Frodenos Ironman im Homeoffice "Die größte Gefahr ist mein Hund"

Der deutsche Weltklasse-Triathlet Jan Frodeno erlebt die Coronakrise in seiner Wahlheimat Spanien. Um Geld für Hilfsmaßnahmen zu sammeln, führt er am Samstag einen Ironman in den eigenen vier Wänden durch - eine enge Sache.
Ein Interview von Jan Göbel
Die Zukunft ist digital: Jan Frodeno trainiert in seinem Haus in Girona

Die Zukunft ist digital: Jan Frodeno trainiert in seinem Haus in Girona

Foto: Nik Howe/ dpa

SPIEGEL: Herr Frodeno, Sie leben in Spanien und damit in dem Land, das inzwischen die meisten Corona-Infizierten in Europa hat. Wie nehmen Sie die Lage wahr?

Jan Frodeno: Ich kann natürlich ein wenig aus einer idyllischen Blase auf die Situation blicken, ich bin bei meiner Familie, wir haben ein schönes Zuhause, uns geht es soweit gut. Aber wir bekommen über Bekannte mit, wie dramatisch die Lage ist. Dass Krankenschwestern entscheiden müssen, wer noch versorgt werden kann und wer nicht. Wer leben darf. Hier herrscht große Angst, es ist eine extreme Situation und enorme Belastung für viele Menschen.

SPIEGEL: Sie haben ein Kindermädchen angestellt, das ursprünglich Krankenschwester war und nun wieder in der Krankenversorgung arbeitet. Von was für Zuständen berichtet sie?

Frodeno: Zum Beispiel, dass dem Personal selbst die einfachste Schutzausrüstung fehlt. Am Abend bevor sie wieder im Krankenhaus angefangen hat, fragte sie mich, ob ich eine Schutzmaske für sie übrig hätte. Sie wusste, dass mich mein Physiotherapeut manchmal mit einer Maske behandelt, wenn er mal etwas erkältet ist. Das war der entscheidende Moment, wo mir das Ausmaß der Situation klar wurde: Pflegepersonal arbeitet am Limit - und kann sich nicht selbst vor der Krankheit schützen.

Zur Person Jan Frodeno
Jan Frodeno, geboren 1981 in Köln, ist einer der erfolgreichsten deutschen Triathleten. Er gewann 2015, 2016 und 2019 den Ironman auf Hawaii und wurde 2008 Olympiasieger. Frodeno hält aktuell den Streckenrekord von Hawaii - 2019 kam er nach 7:51:13 Stunden ins Ziel. Er ist mit der dreifachen Triathlon-Weltmeisterin Emma Snowsill verheiratet. Das Paar hat zwei Kinder und lebt in Spanien, Girona.

Jan Frodeno, geboren 1981 in Köln, ist einer der erfolgreichsten deutschen Triathleten. Er gewann 2015, 2016 und 2019 den Ironman auf Hawaii und wurde 2008 Olympiasieger. Frodeno hält aktuell den Streckenrekord von Hawaii - 2019 kam er nach 7:51:13 Stunden ins Ziel. Er ist mit der dreifachen Triathlon-Weltmeisterin Emma Snowsill verheiratet. Das Paar hat zwei Kinder und lebt in Spanien, Girona.

Foto: Kai Pfaffenbach/REUTERS

SPIEGEL: In Spanien gelten strikte Ausgangsbeschränkungen. Sport an der frischen Luft ist verboten. Gibt es für Profisportler wie Sie eine Ausnahmegenehmigung?

Frodeno: Absolut nicht. Deswegen war die Situation in Spanien vor einigen Wochen noch eine enorme Belastung für viele Spitzensportler, die zu Olympia wollten. Die haben heimlich in der Nacht trainiert und sich dem Gesetz widersetzt, um ihre Chance auf die Sommerspiele zu wahren. Ein Glück, dass das vorbei ist und die Sommerspiele verschoben worden sind.

SPIEGEL: Die Corona-Pandemie hat den Sportkalender kräftig ausgedünnt. Auch im Triathlon und der Ironman-Szene fallen etliche Veranstaltungen aus. Aber nun haben Sie angekündigt, dass Sie am Samstag ab 9 Uhr einen Ironman in Ihren eigenen vier Wänden veranstalten wollen. Ist Ihnen die Decke bereits auf den Kopf gefallen?

Frodeno: Die Idee ist mir wirklich nicht aus Langeweile gekommen. Ich habe mich als Sportler gefragt, wie ich anderen Menschen in ihrer Notlage wenigstens ein bisschen helfen kann. Wie kann ich sie bei Laune halten? Darum geht es bei diesem Versuch. Man kann auch zu Hause sehr viel erreichen, das will ich zeigen, und ich hoffe, dass wir mit der Aktion auch Spenden einsammeln können.

SPIEGEL: Wie stellen Sie sich das vor?

Frodeno: Aktuell läuft schon eine Spendenaktion , die ersten 1000 Schutzmasken haben mein Team und ich an das Krankenhaus hier in Girona geliefert. Jetzt hoffe ich, dass wir das ausweiten können, dass wir während meines Rennens im Stream Möglichkeit geben, eine Replika meines Rads oder Uhren zu kaufen, Karten für Veranstaltungen oder auch, dass man einfach ohne eine Gegenleistung etwas Geld spendet. 100 Prozent der Einnahmen gehen in den guten Zweck, ein Teil in Soforthilfe hier in Girona und einen weiteren Teil werden wir zum Aufbau eines Projekts gemeinsam mit der Laureus-Stiftung stecken.

SPIEGEL: Spüren Sie vor dem Wettkampf eine Anspannung, die vergleichbar mit der vor einem echten Rennen ist?

Frodeno: Das am Samstag ist für mich kein Wettkampf, auch wenn ich die komplette Distanz zurücklegen will. Aber es geht mir nicht um die Zeit, die ich am Ende benötige. Nicht um einen Rekord. Es soll einfach eine coole Geschichte werden, bei der möglichst viele Leute mitmachen. Aber diese gewisse Anspannung habe ich schon bei mir registriert. Der Marathon zum Schluss auf dem Laufband - das könnte hart werden. Da habe ich ein bisschen Bammel.

SPIEGEL: Wie darf man sich die Ironman-Strecke im Hause Frodeno denn vorstellen? Gibt es gefürchtete Passagen, wie die Lavafelder auf Hawaii?

Frodeno: Die größte Gefahr könnte von unserem Hund ausgehen. Ich hoffe, er stolpert nicht über ein Stromkabel. Aber ansonsten ist es ein schöner, enger Parcours. Die 3,8 Kilometer Schwimmen absolviere ich in einer Gegenstromanlage, dort kann ich dann genau einstellen, wie schnell ich schwimmen will. Wenn ich das geschafft habe, muss ich durch die Wechselzone, das ist der Flur, etwa fünf Meter lang, und dann bin ich auch schon in meinem Trainingsraum mit der Fahrradrolle, da trete ich dann für 180 Kilometer in die Pedalen, und dort steht auch das Laufband, wo ich zum Schluss für 42 Kilometer rauf muss.

"Die größte Gefahr": Der Familienhund der Frodenos "Duke"

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SPIEGEL: Wie sieht der Plan für die Verpflegung aus?

Frodeno: Ich werde mir ein paar Butterstullen schmieren. Damit ich nicht so viele Gels benötige. Schön wäre es, wenn mich meine Frau mit dem ein oder anderen doppelten Espresso versorgen könnte. Es soll schließlich ein gemütlicher Tag werden.

SPIEGEL: Das hört sich fast schon nach einem Abschiedsrennen an.

Frodeno: Nein, das ist es auf keinen Fall. Ich bin erst 38 und habe kürzlich die Ansage gemacht, dass ich noch dreimal Weltmeister auf Hawaii werden will. Das könnte schwierig werden, wenn die WM in diesem Jahr ausfallen sollte. Aber unabhängig davon: Irgendwann wird es weitergehen! Und darauf freue ich mich sehr, auf die echten Wettkämpfe, wenn man den Konkurrenten vor dem Startschuss in die Augen blickt, auf diese ganzen kleinen Spielchen. Davon habe ich noch nicht genug.

SPIEGEL: Das klingt nach dem harten Eisenmann, der Sie als Olympiasieger und dreimaliger Ironman-Weltmeister für viele sind. Ihr Sportlerleben begonnen haben Sie aber als Rettungsschwimmer. Welches Bild gefällt Ihnen besser?

Frodeno: Wenn ich wählen dürfte, wäre ich den Leuten lieber als Rettungsschwimmer im Gedächtnis. Als der harte Eisenmann sehe ich mich gar nicht. Das ist wieder so eine Schublade, in die man schnell gesteckt wird. Wer an den Ironman denkt, hat halt schnell einen Athleten im Kopf, dessen Alltag total professionell ist, der um jedes Gramm Fett kämpft, der alles gibt, um einem Ideal zu entsprechen. Und das mit einer extremen Ausdauer. Aber das passt eigentlich nicht zu mir. Ich sehe mich eher entspannt, als Lebemensch, der manchmal auch etwas verpeilt ist.

Jan Frodeno trainiert auf seinem Rollentrainer in den eigenen vier Wänden

Jan Frodeno trainiert auf seinem Rollentrainer in den eigenen vier Wänden

Foto: Felix Rüdiger/ dpa

SPIEGEL: Sie wollen es Samstag zwar locker angehen, aber die Aktion könnte neun bis zehn Stunden dauern und damit länger als gewöhnlich. Hat Ihr Trainer Dan Lorang Sorge, dass Sie Ihren Körper schon vor dem geplanten Jahreshöhepunkt im Oktober auf Hawaii verheizen?

Frodeno: Nein, er sieht den guten Zweck der Aktion und freut sich auch, wenn einer seiner Sportler jetzt Eigenmotivation zeigt. Und was den Jahreshöhepunkt betrifft: Aktuell kann niemand sagen, ob wir im Oktober wirklich auf Hawaii antreten können. Ich will nicht der Miesepeter sein, aber es fallen derzeit viele Qualifikationsrennen für die WM aus, und es kann auch niemand sagen, wie sich die Corona-Pandemie entwickelt. Es geht derzeit nicht mehr um strenge Trainingspläne. Jetzt darf man auch mal etwas Spaß haben.

SPIEGEL: Auf Hawaii sind auch immer viele Amateure am Start. Allerdings können viele gerade nur einen Teil der Vorbereitung absolvieren - sie können nicht schwimmen, weil Schwimmbäder geschlossen sind. Haben Sie einen Tipp, wie sie mit dieser Situation umgehen können?

Frodeno: Sie sollten sich eine gewisse Lockerheit bewahren und mögliche Chancen ausmachen. Jetzt kann man sich mal um den Körper kümmern, Schwachstellen pflegen. In den ersten zwei Wochen der Ausgangssperre habe ich mich fast nur um meine Achillessehne gekümmert und um meinen Rücken, der meine historische Schwachstelle ist. Ich habe Yoga gemacht. Wer jetzt nicht schwimmen kann, sollte mehr ins Laufen oder Radfahren investieren, hier kann man ja gerade auf einer langen Triathlon-Distanz wie dem Ironman noch viel Zeit rausholen. Wir Sportler dürfen in der aktuellen Situation, in der es andere viel härter trifft, nicht jammern. Wer jetzt jammert, kommt nicht weiter.

Alle Informationen zu Frodenos Spendenaktion finden Sie hier .

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