Radprofi John Degenkolb "Wenn es sein muss, fahre ich fünf Wochen Tour de France"

Die Coronakrise bedroht auch den Radsport. Profi John Degenkolb befürchtet, dass sich Mannschaften auflösen müssen. Hier spricht er über seine Sorgen und warum die Tour de France stattfinden sollte.
Ein Interview von Florian Pütz
Degenkolb bei der Tour 2018: "Man rechnet natürlich in so einer Situation mit dem Schlimmsten"

Degenkolb bei der Tour 2018: "Man rechnet natürlich in so einer Situation mit dem Schlimmsten"

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KIM LUDBROOK/ EPA-EFE

SPIEGEL: Herr Degenkolb, die Klassiker, Ihre Lieblingsrennen, fallen aus. Fehlen Ihnen Mailand-Sanremo und Paris-Roubaix?

Degenkolb: Das ist die Zeit, in der ich eigentlich am liebsten Rad fahre und in der es mir am meisten Spaß macht, Rennen zu fahren. Wenn man das in diesem Jahr sausen lassen muss, dann ist das nicht so schön.

SPIEGEL: Wissen Sie noch, wofür Sie trainieren?

Degenkolb: Puh. Also mein Wunsch ist, dass dieses Jahr die Tour de France in irgendeiner Art und Weise stattfinden kann. Ich glaube, dass das für uns als Profiteam essenziell ist, um überleben zu können. Wir bei Lotto Soudal haben schon freiwillig auf Teile unserer Gehälter verzichtet. Es kommt immer darauf an, wer in den einzelnen Mannschaften engagiert ist. Wenn es den Sponsoren nicht gut geht, kann da unter Umständen auch ganz schnell das Licht ausgehen.

SPIEGEL: Die französische Sportministerin Roxana Maracineanu schlug vor, die Tour de France ohne Zuschauer stattfinden zu lassen. Tour-Chef Christian Prudhomme schloss das erstmal aus. Wie finden Sie Maracineanus Vorschlag?

Degenkolb: Ich bin nicht abgeneigt, weil ich die Wichtigkeit sehe, um den Radsport so am Leben zu halten wie das bisher der Fall war. Es macht den Radsport aus, dass wir so publikumsnah sind, dass wir die Begeisterung der Menschen hautnah vor Ort haben. Aber wenn das der Preis ist, um das Business am Laufen zu halten, bin ich bereit, das zu machen. Wenn es sein muss, fahre ich auch nicht nur drei, sondern fünf Wochen Tour de France. Wichtig ist, dass eine Lösung gefunden wird, damit wir überhaupt an den Start gehen können.

SPIEGEL: Die Olympischen Spiele hätten nach der Tour de France stattfinden sollen. Die wurden aber bereits verlegt. Es ist angesichts der Coronavirus-Pandemie kaum vorstellbar, dass nun die Tour durch Frankreich fährt.

Degenkolb: Ja, im Moment sind die Chancen leider Gottes nicht so gut. Das muss man ehrlich anerkennen. Denkbar ist aber nach wie vor alles. Man muss schauen, wie sich die nächsten Wochen entwickeln.

SPIEGEL: Sie selbst machen sich keine Sorgen um Ihre Gesundheit?

Degenkolb: Nein, ich habe für mich und meine Familie keine großen Bedenken, eher um ältere Menschen. Dazu zähle ich meine Eltern und meine Großmutter, da muss man vorsichtig sein.

SPIEGEL: Sollte man aus Ihrer Sicht mit einer Entscheidung zur Tour de France abwarten, bevor man sie verschiebt oder gar absagt?

Degenkolb: Am meisten Probleme habe ich mit der Herangehensweise der Politik. Diese Salami-Politik, dass man scheibchenweise Maßnahmen hinzufügt. Ich finde, wenn man das richtig durchzieht, muss man sagen, wie man es macht und wählt einen langfristigen Zeitraum. So gibt man jedem ein Ziel und eine Perspektive, damit man weiß, wie man sich darauf einstellt. Ich weiß, dass keiner in die Zukunft blicken kann, aber meine persönliche Meinung ist, dass das hilfreich wäre. Die Tour die Suisse wäre eigentlich zwei Wochen vor der Tour de France, aber die ist schon abgesagt. Ich bin der Meinung, man müsste jetzt einen weitreichenden Cut machen und bis zu einem gesetzten Zeitpunkt versuchen, alles wieder in Ordnung zu bekommen.

SPIEGEL: Sie meinen, dass man die Tour de France jetzt verschiebt, beispielsweise auf September?

Degenkolb: Ja, genau. Also ich bin wirklich besorgt. Mich beschäftigt das Thema rund um die Uhr, und da bin ich nicht der einzige. Ich bin besorgt, wie es mit mir persönlich weitergeht im Sport, wie es mit der Gesellschaft im Allgemeinen weitergeht. Das ist eine brisante Lage.

Degenkolb im März beim Rennen Paris-Nizza: "Ich bin wirklich besorgt"

Degenkolb im März beim Rennen Paris-Nizza: "Ich bin wirklich besorgt"

Foto: Luc Claessen/ Getty Images

SPIEGEL: Tauschen Sie sich über Ihre Sorgen auch mit anderen Fahrern aus?

Degenkolb: Ja, schon. Denen geht’s allen nicht anders. Ich bin lange für das heutige Team Sunweb gefahren. Sunweb ist der Hauptsponsor dort, und die verdienen ihr Geld nun mal mit Urlaub. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Einnahmen bei der Firma im Moment im positiven Bereich sind. Es ist sehr schwierig.

SPIEGEL: Gibt es im Moment noch Dopingkontrollen bei Ihnen?

Degenkolb: Bei mir persönlich waren die letzten Wochen keine Dopingkontrolleure. Das ist halt auch ein Thema: Wenn man Wochen und Monate nicht in der Lage ist, Dopingkontrollen durchzuführen, dann kann man auch nicht direkt wieder in den Rennbetrieb reingehen, weil man vorher erstmal kontrolliert werden muss. Das ist ein Problem, das der gesamte Leistungssport hat.

SPIEGEL: Ihr Vertrag läuft Ende 2021 aus. Haben Sie Angst, dass die aktuelle Saison für Sie schon beendet ist?

Degenkolb: Im Moment ist leider alles denkbar. Man rechnet natürlich in so einer Situation mit dem Schlimmsten. Das Worst-Case-Szenario wäre, dass viele Teams zumachen, weil sie nicht mehr das Geld von den Sponsoren haben. Dann wären viele Rennfahrer auf dem Markt, und der Marktwert des Einzelnen würde horrend nach unten fallen. Der Preis regelt sich nach Angebot und Nachfrage. Wenn zu viele Fahrer für wenige Plätze zur Verfügung stehen, treibt das den Preis nach unten, klar.

SPIEGEL: Sie haben in den vergangenen Wochen viele Videos bei Instagram gepostet, die Sie beim Homeoffice-Training auf der Rolle zeigen. Wie ist das, stundenlang gegen die Wand zu fahren?

Degenkolb: Das ist schon eine komische Situation. Wobei man sagen muss, dass die Situation hier in Deutschland, was das Training anbelangt, relativ normal ist. Ich kann Gott sei Dank jeden Tag raus. Heute bin ich auch drei Stunden draußen gefahren. Die Möglichkeit haben meine Kollegen in Spanien und Italien nicht. Da ist es wirklich ein großes Problem. Gerade wenn das Wetter besser wird und man trotzdem nur auf der Rolle fahren kann, ist das natürlich schrecklich. Das macht einen auch fertig. Aber selbst für mich ist es im Moment keine einfache Situation. Wenn man nicht weiß, wie es weitergeht, ist das blöd. Mich betrifft das genauso wie alle anderen Leute im normalen Leben auch.

SPIEGEL: Wie sieht Ihr Trainingsalltag aus?

Degenkolb: Wir versuchen, das Training langsam wieder hochzufahren. Die letzten zwei Wochen bin ich eigentlich nur Grundlagentraining gefahren. Also mittellange, ruhige Einheiten. Mein Trainer versucht jetzt, das eine oder andere intensivere Intervalltraining einzubauen, um dem Körper wieder ein bisschen Belastung zu geben.

SPIEGEL: Und das findet dann zum Teil auf der Rolle und zum Teil draußen statt?

Degenkolb: Wenn das Wetter passt, kann ich immer draußen fahren. Aber mein Team plant auch Zwift-Fahrten. Also Rollentraining bei einer virtuellen Trainingsplattform, bei der sich alle vernetzen können. Es sitzt dann jeder zu Hause und fährt mit den Teamkollegen gemeinsam online. Das wird ganz cool.

SPIEGEL: Fehlt Ihnen der Kontakt zum Team?

Degenkolb: Man versucht Kontakt zu pflegen, aber es ist schon speziell. Ich war gerade in der neuen Mannschaft angekommen, habe mich super wohlgefühlt und habe mich auf die Klassiker gefreut. Das ist schon etwas, was mir dann fehlt.

SPIEGEL: Das Rollentraining alleine ist doch sicher furchtbar langweilig.

Degenkolb: Ich schaue währenddessen in der Regel Netflix oder höre Musik. Oder ich vertreibe mir die Zeit, wenn es die Luft zulässt, mit Telefonaten.

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SPIEGEL: Aber wenn möglich, geht es raus. Auf Instagram haben Sie ein Video gepostet, wie sie mit einem Kinderanhänger über Feldwege fahren.

Degenkolb: Wir haben zwei Kinder, die müssen betreut werden. Für meine Frau ist das eine enorme Belastung, weil die Kinder rund um die Uhr zu Hause sind. Wenn ich die Kinder nicht nehme, hat meine Frau keine Minute für sich. Ich versuche, nach dem Training noch viel mit den Kindern zu machen. Wir haben zum Glück noch einen eigenen Hof und genug Platz, dass sie sich austoben können.

SPIEGEL: Wie viele Stunden am Tag trainieren Sie?

Degenkolb: Das waren in der Woche 19 Stunden. Das wird jetzt sukzessive gesteigert auf 25 bis 30 Stunden pro Woche. Wir haben eine Trainingsplattform mit einem Kalender, in dem für jeden Tag steht, was zu tun ist. Normalerweise wäre diese Zeit jetzt superspezifisch. Es ginge nur darum, dass man in den Rennen die Belastung hat und sich zu Hause auf dem Rad erholt.

SPIEGEL: Sie trainieren in den nächsten Wochen, ohne zu wissen, für welches Ziel Sie das eigentlich tun. Das klingt enorm schwierig.

Degenkolb: Es ist eine verzwickte Situation. Aber ich habe trotzdem weiterhin Spaß am Radfahren, und es geht mir gut. Was meine Person anbelangt, ist das Jammern auf hohem Niveau. Aber mir geht es auch darum, dass der Radsport, so wie ich ihn erleben durfte, weiter Bestand hat. Junge Nachwuchsfahrer sind diejenigen, die extrem darunter leiden würden, wenn es weniger Teams gäbe. Das muss man vermeiden. Ich hoffe, dass wir das hinbekommen.