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Fußball In unmöglicher Mission

Die Holländer führte er zum Europameistertitel, mit dem AC Mailand gewann er zweimal den Europapokal, jetzt plagt sich Ruud Gullit mit einem Job, wie ihn noch niemand gewagt hat: Er ist beim FC Chelsea London nicht nur Spieler und Trainer in Personalunion, er soll John Majors Lieblingsklub auch die feine Spielkultur des Kontinents beibringen.
aus DER SPIEGEL 48/1996

Mit vier Wörtern kommen die britischen Spieler des Chelsea FC aus, wenn sie über Fußball diskutieren. Sie sagen »yeah«, »go«, »kick« und »fuck«, denn für besonders tiefgründig halten sie das Spiel nicht.

Es ist ein sonniger Mittwoch draußen in Harlington, wo Chelsea zwischen Flughafen Heathrow und Autobahn M 4 trainiert. Die besseren elf spielen gegen die schlechteren, und sie alle spielen, wie sie es gelernt haben: immer nach vorn mit der Kugel und mal schauen, ob da einer steht, der sie ins Tor hauen kann. Wieder nicht? »Fuck.«

»Stopp«, schreit Ruud Gullit, 34. »Ich will, daß wir den Ball über den Flügel nach vorn tragen, abbrechen, zurückspielen, die Lücke suchen und neu aufbauen. Taktik heißt das, Leute, Taktik.«

Wenn die Saison zu Ende ist, wird Ruud Gullit den Wortschatz seiner Profis mindestens verdoppelt haben. Manchmal werden sie ihn sogar verstehen. Und vielleicht, falls der Tabellenführer Newcastle United wieder die Nerven verliert, sind sie dann auch noch Englischer Meister.

Gullit, so sehen es die Herren, die ihn verpflichtet haben, war schon dort, wo Chelsea hin will. Darum hat ausgerechnet der Holländer, der stets mit Lässigkeit seine Gegner und Trainer nervte, in London eine Aufgabe übernommen, die reichlich Disziplin erfordert.

Der ehemalige Europameister, Europapokalsieger und Weltfußballer des Jahres soll seinem Team das urbritische Kick and Hope abgewöhnen und ihm jene abgeklärte Spielweise einbimsen, die er selbst in der mutmaßlich besten Vereinsmannschaft aller Zeiten, dem AC Mailand Ende der achtziger Jahre, gelernt hat.

Gullit soll zugleich britische Talente fördern und Weltstars in das Stadion an der Stamford Bridge locken; er soll das alte Chelsea, den Klub der Künstler, wiederbeleben; er soll Tore verhindern, vorbereiten und schießen - denn Gullit ist der einzige Trainer in den bedeutenden Ligen Europas, der auch noch Spieler ist.

Er hat also gut zu tun. Er selbst würde sein nach fünf Operationen ziemlich fragiles Knie lieber langsam testen. Aber wenn er einen neuen Spielzug einstudieren will, muß er doch wieder vorturnen, denn »das erwarten die Spieler von mir«. Das Problem des Spielertrainers ist: »Wenn der Spieler Gullit das nicht kann, was der Trainer Gullit sehen will, nehmen die Jungs beide nicht ernst.«

Wenn es nur diese Sorge wäre. Im Grunde, das weiß er selbst, muß Gullit keine Peinlichkeiten fürchten: Das Niveau ist so lausig, daß jeder Kurzpaß, den er spielt und der einen Kameraden erreicht, von den 30 Zuschauern auf dem Übungsfeld eifrig beklatscht wird.

Aber gefragt ist ein Trainer auch immer als Psychologe. Und Gullit hat 11,9 Millionen Pfund für die Verpflichtung des Franzosen Franck Leboeuf und der Italiener Gianfranco Zola und Roberto Di Matteo ausgegeben und kostenlos deren Landsmann Gianluca Vialli bekommen; weitere Ausländer, unter anderen den Düsseldorfer Torwart Georg Koch, läßt er beobachten. Sofort hat das Nationalspieler-Quartett die Stammelf, die Hierarchie und das Gehaltsgefüge zertrümmert. Nun muß Gullit etwas Besseres schaffen, gegen alle Widerstände.

Dafür, daß er wie ein Eindringling beäugt wird, hat er einiges getan. »Er ist in jeder Fernsehsendung dabei, guckt reif und sagt kluge Sachen über Fußball«, spottet der Schriftsteller Nick Hornby.

Einmal sagte Gullit, daß schätzungsweise drei Spieler aus der Premier League in Italien mitspielen dürften, aber jeder einzelne Profi aus der italienischen Liga in England eine Verstärkung wäre. Diese Wahrheit kam nicht sonderlich an. Zum Dank ignorierten ihn die Kollegen, als sie den Fußballer des Jahres wählten. Der Holländer, so Vinny Jones vom FC Wimbledon, sei doch nur »auf einer Busfahrt« durch England, um ein paar Millionen einzusacken »und dann ,Thanks very much' zu sagen«.

So allerdings arbeiten alle Fußballprofis heutzutage, weltweit. Ken Bates, oberster Chef von Chelsea, weiß selbst, daß er sich mit den Ausländern Söldner ins Boot geholt hat. Es gehe nur darum, sagt der steinreiche Landwirt, ob die für ihre Gage auch etwas leisten wollen. Eine Alternative aber sieht er nicht.

Denn es gibt nicht viele Klubs in der Premier League, die sportlich so erledigt waren wie der aus dem schicken Londoner Westend. Vor 25 Jahren hat Chelsea den letzten Titel gewonnen, der Verein lebte in der Vergangenheit. Früher nämlich zogen Londons Szenegänger vom »Let it rock«, das Malcolm McLaren, der spätere Manager der Sex Pistols, auf der King's road eröffnet hatte, direkt weiter zur Stamford Bridge. Dort sahen sie ihresgleichen: Peter Osgood, Charlie Cooke und Alan Hudson, jene schrägen Kicker des sogenannten Playboy Clubs; Spieler, die gute Drogen so sehr liebten wie den Sieg und schöne Frauen noch viel mehr.

Einmal wurden sie Meister, dann gingen sie unter. Chelsea machte Schulden, stieg ab, und der Rivale, der häßliche, immer effiziente FC Arsenal sammelte die Trophäen ein.

Auch Mißerfolg verbindet. Der Chelsea Football Club blieb der Liebling der Rockband Madness und des Premiers John Major. Und als der Kulturminister David Mellor zurücktreten mußte, erzählte seine Mätresse Antonia zwei liebliche Details: Sie habe ihn zunächst mit Shakespeares gesammelten Werken verdroschen, doch selbst danach habe Mellor nur gekonnt, wenn er ein Chelsea-Trikot tragen durfte.

Bis heute ist Chelsea die Mannschaft der Upper class geblieben. Während Boutiquen den Pubs und Klubs die King's road abkauften, machten die zwei Millionäre Bates und Matthew Harding den FC zu ihrem Spielzeug, entschuldeten ihn und leisteten sich Gullit - erst als Spieler, nach Glenn Hoddles Übernahme der Nationalelf auch als Trainer.

Vor fünf Wochen, es war beim Rückflug von einem Auswärtsspiel, verunglückte Harding bei einem Hubschrauberabsturz tödlich. Beim Heimspiel gegen Tottenham Hotspur ehrte man den Verstorbenen auf eine Weise, die ihm gerecht wurde - die Profis hielten sich an den Händen, auf dem Anstoßpunkt stand ein Glas Guinness. Die Pläne des Vereins beeinflußt die Tragödie kaum: Das runderneuerte Stadion ist finanziert, und Chelsea erbt. Der Europacup, mindestens, soll alsbald her.

Manchmal wundert sich Gullit in diesen Wochen schon, wo er da gelandet ist. Das Trainingsgelände in Harlington ähnelt noch immer eher dem holprigen Berliner Maifeld als dem mondänen Milanello, der Heimat von Gullits ehemaligem Arbeitgeber AC Mailand. Dem Imperial College gehört der Platz, und darum duschen Hockey- und Rugbyspieler manchmal so lange, bis für die Fußballer das warme Wasser knapp wird.

In der Kantine im ersten Stock eines grauen Bunkers essen die Profis Gnocchi und Hühnerbrust. Der Trainer sitzt ein wenig abseits und schaukelt auf seinem Plastikstuhl. »Es ist schon ein wenig anders als in Mailand«, sagt er und lacht. »Chelsea ist ein Abenteuer, also ziemlich exakt das, was ich gesucht habe.«

In Wahrheit, so gibt er zu, überfordert ihn die Doppelrolle. Der Verein funktioniert nicht, ein Mann allein kann das nicht ändern. Schon mit kühlem Kopf auswechseln »könnte ich nur wirklich, wenn ich draußen säße«. Zumindest im Training wechselt er darum die Seiten: Am Mittwoch kickt er mit und erfüllt das Konzept des Trainers mit Leben, am Donnerstag steht er in seinem Trainingsanzug mit den Initialen »RG« auf dem Feld und beobachtet. Der ehemalige Sprinter Ade Mafe, vom Chef verpflichtet, läßt die Jungs rennen, und Gullit nickt zustimmend. Doch ob er so selbst wieder in Form kommen kann?

Daß er auch innerhalb des Teams Feinde hat, weiß er. Altgediente Spieler, die nun draußen sitzen, wollen den Klub verlassen, der Daily Mirror sieht eine »Revolte« heraufziehen. Von allen Ungläubigen verstehen englische Fußballer wohl am wenigsten, warum sie missioniert werden müssen.

Gullit tut so, als beschäftige es ihn nicht. »Ich kann nicht jeden glücklich machen«, meint er; seine Leute seien erwachsen, aber wer wolle, dürfe gern gehen. Der Kader ist sowieso aufgebläht nach der Einkaufstour jenseits des Kanals.

Während seiner Karriere war Gullit selbst einer, der reichlich Probleme mit Vorgesetzten hatte. In Eindhoven zog er über Trainer und Sponsor her, damit er nach Italien wechseln durfte. Bei Milan setzte ihn Fabio Capello auf die Tribüne, und einmal, als Gullit in den Mannschaftsbus klettern wollte, sagte der Trainer: »Was machst du hier? Du hast heute frei.« Selbst aus dem Quartier der holländischen Nationalmannschaft zog Gullit 1994 aus, weil ihm die Jünglinge von Ajax Amsterdam den Gehorsam verweigerten. Berti Vogts' Märchen von der Mannschaft, die der Star sei, hat Gullit noch nie geglaubt.

Aber er verbreitet diese These, weil er nun selbst Trainer ist. Neulich hat er etwa den Kapitän Dennis Wise auf die Bank gesetzt. Wise war sauer: »Überleg mal, wie es dir selbst bei Capello ging.« Gullit konterte altersweise: »Damals habe ich gelitten. Heute weiß ich, daß Capello recht hatte und alles nur für die Mannschaft tat.«

Der Mann ist ein glänzender Redner: Seine Zuhörer fängt er mit großen, braunen Augen ein, er lacht laut, er antwortet ernsthaft auf jede Frage und gibt jedermann das Gefühl, er sei ungeheuer wichtig für sein, Gullits, Wohlergehen. So elegant wie er bewegt sich kein deutscher Profi und kein deutscher Trainer zwischen den Mikrofonen.

Ein Rebell ist er sicherlich nicht. Er sieht nur so aus mit seinen Dreadlocks, er schenkt seine Trophäen Nelson Mandela, und wenn er bei den sehr seriösen Fernsehmenschen von der BBC auftritt, kommt er in Jeans und T-Shirt. Aber er bewegt sich gekonnt innerhalb des Systems und profitiert gewaltig davon.

Und in London bastelt Gullit nun selbst an einer Art Little Milan, seinem privaten AC Mailand; und er ist Silvio Berlusconi, Capello und Gullit zugleich.

Penibel feilt er an einem aggressiven System, in dem jeder ersetzbar ist und »alle elf die Tore schießen« können. »Sexy Fußball« nennt er das. Seine Spieler müssen auf einmal Kalorien zählen und nachmittags ein zweites Training absolvieren - vor Gullit saßen sie zu dieser Stunde im Wettbüro oder im Pub. Sich selbst beweist Gullit mit seiner Arbeitswut und dem Ausbruch aus der alten Umgebung nur eines: »Ich lebe.«

Denn nach dem Ende in Mailand ging es ihm nicht anders als seinem Freund Jürgen Klinsmann, dem zum Karriere-Ende zunehmend der Spaß abhanden kommt, der aber auch nicht recht weiß, was danach folgen soll. Gullit hatte Angst vor dem Ende, und im wahren Leben war er, wie Lothar Matthäus, nach zwei zerbrochenen Ehen ein eher einsamer Mann.

Anders als die beiden Deutschen wirkt er allerdings so, als habe er den Weg in die Zukunft mittlerweile gefunden. Gullit und die 18jährige Estelle Cruyff sind ein überall turtelndes Paar. Und die unmögliche Mission, Spieler und Trainer in Personalunion zu sein, hat ihm zumindest wieder einen gebührenden Platz im Fußballgeschäft verschafft.

Mit der nächsten Verletzung, das weiß der Spieler Gullit, »werde ich aufhören müssen«. Aber der Mann, der einst als Sechsjähriger unter dem Namen Rudi Dil mit dem Fußballspielen begann, ehe er unter dem Familiennamen seines Surinamer Vaters ein Weltstar wurde, hat ja alles gehabt. Er muß nur noch dem Trainer Ruud Gullit den Einstieg erleichtern.

Es ist Samstag in England, die Premier League spielt; Chelsea ist zu Gast beim Tabellenletzten Blackburn Rovers. Gullit sitzt in Fußballschuhen auf der Bank, weil die Mannschaft das letzte Heimspiel ohne ihn gewann und nun »mein Vertrauen verdient«. Sie spielt armselig.

Die Regentropfen prallen von Viallis Glatze ab, die drei Italiener scheinen sich zu fragen, ob England nicht doch ein einziger Irrtum ist. Gullit steht zuckend an der Seitenlinie und brüllt Anweisungen aufs Feld, die keiner hört. Und dann schießt Blackburn irgendwie das 1:0. Die Zeit ist reif für einen Messias.

Gullit schickt alle Auswechselspieler zum Aufwärmen, er steht weiter am Rand. Aber natürlich muß er derjenige sein, der jetzt in die Schlacht zieht.

Und das Spiel ist ein anderes. Gullit spielt Pässe über den halben Platz, die Zola aus der Luft weiterleitet. Gullit umspielt zwei Verteidiger. Gullit schießt aufs Tor. Das sind Aktionen, die ihn früher nicht unbedingt stolz gemacht hätten, aber mehr hat er nicht drauf. Und im Vergleich zu den Engländern ist es brillant, und es reicht: Chelsea spielt 1:1 und bleibt im Rennen um die Meisterschaft.

Klaus Brinkbäumer

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