Ausschreitungen in Indonesien Massenpanik nach Fußballspiel – mindestens 125 Tote

Als Tausende Fans nach einer Niederlage ihres Vereins im indonesischen Malang den Platz stürmten, setzten Sicherheitskräfte Tränengas ein. Es kam zu einer Massenpanik – es gibt viele Tote und Verletzte.
Der Einsatz von Tränengas löste laut Polizei eine Massenpanik aus

Der Einsatz von Tränengas löste laut Polizei eine Massenpanik aus

Foto: STR / AFP

Bei schweren Ausschreitungen im Anschluss an ein Fußballspiel in Malang in der indonesischen Provinz Ostjava sind laut Behördenangaben mindestens 125 Menschen ums Leben gekommen. Die Zahl wurde dabei mehrfach korrigiert. In ersten Berichten war von mehr als 129 Todesopfern die Rede gewesen, im Anschluss hatten die Behörden von 174 Toten gesprochen. Der stellvertretende Gouverneur von Ostjava, Emil Dardak, sagte später, dass die Daten von zehn Krankenhäusern in der Region schließlich 125 Todesopfer ergeben hätten.

Etwa 180 Menschen seien zudem in kritischem Zustand im Krankenhaus.

Bei dem Spiel stürmten nach Polizeiangaben wütende Fans ein Fußballfeld, nachdem ihr Verein des Arema FC das Spiel gegen den Erzrivalen Persebaya Surabaya 2:3 verloren hatte – die erste Heimniederlage seit mehr als zwei Jahrzehnten. Die Polizei habe daraufhin versucht, die Fans zur Rückkehr auf die Ränge zu bewegen. Sie feuerte Tränengas in die Menge, was Polizeiangaben zufolge eine Massenpanik auslöste. An einem Ausgang sei es zum Stau sowie zu »Atemnot und Sauerstoffmangel« gekommen, erklärte Polizeichef Afinta.

Zu Tode getrampelt

Viele der Opfer wurden demnach zu Tode getrampelt. 34 Menschen seien auf dem Spielfeld des Kanjuruhan-Stadions gestorben, alle weiteren in Krankenhäusern, sagte Afinta laut dem Radiosender Elshinta und dem Sender tvOne weiter. Zu den Todesopfern zählten auch zwei Polizeibeamte.

Auf Videoaufnahmen lokaler TV-Sender ist zu sehen, wie zahlreiche Menschen auf das Spielfeld strömen. Dann kommt es zu Handgreiflichkeiten und es sind Nebelschwaden zu sehen, bei denen es sich offenbar um Tränengas handelt. Weiter sind Bilder von Menschen zu sehen, die offenbar das Bewusstsein verloren haben und von anderen Fans weggetragen werden.

Polizisten setzen im Kanjuruhan-Stadion Tränengas ein

Polizisten setzen im Kanjuruhan-Stadion Tränengas ein

Foto: Yudha Prabowo / AP

Der Leiter eines örtlichen Krankenhauses sagte dem Sender Metro TV, einige der Opfer hätten Hirnverletzungen erlitten. Unter den Toten sei auch ein fünfjähriges Kind.

Das Kanjuruhan-Stadion fasst insgesamt 42.000 Zuschauer und war nach Angaben der Behörden ausverkauft. Abgefackelte Fahrzeuge, darunter auch ein Polizeifahrzeug, säumten am Sonntagmorgen die Straßen vor dem Stadion.

Keine Heimspiele für den Rest der Saison

Die Fußballklubs Arema und Persebaya sprachen den Opfern und ihren Familien ihr Beileid aus. Auch die indonesische Regierung entschuldigte sich für den Vorfall. Sie versprach, die Umstände der Massenpanik zu untersuchen. »Wir bedauern diesen Vorfall«, sagte der indonesische Sport- und Jugendminister Zainudin Amali dem Fernsehsender Kompas. Arema wurde die Austragung von Heimspielen für den Rest der Saison untersagt.

Die Gouverneurin von Ostjava, Khofifah Indar Parawansa, sagte, man werde den Verletzten und den Familien der Opfer finanzielle Hilfe zukommen lassen. Der indonesische Präsident Joko Widodo forderte in einer Ansprache eine »gründliche« Untersuchung. Zudem ordnete er nach eigenen Angaben an, dass der Spielbetrieb in der ersten Liga bis zu einer Auswertung der Untersuchungen und Verbesserungen durch den indonesischen Verband PSSI gestoppt werde. Widodo sprach den Opfern sein Beileid aus. »Ich bedauere diese Tragödie zutiefst und hoffe, dass dies die letzte Fußballtragödie in diesem Land ist.«

Das Stadion nach der Katastrophe

Das Stadion nach der Katastrophe

Foto: SANDI SADEWA / EPA

Bei Spielen in Indonesien ist es schon wiederholt zu Ausschreitungen und auch Gewalt unter den Anhängern der verschiedenen Vereine gekommen. Indonesiens Sportminister Zainudin Amali sagte dem Sender KompasTV nach dem Unglück, er werde die Sicherheit bei Fußballspielen neu bewerten und dabei auch erwägen, zunächst keine Zuschauer mehr in Stadien zuzulassen.

Der Weltfußballverband Fifa schreibt vor, dass Ordner und Polizisten in Stadien keine Schusswaffen oder Reizgas bei sich tragen oder einsetzen dürfen. Die Polizei von Ostjava reagierte zunächst nicht auf eine Anfrage, ob ihr solche Vorschriften bekannt sind. Präsident Widodo kündigte eine Untersuchung des Vorgehens der Sicherheitskräfte an.

Indonesien ist Gastgeber der Fußball-Weltmeisterschaft für Spieler unter 20 Jahren im Mai und Juni 2023.

Fifa-Präsident Gianni Infantino sagte, die Fußballwelt befinde sich in einem »Schockzustand«. Es sei ein »dunkler Tag für alle, die am Fußball beteiligt sind, und eine unvorstellbare Tragödie«. Infantino sprach den »Familien und Freunden der Opfer, die nach diesem tragischen Vorfall ihr Leben verloren haben« sein Beileid aus. Im spanischen Fußball wird es am Sonntag eine Schweigeminute in Gedenken an die Opfer geben. Das kündigten die Liga und der spanische Verband an.

Nicht die erste Zuschauerpanik im Fußball

Weltweit gilt das Unglück im britischen Hillsborough-Stadion (Sheffield) im Jahr 1989 als eines der verheerendsten, als beim Pokalspiel zwischen dem FC Liverpool und Nottingham Forest zu viele Menschen in einen bereits überfüllten Fanblock gelassen wurden. Es entstand eine Massenpanik, bei der 96 Fans ums Leben kamen, vergangenes Jahr verstarb ein 97. Zuschauer an den Folgen der erlittenen Verletzungen. 2016 kam eine Untersuchungskommission zu dem Schluss, dass schwere Fehler der Polizei das Unglück ausgelöst hatten.

2012 starben in Port Said in Ägypten bei Stadionausschreitungen nach einem Fußballspiel 74 Menschen. 1964 wurden bei einer Massenpanik während eines Olympia-Qualifikationsspiels zwischen Peru und Argentinien im Nationalstadion von Lima 320 Menschen getötet und mehr als 1000 verletzt.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, das Unglück im Hillsborough-Stadion sei durch einen Zusammenbruch einer Tribüne entstanden. Tatsächlich ereignete sich die Massenpanik, weil sich zu viele Menschen in dem Fanblock befanden. Zudem stand in dem Artikel, dass die Polizei Tränengas eingesetzt habe, nachdem zwei Polizisten getötet worden waren. Ob diese Abfolge der Ereignisse stimmt, lässt sich aktuell nicht klar sagen. Auch hieß es zunächst, Arema hätte seit mehr als Jahrzehnten nicht mehr gegen Persebaya verloren. Tatsächlich galt diese Serie nur für Arema-Heimspiele. Wir haben die Stellen korrigiert.

wbr/mrk/dpa/AFP/Reuters/sid
Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.