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Kaltblütiger Experte

aus DER SPIEGEL 28/1948

Am Donnerstagabend, beim offiziellen Schlußtraining zum Schweizer Bremgartenwald-Rennen passierte das erste Unglück. Der italienische Motorrad-Rekordfahrer Omobono Tenni sauste, auf einer Guzzi zusammengekauert, mit 120 in die zweite Rechtskurve hinter der Eymat-Tribüne, winkelte zu stark die nicht überhöhte Kurve ab und kam mit der Fußraste hart am Boden auf. Er flog auf die linke Straßenseite, gegen, einen Baum. Und war tot. Rechts stehen keine Bäume.

Das war fünf nach zwei.

Zwanzig nach sechs entschloß sich das Alfa-Romeo-Triumvirat Vimille, Varzi, Trossi zu ein paar schnellen Trainingsrunden im Regen. Zwei kamen nur zurück. Kurz zuvor hatte man scharfes Bremsen gehört.

Das war Louis Chiron, der aus voller Fahrt seinen Talbot neben dem kopfstehenden Alfa Achille Varzis stoppte.

Tot lag sein alter Freund, der ihn oft in hartem Französisch geneckt hatte, im Straßengraben.

Um sieben rapportierte Polizeiposten-Chef Killbrunner, der neben der Jordanrampe postiert war, Wagen 28 sei als letzter der Alfas vorbeigeflitzt und bei der schwachen Linkskurve ins Schleudern gekommen, habe den rechten-Straßenrand touchiert, sei quer zur Straße abgedreht und über den Straßenbord umgeschlagen. Wobei sich der Fahrer den Schädel zerschlug und wahrscheinlich schon tot war, ehe er aus dem Wagen geschleudert wurde.

Das war Donnerstag. Am Sonntag, im letzten Rennen um den Großen Preis von Europa, bleibt der Schweizer Christian Kautz mit seinem Maserati in der zweiten Runde. Der Lautsprecher verkündete, daß er ebenfalls in der Eymat-Kurve aus der Bahn gekommen, aber nur leicht verletzt sei. Nach Schluß des Rennens starb Kautz im Krankenhaus.

Der blonde, kettenrauchende Achille Varzi hatte eigentlich nur etwas für Motorräder übrig, und als ihm 1926 eine Windsbraut weglief, jagte er mit seinen 22 Jahren nicht ihr, sondern dem italienischen Meistertitel nach.

Zwei Jahre später merkte er, daß es auf vier Rädern schneller geht, und da siegte der Norditaliener auch.

So kam er als schon bekannter Mann zu Bugatti und ließ sich von dem 14 Jahre älteren Tazio Nuvolari alle Tricks zeigen.

Die Stalldisziplin, die dem ersten Fahrer der Firma die ersten Chancen läßt, ließ den ehrgeizigen Varzi von Bugatti auf die Alfa Romeo-Konkurrenz übersiedeln. Seit seinem Avussieg 1933 war er dort der Erste.

Dann hörte er von einem schnellen Auto-Union, dessen Straßenlage und Kurveneignung ihn reizte. Er wechselte abermals die Farbe und brachte der Auto-Union in Afrika auf der heißen Tripolis-Strecke einen rauschenden Kolonialerfolg. Dann war es mit der Auto-Union wieder aus. Varzi ging über Maserati zum Alfa zurück.

Nach dem Kriege kam er erst 1946 wieder, als er sah, daß die neuen Alfa-Modelle lohnten, und fuhr gleich große Preise nach Haus. Den schönsten in Brasilien, wo ihm eine Donna den Siegerkuß gab. Beinahe hätte er dabei vergessen, die Zigarette aus dem Mund zu nehmen.

Mit 44 Jahren hat das Rennfahrer-Schicksal ihn gehascht, in einer Kurve beim Training. Im Rennen wäre das dem kaltblütigen, immer ruhigen, nie wagehalsigen Kurven-Experten Achille Varzi nie passiert.

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