Zur Ausgabe
Artikel 53 / 87
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Kampf gegen die Böcke

Der Olympische Kongreß beriet über die Zukunft der Olympischen Spiele. Größte Gefahr ist ein Lieblingsthema der Vergangenheit: der Olympia-Boykott.
aus DER SPIEGEL 40/1981

Ungefähr 100 Zuschauer verkrümelten sich am vorletzten Sonnabend im Stadion von Racine im US-Staat Wisconsin. Doch das Rugby-Spiel, das sie verfolgten, erschütterte die Olympischen Spiele und die Sportwelt.

Kein Plakat, keine Anzeige, kein TV-Hinweis kündigte das Ereignis an. Weil sie Krawalle befürchtet hatten, verlegten die Veranstalter das Match aus Chicago in das Provinznest. Doch die Püffe und Knüffe, die beide Mannschaften austeilten und einsteckten, trafen die alten Herren beim Olympischen Kongreß in Baden-Baden in die Nieren.

Denn in Racine kämpften die Springboks, die Rugby-Nationalmannschaft des rassistischen Südafrika, das erste von drei vorgesehenen Spielen in den USA aus. Eines war in New York aus Sicherheitsgründen schon abgesagt worden.

Aus der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba appellierte alsbald die Organisation für Afrikanische Einheit (OAU) an Afrika und die Welt, künftig alle US-Sportler zu schneiden. Das bedeutet im Klartext auch den Boykott der Olympischen Spiele 1984 in Los Angeles.

»Tief besorgt« hatte auch Juan Antonio Samaranch, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), der USA-Tournee der Springboks entgegengesehen. UdSSR-Sportchef Sergej Pawlow zog sein Redemanuskript für den Olympischen Kongreß zurück und beklagte die erneuten Gastspiele der Rassisten in den USA. Einen Antrag, Los Angeles die Spiele zu entziehen, behielten sich die Sowjets vor.

»Eine Provokation der afrikanischen Länder« sah Yidnekatchew Tessema, der Präsident des äthiopischen Olympia-Komitees, darin, daß die USA den Südafrikanern Visa für ihre Tour erteilt hatten. Er forderte »alle afrikanischen Nationen, alle blockfreien Staaten und alle progressiven Kräfte in der Welt« auf, eine Verlegung der Los-Angeles-Spiele zu verlangen. 51 Länder, so sickerte aus dem IOC durch, erwägen einen Boykott der Spiele von 1984.

Der Oberste Afrikanische Sportrat, der weitgehend von den Entscheidungen der OAU abhängt, will im Dezember über einen Olympia-Verzicht entscheiden. Seit langem setzt er sich dafür ein, alle Wettkämpfe zu meiden, an denen Athleten aus Ländern teilnehmen, die noch Sportverkehr mit Südafrika dulden.

Seit langem nutzen die afrikanischen Staaten ihren berechtigten Kampf gegen Südafrikas rassistische Apartheid-Politik als einzigen, einigenden Nenner. Beim Olympia 1972 schafften sie es, die Olympia-Mannschaft des damals noch von einer weißen Minderheit regierten Rhodesien einschließlich ihrer farbigen Mitglieder auszuschließen. Die Rhodesier mußten aus München abreisen.

Das Erfolgserlebnis verführte die Afrikaner, 1976 ein Startverbot für Neuseeland zu verlangen -- vergebens. 24 afrikanische Mannschaften verließen Montreal. Das Olympia fand dennoch statt.

Die Boykott-Gründe leuchteten kaum noch ein: Südafrikas Rugby-Team spielt regelmäßig gegen Mannschaften aus Irland, den USA und Neuseeland. Rugby zählt nicht zu den olympischen Sportarten. Weder das IOC noch die Nationalen Olympischen Komitees (NOK) können den Rugby-Austausch mit Südafrika verhindern.

So wenig wie auf dem Gebiet der Wirtschaft ist es gelungen, Südafrika sportlich völlig zu isolieren. Im Motorsport, Golf und vor allem im Tennis beteiligen sich Südafrikaner so gut wie unbehelligt am internationalen Wettkampf-Betrieb. Vor der Rugby-Nationalmannschaft haben allein 1981 schon acht andere südafrikanische Teams ohne Proteste in den USA gespielt.

Südafrika verstößt zudem nicht allein gegen IOC-Statuten, die Diskriminierung aus rassistischen, religiösen und politischen Gründen verbieten. Der deutsche IOC-Herr und Gastgeber Willi Daume mahnte: »Farbige dürfen wiederum die Weißen nicht rassisch verunglimpfen.«

Die Sowjet-Union und viele andere Staatssportländer diskriminieren aus politischen Erwägungen, die Ajatollahs im Iran etwa unterdrücken Minderheiten unter religiösen Vorwänden. Pakistan zog jüngst seine Hockeyspielerinnen mit der Begründung zurück, der Koran erlaube nicht, daß sie leichtgeschürzt aufträten.

Südafrika, das immerhin gemischtrassige Klubs, Verbände und Meisterschaften in den wichtigsten Sportarten eingeführt hat, dient jedoch allen weiterhin als willkommener Sündenbock. S.223

So lösten die Springboks, als sie im Juli zu ihrer Acht-Wochen-Tour nach Neuseeland aufbrachen, allenthalben Demonstrationen gegen die Rassendiskriminierung aus. In Wellington entschärften Experten gerade noch rechtzeitig eine Bombe neben dem Stadion, drinnen stanken Rauchbomben zum Himmel. Protestler stürmten die Rollbahn des Flugplatzes und unterbrachen Starts und Landungen.

Bei Straßenschlachten in Auckland trugen 43 Menschen Verletzungen davon. Eine einmotorige Cessna 172 kreiste, bis zu 60 Meter tief, über dem Spielfeld, warf Mehl- und Rauchbomben ab und entwischte dennoch zwei Polizei-Hubschraubern. Demonstranten kappten die TV-Leitungen und schleuderten auch Bumerangs auf die Polizisten. Die Südafrikaner »hinterließen auf ihrem Weg lauter Trümmer«, berichtete der britische »Guardian«.

Afrikas Einheits-Organisation OAU forderte alsbald den Rückzug der afrikanischen Mannschaft vom Leichtathletik-Weltcup im September in Rom, falls Neuseeländer, darunter der Olympiasieger John Walker, starten sollten. »Ich sehe keinen Grund«, winkte Lamine Diack aus dem Senegal boykottmüde ab, der Präsident der afrikanischen Leichtathleten. Walker lief, die Afrika-Equipe nahm dennoch teil.

Der eher westlich orientierte afrikanische Leichtathletik-Verband rebellierte gegen die Boykotteritis der OAU. Deren Zentrum befindet sich zur Zeit in Addis Abeba, dessen Sicherheitskräfte von DDR-Spezialisten gedrillt werden. Afrikas Läufer-Hochburg Kenia hat durch den zweimaligen Olympia-Verzicht 1976 und 1980 seine internationale Position schon eingebüßt.

Auch der erfolglose Boykott des Moskau-Olympia 1980 wegen des sowjetischen Einmarsches in Afghanistan mag die weltweite Boykottlust dämpfen. Doch die Springbok-Spiele in den USA bieten der Sowjet-Union einen Vorwand, sich für den Moskau-Boykott zu rächen und zugleich als Beschützer der Afrikaner aufzuspielen.

Ob ein Boykott von Los Angeles Erfolg verspricht, hängt entscheidend davon ab, in welcher Weise die UdSSR sich daran beteiligt. Das ließen die Sowjets vorerst offen. Sie warten ab, wie sich die weltpolitische Lage bis 1984 entwickelt.

IOC-Präsident Samaranch, der bis zu seiner Wahl Spanien als Botschafter in Moskau vertreten hatte, vermutete jedenfalls, »die Olympischen Spiele in Los Angeles könnten die wichtigsten in der Geschichte der Spiele werden«. Von afrikanischen Sportfunktionären will er keine Boykottpläne vernommen haben.

»Wir sind gegen diese Tour«, sagte Samaranch, »aber wir haben keine Macht, sie zu verhindern. Alles kann passieren, doch ich bin Optimist.«

S.222Neuseelands Olympiaequipe marschierte zur Eröffnungsfeier mit einerschwarzen statt der üblichen weißen Olympiafahne ins Lenin-Stadionein.*

Zur Ausgabe
Artikel 53 / 87
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.