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BOXEN NORBERT GRUPE Kein Ding unmöglich

aus DER SPIEGEL 50/1969

Proper gekleidet und mit gepflegter Beatle-Mähne räkelte sich der Boxer im »Aktuellen Sportstudio« des ZDF. Die Live-Sendung lief. Moderator Rainer Günzler begann das seltsamste Interview der TV-Chronik: So geduldig er fragte -- der Gast blieb stumm. Grupe mochte Günzler nicht, hatte seinen Auftritt jedoch vertraglich zugesichert.

Der Bund deutscher Berufsboxer (BdB) legte den Fernseh-Boykott als verbandsschädigendes Verhalten aus und sperrte den Hamburger Faustkämpfer Norbert Grupe (Kampfname: Prinz von Homburg) im August lebenslänglich. Mit Anwalts-Hilfe hob Grupe die Sperre wieder auf.

Vor fünf Jahren hatten die Box-Bosse den Amerika-Heimkehrer noch mit offenen Armen aufgenommen: Der Schau-erfahrene Western-Darsteller füllte eine Lücke, die nach dem Rücktritt der erfolgreichsten Stars vom Schlage eines Gustav Scholz entstanden war.

Grupe verbürgte trotz durchschnittlicher boxerischer Fähigkeiten pralle Kassen: Er kopierte Weltmeister Cassius Clay.

Der Box-Twen feierte sich als den »Größten, wenn ich unter Strom stehe«, trat ständig mit überlangen Zigarren auf und verwirrte seine Gegner durch Faxen und Finten. Als Grupe mit einem Kampfurteil nicht einverstanden war, fiel er vor dem Ringrichter auf die Knie. Aber der Halbschwergewichtler stellte sich jedem Gegner auch überlegenen Schwergewichten wie dem argentinischen Weltranglisten-Boxer Oscar Bonavena.

Indessen nahm auf der ganzen Welt der Widerstand gegen das Boxen zu. Von 1900 bis 1945 waren etwa 250 Kämpfer an Verletzungen gestorben. In der halb so kurzen Phase bis 1968 wuchs die Zahl der Ringtoten um 265. Der Deutsche Meister Josef Elze starb 1968 in Köln nach einem Kampf um die Europameisterschaft, in diesem Jahr der in Deutschland trainierende Ulric Regis aus Trinidad.

Viele Boxer trugen dauernde Schäden davon. So entdeckte eine Ärzte-Kommission im Auftrag des britischen Oberhauses kürzlich unter 224 untersuchten ehemaligen Profiboxern 37 mit schweren Hirnschäden; 13 davon waren Invaliden. »Dieser Bericht ist für mich so wichtig wie das rote Büchlein für Mao-Anhänger«, urteilte die britische Baronin und Boxgegnerin Edith Summerskill. Sie forderte ein Boxverbot für England.

Das schwedische Parlament erließ als erstes einen Boxbann. Von 1970 an müssen sich die fünf aktiven schwedischen Berufsboxer neue Verdienstquellen erschließen. »Er hat wohl an den Spätfolgen seiner früheren Karriere gelitten«, wertete der frühere schwedische Justizminister Kling den ehemaligen Boxweltmeister Ingemar Johansson ab, der sich darüber beschwerte, daß kein Boxer befragt worden sei.

Die deutsche Boxbranche wählte nach dem Tod Elzes wenigstens den Arzt Dr. Dieter Hoffmann zum BdB-Präsidenten und beteuerte, verbesserte Schutzbestimmungen streng anzuwenden.

Dabei prallte der BdB auf Grupe und seinen Manager Willy Zeller, einen Pelzhändler aus Berlin. In juristischer Rechtsauslage boxte sich Grupe an den Statuten vorbei, ließ einen Kampfvertrag platzen, weil ihn die Gage zu gering dünkte, und ließ eine Endausscheidung zur Deutschen Meisterschaft aufheben, weil er nicht daran beteiligt war.

Doch im Ring bezog Grupe immer häufiger Prügel. Von seinen letzten drei Kämpfen verlor er zwei. Am 14. November hämmerte ihm ein Außenseiter, der Frankfurter Dressman Rüdiger Schmidtke, ungefähr 100 Treffer an den Kopf. Dreimal knickte Grupe zu Boden, einmal zählte ihn der Ringrichter stehend an.

Nach dem Desaster verordnete ihm der BdB eine vierwöchige Schutzsperre. Aber der Boxbeatle hatte einen Vertrag für drei Kämpfe unterschrieben. So legte sein Manager Zeller Atteste vor, die Grupes Boxtauglichkeit bescheinigten, und drohte, den BdB auf 14 000 Mark Schadensersatz zu verklagen, falls er die Sperrfrist nicht aufhöbe.

Nach den vielen vorausgegangenen Skandalen sei »kein Ding im Profiboxen mehr unmöglich«, argwöhnte Experte Robert Biewer im Fachblatt »Boxsport«. Tatsächlich mochte die Mehrheit des BdB-Präsidiums angesichts der leeren Verbandskasse keinen Rechtsstreit riskieren. Der BdB hob die Schutzsperre mit 3:2 Stimmen per Telephonumfrage auf.

»Ein Fall Elze ist genug«, protestierte der überstimmte BdB-Präsident Hoffmann und trat zurück wie nach ihm die Vorstandsmitglieder Dr. Manfred Hettasch und Gerhard Seewald (der selber gegen die Sperre gestimmt hatte). BdB-Vertrauensarzt Dr. Hans Weber trat sogar aus,

Am Freitag dieser Woche boxt Grupe nun in Köln gegen den Schwergewichtler Jürgen Blin, gegen den zu boxen die britische Boxkontroll-Behörde schon dem früheren Meister Brian London, 35, zu dessen eigener Sicherheit untersagt hatte.

Kampfplatz: der Ring, in dem sich Elze die tödlichen Verletzungen zugezogen hatte.

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