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Bilanz »Jede Menge Hintern«

Selbst in der Boomtown Atlanta ließen sich seelenlose Spiele nicht verkaufen. Olympia 1996 war ein Spektakel der Gegensätze: Die Athleten, vor allem die Deutschen, reagierten aggressiv wie nie auf die Bevormundung durch Fernsehen, Funktionäre und Sponsoren. »Spiele der Sportler«, sagt die Schwimmerin Dagmar Hase, »waren das nicht.«
aus DER SPIEGEL 32/1996

Es sollte der Abend der Versöhnung werden. Nicht, wie üblich, Steaks und Würstchen lagen auf dem Grill, sondern Gambas und Lachs. Gekommen waren rund 300 deutsche Sportler und 100 Funktionäre. Arnd Schmitt und Martin Zawieja, die Aktivensprecher, schwitzten in edlen Dinner-Jacketts.

Und alle, das hatten sie sich schon vorher im olympischen Dorf versprochen, wollten nett zueinander sein; Journalisten blieben vorsichtshalber ausgesperrt.

Im Deutschen Haus an der Piedmont Avenue von Atlanta, jenem von acht Sponsoren gemieteten Treffpunkt des Olympiateams, saßen dann die Ruderer des Deutschland-Achters mit ihrem Verbandspräsidenten Wolfgang Maennig am Tisch und diskutierten. »Wir alle müssen aus unseren Fehlern lernen«, sagte Maennig. Die Sportler nickten skeptisch.

Nur ein paar Tische weiter hockte Klaus Henter, der Präsident des Deutschen Schwimm-Verbandes. Mit ihm redete wieder einmal niemand. Gerade ein Uhr war es, als die letzten gingen. »Versöhnt haben wir uns nicht«, sagte ein Ruderer nach dem Fest am Dienstag vergangener Woche.

Es ist wohl doch einiges kaputtgegangen in der Hauptstadt des US-Bundesstaates Georgia - und das nicht nur in der deutschen Mannschaft.

Die meisten der 10 000 in Atlanta versammelten Athleten traten jedenfalls am Wochenende enttäuscht und desillusioniert die Heimreise an. »Die Spiele der Sportler«, sagte die Schwimmerin Dagmar Hase, »waren das nicht.«

Nie zuvor kamen sich die Hauptpersonen Olympias so ausgenutzt und so überflüssig vor wie in Atlanta. Sie fühlten sich als Randfiguren dieses ehemaligen Sportfestes der Weltjugend, das wenige Superstars sowie zahlreiche Funktionäre und Sponsoren zu ihrem privaten Schaulaufen umfunktioniert haben.

Die einen zelebrierten ihren geldwerten Auftritt und schwebten wieder davon, ohne sich für so etwas wie die olympische Idee zu interessieren. Und die anderen verschlangen in den VIP-Logen Hummer und Krabben, während die unbekannten Athleten in der Essensschlange der Mensa auf ihre Spaghetti warteten. »Aa« stand auf den Akkreditierungen der Aktiven, was, so ein deutscher Leichtathlet, wohl »ausgesprochenes Arschloch« bedeuten müsse.

Die Sportler muckten auf, aber sie wehrten sich letztlich nicht gegen ihre Degradierung. Denn die Geldmaschine Olympia funktioniert wie ein Konzern: Der Patron Juan Antonio Samaranch herrscht über den Laden und schwafelt von der »olympischen Bewegung«; Manager wie Michael Payne besorgen das Geld - und die Sportler hoffen auf den sozialen und gesellschaftlichen Aufstieg.

Sie schimpfen, aber sie rebellieren nicht, weil ein Aufstand womöglich ihre Karriere beeinträchtigen würde. Früh haben sie außerdem gelernt, daß Siegertypen Egoisten sein müssen. Die Idee, eine Gegenbewegung der Athleten zum Internationalen Olympischen Komitee (IOC) zu gründen, findet der Dortmunder Ruderer Stefan Scholz daher weltfremd: »Das frißt dich auf. Du kannst dich nur auf eine Sache konzentrieren.«

Und darum wirkte das Maulen der Sportler in ihrem Refugium, dem Deutschen Haus, ein wenig wie die Stammtischreden von Angestellten nach Feierabend: Es gibt einen wahren Kern, aber die Diskussionen bewirken nichts.

Tag für Tag endlud sich in Atlanta die Wut aller auf alle. Die Marathonläuferin Uta Pippig vermißte die Rückendeckung der Funktionäre in der Stunde der Niederlage: »Diese Leute sollten sich vor sich selbst schämen.« Beachvolleyballer Axel Hager wunderte sich über die Sitzungen der Delegationsleiter, die »ganz scharf auf Medaillen« seien, aber nur »gesiebte Informationen« weitergäben.

Es drückt einiges über Atlantas kalte Geschäftigkeit aus, daß die gegen Ende von Olympischen Spielen stets übliche Partystimmung hier nie aufkommen wollte. Statt dessen wurden Schuldfragen gestellt und sofort auch beantwortet.

Die Schwimmer hielten ihren Verband für »unqualifiziert«, so Franziska van Almsick; der Verband wiederum sprach sich frei und van Almsicks Trainer Dieter Lindemann schuldig. Lindemann wurde suspendiert und mußte die breitgestreuten Gerüchte über seinen angeblich unsteten Lebenswandel dementieren.

Statt sich über Medaillen zu freuen, begann die deutsche Delegation ein lustiges Haudraufspiel. Selbst Trainer, die jahrelang unumstritten waren, wurden plötzlich in Frage gestellt. »Der Versager ist Arno Ehret«, beschlossen Spieler der Handball-Nationalmannschaft. Gleiches Bild, anderer Name bei den Ruderern: »Der Achter hat zwar Silber gewonnen, aber Ralf Holtmeyer hat 30 Leuten die Lust am Rudern genommen«, folgerte Stefan Scholz aus der Olympiavorbereitung des Bundestrainers. Die Fechterin Anja Fichtel erwägt gar einen Übertritt ins österreichische Lager.

Noch nie hat sich eine deutsche Mannschaft bei Olympia derart selbst zerfleischt. Daß der Jahrgang 1996 so aggressiv daherkam, vermutet Leichtathletik-Trainer Hansjörg Holzamer, liege an den Funktionären, die »aus dem Breitensport kommen und nicht wissen, wie Leistungssport läuft«.

Die ehrenamtlichen Offiziellen stoßen in einem immer professioneller werdenden Sport womöglich an ihre persönlichen Grenzen. Zudem verstärkt sich der internationale Leistungsdruck: Nationen wie Italien und Frankreich, die früher deutlich hinter Deutschland rangierten, haben aufgeholt. Selbst in Ländern wie Costa Rica oder Syrien bestehen Förderprogramme für ausgewählte Sportler, aus denen Olympiasieger hervorgehen. Dagegen blieben in der deutschen Mannschaft Aufsteigertypen wie der Zehnkämpfer Frank Busemann eine Rarität.

Auch der finanzielle Druck aus dem Innenministerium steigerte die Nervosität der Olympiakämpfer. Die Ergebnisse von Atlanta sind entscheidend für die Einstufung in einem neuen, leistungsorientierten Plan zur Verteilung der knapperen Geldmittel aus Bonn. Und darum berechneten die deutschen Trainer mit jedem Resultat künftige Gehälter und Spesen und beäugten die Kollegen.

Das führte zu grotesken Debatten. Bevor der Gewichtheber Oliver Caruso zu seinem entscheidenden Versuch auf die Bühne stapfte, wollten ihn die Trainer überreden, es bei 210 Kilogramm zu belassen - das hätte einen sicheren Förderplatz bedeutet. Caruso verstand Leistungssport jedoch eher als Kampf um Medaillen. Er riskierte 215 Kilogramm - und gewann Bronze.

Die Athleten wollen schon deshalb keine Kompromisse mehr eingehen, weil sie, um international mithalten zu können, in immer größerem Maße ihre Gesundheit aufs Spiel setzen müssen. Um sich mit dem Attribut »schnellste Spiele aller Zeiten« (Atlanta Journal-Constitution) brüsten zu können, ließen die Veranstalter eine extrem schnelle, aber auch extrem muskel- und gelenkschädigende Bahn für die Leichtathleten anlegen.

Der Kunststoffbelag im Olympiastadion liegt nahezu ungedämpft auf dem Betongrund. Dadurch erreichten die Sprinter eine höhere Abdruckkraft vom Boden. Die amerikanische Sprinterin Gail Devers benötigte für die 100 Meter zum Olympiasieg einen Schritt weniger als auf herkömmlichen Tartanbahnen.

Und als der Kanadier Donovan Bailey und der Amerikaner Michael Johnson bei ihren Siegen über 100 und 200 Meter Weltrekorde aufstellten, freuten sich auch die Marketingmanager: In drei Wochen wird die Bahn abgerissen und in Stücken - eingerahmt hinter Glas - als Souvenir verkauft. Die Rekorde treiben den Wert in die Höhe.

Den größten Preis für die scheinbaren Beweise des menschlichen Fortschritts und die amerikanische Geschäftstüchtigkeit haben naturgemäß die Athleten zu zahlen. Die Muskeln seien auf solche Belastungen wie in Atlanta nicht ausgerichtet, sagt Frank Hensel, Referatsleiter Leistungssport im Deutschen Leichtathletik-Verband, »wie ein Auto muß auch das menschliche Fahrwerk auf derartige Bedingungen erst eingestellt werden«.

Nicht zufällig blieben die Sportler gleich reihenweise mit Verletzungen liegen. Besonders die Muskeln älterer Athleten wie der Siebenkämpferin Jackie Joyner Kersee, des Weitsprung-Weltrekordlers Mike Powell oder des 400-Meter-Weltrekordlers Butch Reynolds verweigerten den Dienst: Statt zur Siegerehrung gingen die drei zum Arzt.

Doch auch wenn sich die Aktiven längst als Spielball der Funktionärspolitik fühlen, reagieren sie erst, wenn es zu spät ist. Nirgends wird dies deutlicher als bei der erneut aufkeimenden Dopingproblematik. Als Wolfgang Peter, der Dopingbeauftrage des Internationalen Gewichtheberverbandes, dem Chemnitzer Ingo Steinhöfel zum sechsten Platz gratulieren wollte, raunzte der zurück: »Mensch, ihr müßt was tun, kontrolliert endlich vernünftig.«

Was Steinhöfel so empörte: Olympiasieger Pablo Lara aus Kuba stemmte in seiner Klasse 20 Kilogramm mehr in die Höhe als noch vor vier Jahren. Während Steinhöfels Urin allein in diesem Jahr zwölfmal auf unerlaubte Substanzen überprüft wurde, mußte Peter zugeben, »daß man in Südkorea oder Kuba zu Tests kaum ins Land kommt«.

Doch statt geschlossen gegen die ständige Heuchelei ihrer Verbandsführer über das Ausmaß der künstlichen Muskelmast vorzugehen, beließen es die Athleten wieder einmal bei zaghaften Protesten. Demonstrativ holte Ronny Weller nach dem Gewinn der Silbermedaille sein Dopingkontrollbuch aus der Sporttasche, um zu beweisen, daß er im Gegensatz zu seinen Konkurrenten sauber sei.

Wellers Teamkollege Manfred Nerlinger wurde deutlicher - er bescheinigte dem Ukrainer Timur Taimasow das Aussehen eines »Menschenfressers«.

Das Vertrauen der Gewichtheber in die Verbandslenker ist spätestens seit der Posse um Alexej Petrow tiefer Resignation gewichen. Der Russe war vor acht Monaten der Einnahme anaboler Steroide überführt worden. Doch als er ein schriftliches Geständnis seiner Freundin vorlegte, die angab, sie habe ihm die Muskelmacher aus Eifersucht ins Essen gemischt, hob der Verband die Sperre auf. Am vorvergangenen Samstag wurde der clevere Petrow Olympiasieger.

In den USA nervten die Athleten nicht nur solche Hinterhofkungeleien, mehr noch empörten sie die offenen Bevorzugungen der Veranstalter an die amerikanischen Sportler. So wartete Hürdenläufer Florian Schwarthoff eine Stunde lang im Call-Room des Olympiastadions auf den Aufruf zum Finale über 110 Meter. Unterdessen konnten sich seine Konkurrenten aus den USA von den Strapazen des Halbfinales ungestört erholen - nur sie waren von der Verzögerung des Endlaufs unterrichtet worden.

Die deutschen Weitspringer fühlten sich von einem Stadionsprecher nervlich aus der Bahn gebracht, der im Qualifikationswettkampf entgegen den internationalen Gepflogenheiten seine einzige Aufgabe darin sah, wie ein Marktschreier den aktuellen Rang von Carl Lewis zu verkünden. »Das war nicht wie bei Olympia«, schimpfte Trainer Holzamer, »das war wie bei einer US-Meisterschaft.«

Überall sahen sich Athleten als Opfer des amerikanischen Massengeschmacks. Wenn etwa die Gewichtheber mit Musik der Village People auf die Bühne begleitet wurden oder wenn während der Kämpfe der Ringer die Punktwertungen erklärt wurden, fühlten sich die Sportler wie exotische Tiere im Zoo - begafft, belächelt, bestaunt, aber in ihrer Leistung unverstanden. »Die Zuschauer begeistern sich nicht für den Sport«, sagte der Achter-Ruderer Ulrich Viefers, »die wollen nur ein Ereignis konsumieren.«

Am konsequentesten konnten die amerikanischen Veranstalter mit den akrobatischen Verrenkungen der Turnerinnen die Ansprüche der Unterhaltungsindustrie befriedigen. Und wenn zwischen dem tränenreichen Abgang einer Kerri Strug und den spektakulären Stürzen einer Dominique Moceanu eine kurze emotionale Leere drohte, sprang John Tash in die Bresche: Der ehemalige Moderator der ABC-Fernsehshow »Entertainment Tonight« führte als Hallensprecher kenntnisarm, aber mit Schmelz durchs Programm: »Und nun der kleine Engel aus China.«

Leute wie Tash sorgten dafür, daß Atlanta einen fließenden Übergang zwischen Sport und Fernsehshow erlebte. Dabei fanden es Sportler wie der deutsche Zehnkämpfer Dirk-Achim Pajonk »total beschissen«, daß die amerikanischen TV-Regisseure nur »auf Heulgeschichten aus waren«.

Durch die Inszenierung von Olympia als tägliche Seifenoper sahen sich die Athleten in eine neue Rolle gedrängt. Die Aufmerksamkeit des Fernsehens erregte nicht die Schnellste oder der Stärkste, sondern der oder die Auffälligste.

Nun stehe sie endlich einmal im Mittelpunkt, ärgerte sich die Hockeyspielerin Eva Hagenbäumer - »und dann für solch einen Mist«. Die Rüsselsheimerin hatte im Spiel gegen Spanien ihren Rock verloren und war für Sekunden im Slip über das Spielfeld gelaufen.

Die Hauptsache seien eben nicht mehr die Muskeln, erkannte Ruderer Scholz, »sondern jede Menge Brust und jede Menge Hintern«. So richteten sich die Kameras beinahe zwangsläufig auf die amerikanische Beachvolleyballerin Holly McPeak. Die hatte sich kurz vor Olympia den Busen vergrößern lassen und damit ihre Partnerin verärgert - Nancy Reno kämpft gegen Sexismus und dafür, daß ihre Disziplin aus sportlichen Gründen Beachtung findet.

Das IOC bevorzugt allerdings die McPeaks und treibt die Entwicklung Olympias zum reinen Showsport bedingungslos weiter. Was auch immer für fernsehtauglich befunden wird, erhält den Segen der Olympics. Triathlon ist bei den Jahrtausendspielen in Sydney erstmals dabei. Andere Sportarten hingegen werden langsam ausgedünnt und irgendwann wohl ganz aus dem Programm kippen. Schützen, Gewichtheber und Ringer kämpfen gegen den Zeitgeist.

Olympia, sagt Tischtennisspieler Jörg Roßkopf, habe »früher davon gelebt, daß alle Athleten gleich behandelt wurden«. Doch solche Sozialromantik leistet sich die Firma IOC nicht mehr.

Damit der Fernsehsender NBC eine teure Werbeinsel einplanen konnte, wurden bei der Eröffnungsfeier die Basketballer vom Rest der US-Olympiamannschaft getrennt. Erst marschierten die namenlosen Hundertschaften ein, dann kam Werbung und dann erst das Dream Team.

»Look into their faces«, rief Atlantas Cheforganisator Billy Payne pathetisch, als die NBC-Bilder im Stadion auf der großen Leinwand erschienen. Gezeigt wurden nur die Gesichter von Sport-Millionären wie Shaquille O'Neal. Alle anderen Athleten, meint der deutsche Schwimmer Björn Zikarsky, seien nur noch »Mittel zum Zweck«.

So ist selbst aus der klassenlosen Gesellschaft im olympischen Dorf mittlerweile eine strenge Hierarchie geworden. Der Schütze Michael Jakosits wäre gern einmal als Zuschauer zum Basketball gegangen. Die Karten aber, sagt er, »haben die Tennisspieler bekommen«.

Breite Öffentlichkeit erreichen ohnehin nur noch jene Athleten, die einen privaten Ausrüstervertrag haben und von Adidas, Nike und Co. zur prunkvollen Solo-Präsentation geladen werden.

So bot Atlanta endgültig die Spiele der Sponsoren. Doch nicht einmal die Geldgeber waren hinterher glücklich. Denn der innerliche Rückzug der Athleten von Olympia hat selbst in Boomtown Atlanta zu einer Erkenntnis geführt: Leblose Spiele lassen sich schlecht verkaufen.

40 Millionen Dollar haben Firmen wie Coca-Cola für das Recht bezahlt, als Top-Sponsor auftreten zu dürfen. »Cola-Spiele« gilt inzwischen als olympisches Schimpfwort. IBM ist nicht erbaut darüber, als Computerlieferant der Spiele mit den meisten technischen Pannen in Erinnerung zu bleiben, und Swatch machte Schlagzeilen, weil neben dem Uhrenzelt die Bombe hochging (siehe Seite 123).

Nun sind die Trauerspiele vorbei, und auf einmal, sagt Ian Mitroff, Direktor des Zentrums für Krisenmanagement an der University of Southern California in Los Angeles, »finden sich die Sponsoren als Teil einer kollektiven Pleite wieder«.

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