kann auch der Mediziner nicht.

SPIEGEL: Ist das Risiko der richtigen Auswahl dann nicht sehr groß?

NÖCKER: Die Schwierigkeiten wären vielleicht zu umgehen, wenn auch unsere Ausscheidungs-Wettkämpfe etwa in Font Romeu ausgetragen würden, also unter ähnlichen Bedingungen wie in Mexico City. Das Günstigste wäre: runter nach Paris und sofort ins Flugzeug nach Mexico City. Das wäre eine Möglichkeit, die Vorbereitungszeit in Mexico City selbst abzukürzen. Ganz ohne Akklimatisierung am Olympiaort kommen wir nicht aus, schon wegen der Zeitverschiebung um sieben Stunden.

SPIEGEL: Werden die zahlreichen Tests und Untersuchungen für die Olympischen Spiele in Mexico City wenigstens die Normalmedizin und die wissenschaftliche Forschung voranbringen?

NÖCKER: Das glaube ich ganz sicher. Konkrete Ergebnisse liegen zur Zeit zwar noch nicht vor, weil die Untersuchungen erst angelaufen sind. In Mexico City wurden ausgesprochene Test-Wettkämpfe ausgetragen. Deshalb waren auch im Vergleich zu den Wettkämpfern so viele Funktionäre und Ärzte dort. Es gab sogar Nationen, wie die Norweger, die nur einen Arzt geschickt hatten und überhaupt keinen Athleten.

SPIEGEL: Rechnen Sie mit neuen Erkenntnissen in der allgemeinen Physiologie, also der Belastbarkeit, dem menschlichen Leistungsvermögen unter besonderem Druck?

NÖCKER: Wir werden sicher in den nächsten drei Jahren neue Erkenntnisse für das Training gewinnen und damit letztlich für den Gesundheitssport, der uns Medizinern besonders am Herzen liegt.

SPIEGEL: Wäre es dann vom sportmedizinischen Standpunkt aus zu begrüßen, wenn die Olympischen Spiele 1976 etwa in Grönland stattfänden?

NÖCKER: Ich möchte es so sagen: Es ist sicher nicht Sinn der Olympischen Spiele, nur sportmedizinische Erkenntnisse zu gewinnen. Wir sind als Sportmediziner zugleich auch Sportler. Unser Ziel muß es sein, daß Olympische Spiele auch sportgerecht ausgetragen werden, daß jeder Athlet unter gleichen Voraussetzungen startet. Die Voraussetzungen haben sich in den letzten Jahren bereits erheblich verschoben. In Mexico City wird diese Verschiebung noch weiter akzentuiert.

Olympia-Arzt Nöcker

Höchstleistungen noch dem Kollaps

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