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SPORTSCHAU Italienische Verhältnisse

Deutschlands beliebteste, regelmäßig ausgestrahlte Sportsendung ist in Gefahr. Das Privatfernsehen bietet 40 Millionen Mark für die Rechte am Bundesliga-Fußball. *
aus DER SPIEGEL 12/1988

Die in der Frankfurter Zentrale des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) versammelten Funktionäre strahlten, als sei ihnen soeben Diego Maradona geschenkt worden. 40 Millionen Mark bot die Mediengesellschaft Ufa für die Fernsehrechte an den Bundesligaspielen der Saison 1988/89 - doppelt soviel, wie die Öffentlich-Rechtlichen zahlen wollen.

Zwar legten, als die Offerte publik wurde, auch ARD und ZDF zu. 250 Millionen Mark, so ließen sie die mit der TV-Vermarktung befaßte Kommission des DFB wissen, wären sie bereit zu löhnen, wenn ihnen die Übertragungsrechte für die nächsten zehn Jahre zugesichert würden.

Aber Ufa-Geschäftsführer Bernd Schiphorst zeigte sich vom Konter des Ersten und Zweiten Programms wenig beeindruckt. Er gibt dem Angebot nur »wenig Chancen«, weil das Bundeskartellamt eine derart langfristige Monopolstellung kaum billigen werde.

Das Poker um den TV-Fußball ist nicht neu, es beschäftigt die Fan-Gemeinde durchweg in jedem Frühjahr. Ausgelöst wird es von den Klubs, die sich seit dem ersten Pauschalvertrag, 1966 für 648 000 Mark, vom Fernsehen chronisch unterbezahlt wähnen.

1983 flimmerte der sonnabendliche Kick noch für acht Millionen Mark über die Mattscheibe, dann begann eine Preissteigerung, die inzwischen, so ARD-Sportkoordinator Fritz Klein, »die Schmerzgrenze erreicht hat«. 18 Millionen Mark, gleichmäßig verteilt auf die 38 Klubs der ersten und zweiten Liga, zahlten die Öffentlich-Rechtlichen für die laufende Saison.

Jetzt bieten erstmals die Privatsender mit, das in der Presse bereits »Fernseh-Krieg« genannte Feilschen hat eine neue Qualität erreicht. Die Ufa zählt zur Bertelsmann-Gruppe und ist zu 38,9 Prozent am Kommerzkanal RTL plus beteiligt. Akzeptieren die Klubs die 40-Millionen-Offerte, bekommt RTL plus die zeitliche Priorität, die »Sportschau«, samstags um 18 Uhr, wäre aus dem Rennen.

Schon seit geraumer Zeit ärgern Sat 1 und RTL plus die etablierten Anstalten, indem sie sportliche Highlights, hier ein Tennisturnier, dort ein DFB-Pokalspiel, einkaufen - oder bloß durch Mitbieten den Preis in die Höhe treiben.

Nun will RTL plus den Fußball, beste Lokomotive für hohe Einschaltquoten, zu einem festen Programmbestandteil machen. Vorigen Mittwoch, beim vierstündigen Europapokal-Marathon, sahen 15,6 Millionen Bundesbürger im ZDF den K.o. des FC Bayern in Madrid. Die Samstag-Sportschau der ARD lockt bis zu zwölf Millionen Fans vor das TV-Gerät. Nur Showgrößen wie Thomas Gottschalk, Rudi Carrell oder Professor Brinkmanns Seifenoper aus dem Glottertal liegen höher in der Publikumsgunst.

Derzeit darf RTL plus in seiner Sportsendung am Sonnabend, »Anpfiff«, von 19.05 bis 19.55 Uhr, nur Ausschnitte eines Bundesligaspiels zeigen. Um nicht das gleiche zu bieten wie die ARD-Sportschau, die Ausschnitte aus drei

Spielen ihrer Wahl überträgt, bleibt, so RTL-plus-Sportchef Ulrich Potofski, »uns nur das viertbeste Spiel« - mithin Bundesliga-Durchschnittsware.

Auch wenn das großzügige Angebot, so Ufa-Manager Schiphorst, in der DFB-Medienkommission »auf ernsthaftes Interesse gestoßen« sei, übt die Konkurrenz Gelassenheit. »Den Privaten«, sagt »Sportschau«-Chef Heribert Faßbender, »fehlen einfach die Reichweiten.« Nur fünf Millionen Haushalte können derzeit den Kölner Sender via Kabel oder Antenne empfangen. Das Potential von ARD und ZDF liegt bei mehr als 22 Millionen.

Dieses Argument sticht insbesondere bei den Sponsoren der Klubs, die auf Reklametafel oder Spielerbrust werben. Der FC Bayern München beispielsweise kassiert von der Computerfirma Commodore nur deshalb pro Jahr zwei Millionen Mark, weil jeder Fußballfan das öffentlich-rechtliche Programm empfangen kann.

Immerhin kalkulieren die Privaten bei fortschreitender Verkabelung und zusätzlichen Frequenzen bis Ende 1989 mit einer Empfangsdichte in der Bundesrepublik von 50 Prozent. Spätestens dann rechnet Bayern-Manager Uli Hoeneß mit »italienischen Verhältnissen«. Denn »50 Millionen Mark jährlich müssen in Zukunft möglich sein«.

In Italien sind 85 Millionen Mark schon Realität. Für diese Summe, doppelt so hoch wie ein Jahr zuvor, erkaufte sich die staatliche RAI den exklusiven Eintritt in die Stadien. Der Preistreiber spielt in der gegnerischen Mannschaft: s Medienimperiums, nebenberuflich Präsident des AC Mailand, hatte seinen Canale 5 als Druckmittel eingesetzt.

In Frankreich kassieren die Klubs 15 Millionen Mark für die wöchentliche Sportschau in TF1, dem im vorigen Jahr privatisierten Ersten Programm. Haupteigner ist Francis Bouygues, Sponsor von Olympique Marseille, Mitbesitzer Bernard Tapie, Präsident desselben Vereins. Für das letztjährige Pokalfinale zwischen Marseille und Girondins Bordeaux zahlte TF1 den Klubs zusätzlich zwei Millionen Mark.

Canal Plus, ein Pay-TV, das nur im Abonnement gegen Gebühr zu empfangen ist, überträgt zudem in dieser Saison 20mal das »Spiel der Woche« - Preis pro Match: 900 000 Mark. Dafür dürfen die Fernsehleute den Fußball total senden. Die Kameramänner berichten, in Deutschland (noch) undenkbar, sogar kurz vor dem Anpfiff und in der Halbzeitpause live aus der Umkleidekabine.

Das »Game of the Week« ist auch Bestandteil der Kontrakte der britischen Fernsehstationen ITV und BBC mit der englischen Liga. Fünf Millionen Pfund, rund 15 Millionen Mark, kosten die Rechte für zwei Jahre. Ehemalige englische Nationalspieler als Co-Kommentatoren garnieren das Fußballfest am Sonntagnachmittag.

Seit sechs Jahren sponsern Konzerne die Profi-Ligen. Nach dem Optik-Riesen Canon (1983 bis 1986), der Zeitung »Today« (1986/87) hat jetzt eine Bank das Patronat übernommen. In drei Jahren zahlt sie 4,55 Millionen Pfund dafür, daß in den Medien von der »Barclays League« berichtet wird.

Wenn Kommerzsender wie RTL plus künftig die Fernsehbilder aus den Stadien übermitteln, wäre auch die von einem Generalsponsor finanzierte Bundesliga nicht mehr länger Traum vieler Klubpräsidenten. Während ARD und ZDF Werbung und Programm deutlich trennen müssen, darf es bei den Privaten auch mal durcheinandergehen. Als beim Europacup-Spiel zwischen dem FC Bayern und Real Madrid bei der Mannschaftsaufstellung der Name des Werbepartners der Münchner zu lesen war, rügte der Rundfunkrat des Senders Freies Berlin den Alleingang der Kollegen vom Bayerischen Rundfunk.

Die nächste Verhandlungsrunde zwischen DFB und ARD/ZDF steigt am 24. März - zu diesem Termin hat WDR-Mann Faßbender, Reaktion auf den neuen Wettbewerber, Kompromißbereitschaft signalisiert.

Schon lange fordert der DFB einen späteren Beginn der »Sportschau«. »Die Fans«, so Ex-HSV-Präsident Wolfgang Klein, »haben kaum Zeit, nach Hause zu fahren, um die restlichen Spiele zu verfolgen.« Über einen »Sportschau«-Beginn um 18.30 oder 19 Uhr, so Faßbender, könne man nachdenken: »Daran wird eine Einigung nicht scheitern.«

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