Misshandlungen im Turnen »Als Kind merkt man nicht, in welcher Abhängigkeit man sich befindet«

Turnerin Kim Bui sprach diese Woche vor dem Sportausschuss des Bundestags. Ihre Stellungnahme ist ein Appell an alle Verantwortlichen: Stellt sicher, dass Kinder und Jugendliche im Leistungssport gesund aufwachsen können!
Turnerin und Athletensprecherin Kim Bui (Motiv von 2019)

Turnerin und Athletensprecherin Kim Bui (Motiv von 2019)

Foto: Julia Rahn / imago images / Pressefoto Baumann

»Wenn sich jetzt nichts ändert, wird es eine Ohrfeige für all diejenigen sein, die mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit gegangen sind.«

Dieser Satz entstammt einem Dokument, das jede Trainerin und jeder Trainer gelesen haben sollte, denn es liefert einen Einblick in die Gefühlswelt vieler Athletinnen und Athleten hierzulande. Geschrieben hat ihn die Stuttgarter Kunstturnerin Kim Bui, 32 Jahre alt, mehrfache Deutsche Meisterin und Olympiateilnehmerin sowie Athletensprecherin des Deutschen Turner-Bundes (DTB). Am vergangenen Mittwoch ergriff sie im Sportausschuss des Bundestags in Berlin das Wort und erklärte den Mächtigen des deutschen Sports, Geldgebern und Funktionären, was es bedeutet, als junge Turnerin oder junger Turner in diesem Land aufzuwachsen.

»Man fühlt sich immer wieder in die Rolle der kleinen, jungen unerfahrenen Turnerin gedrückt.«

Bui hatte ihre Sichtweise den Ausschussmitgliedern zuvor auch schriftlich dargelegt. Mit ihrem Einverständnis zitiert der SPIEGEL längere Passagen aus ihrer achtseitigen Stellungnahme. Darin schreibt Bui:

»Der Zwang, der Druck, die Beschimpfungen, die Essstörungen, die körperlichen und seelischen Verletzungen waren bisher absolute Tabuthemen für uns. Alle wissen davon, nur die Wenigsten trauen sich darüber zu sprechen, weil sie Konsequenzen fürchten. Es besteht die Angst, aus dem Nationalkader gestrichen zu werden, in der Trainingsgruppe ausgegrenzt zu werden, interne Konkurrenzkämpfe zu verlieren und ganz grundsätzliche Schwäche zu zeigen. Die Gründe, warum die meisten bisher schweigen, sind vielfältig.«

Auf der Tagesordnung des Sportausschusses standen am Donnerstag die Konsequenzen aus dem Turnskandal in Chemnitz. Laut Bui scheine Chemnitz nur »die Spitze des Eisberges« zu sein, das schließe sie aus eigenen Beobachtungen, aber auch aus Gesprächen mit anderen Turnerinnen. Bui turnt seit 28 Jahren, ist seit 1999 im Bundeskader – ohne Unterbrechung. Sie selbst habe, so schreibt sie, schon vor den Berichten aus Chemnitz damit begonnen, ihre Turnvergangenheit für sich aufzuarbeiten. Dabei käme sie immer wieder zu dem Punkt »Abhängigkeit«.

»In so jungen Jahren weiß man nicht, was es bedarf, um erfolgreich zu sein oder wie ein Trainingsplan zu gestalten ist. Man vertraut dem/der Trainer*in blind. Im besten Fall feiert man seine ersten Erfolge, und die Herangehensweise eines Trainers/einer Trainerin wird dadurch bestätigt. Die Abhängigkeit im Athlet*in-Trainer*in Verhältnis wächst. Das Machtgefälle in der Kommunikation mit den Athletinnen verstetigt sich. Auch als ältere/r Turnerin bleibt es äußerst schwierig, einem Trainer/einer Trainerin auf Augenhöhe zu begegnen. Man fühlt sich immer wieder in die Rolle der kleinen, jungen unerfahrenen Turnerin gedrückt, aus der man entstammt. Und wenn man sich doch traut seine eigene Meinung zu sagen, kann das unweigerlich so ausgehen, dass man dafür im Training büßen muss. Es folgen gewisse Machtdemonstrationen der Trainer*innen: zusätzlich auferlegte Trainingsübungen, Training unter Schmerzen, Nicht-Beachtung oder erniedrigende Kommentare.«

Bui ging auch auf die Vorfälle von Chemnitz ein

Das Amt als Athletensprecherin des DTB übernahm Kim Bui 2009. In dieser Funktion vertritt die Studentin der technischen Biologie, die in der Krebsimmuntherapie forscht, knapp 300 Athletinnen und Athleten. Bui hält es für wichtig, ihnen insbesondere in jungen Jahren zu helfen, ihren eigenen Weg zu finden und ihre Bedürfnisse zu respektieren.

»In meiner Erfahrung sehe ich, dass wenige Trainer*innen anerkennen, dass junge Mädchen sich langsam zu jungen Frauen entwickeln, sowohl körperlich als auch geistig. Das bedarf eines entsprechenden Umgangs und einer Fortentwicklung der Beziehung zueinander. Aus meiner Erfahrung aber ändern viele Trainer*innen ihr Verhalten nicht. Sie wählen weiterhin den Weg, autoritäres Verhalten an den Tag zu legen, anstatt die Athlet*innen angemessen einzubeziehen. Trotz oder gerade wegen dieses Machtgefälles werden die Trainer*innen zu einer Art Übermutter/Übervater, die/der sich teilweise neben dem Sport auch um Arzttermine, Physiotherapie und Schulprobleme kümmert. Als Kind und Jugendliche bemerkt man oft nicht, in welcher Art Abhängigkeit man sich befindet. Viele Turnerinnen, ich inklusive, haben erst sehr spät realisiert, dass man ein solches Aufwachsen nicht als normal oder gesund bezeichnen kann.«

Kim Bui (r.) 2011 bei einem Termin mit Kanzlerin Angela Merkel

Kim Bui (r.) 2011 bei einem Termin mit Kanzlerin Angela Merkel

Foto: Tobias Schwarz/ REUTERS

In ihrer Stellungnahme ging Bui auch auf die Vorfälle von Chemnitz ein. Ihr sei nicht bewusst gewesen, was die betroffenen Turnerinnen dort durchgemacht hätten, schreibt sie. Sie habe »wirklich großen Respekt« davor, dass die Turnerinnen den Mut hatten, das Erlebte öffentlich zu machen. Ende vergangenen Jahres hatten mehr als ein Dutzend Athletinnen im SPIEGEL darüber berichtet, wie sie zum Teil über Jahre am Bundesstützpunkt in Chemnitz von ihrer Trainerin Gabriele Frehse mental misshandelt worden seien. Diese hatte die Vorwürfe mehrfach bestritten.

»Diese Geschichten, die im SPIEGEL veröffentlicht wurden, gehen unter die Haut und nehmen selbst mich, die aus dieser Sportart kommt und die meisten der Protagonisten kennt, sehr mit. Dass unsere Sportart sehr hart ist und man oft über seine Grenzen hinaus gehen muss, um ein Stückchen vorwärtszukommen, ist unbestritten. Ich stimme zu, dass Trainer*innen ihre Athlet*innen an ihre Grenzen bringen müssen. Aber die Art und Weise wie dies vonstattengeht, ist wichtig. Degradierende Sprüche, Drohungen, Beschimpfungen, der Zwang unter Schmerzen zu trainieren und die ungeprüfte Abgabe von Schmerzmitteln sind inakzeptabel und kein menschenwürdiger Umgang – auch nicht im Hochleistungssport.«

Kim Bui zeichnete nach, warum Pauline Schäfer, ehemalige Weltmeisterin von 2017, den Weg an die Öffentlichkeit wählte:

»Pauline Schäfer und all die anderen Turnerinnen haben sich durch die vorangegangenen Berichte aus den anderen Ländern bestärkt gefühlt, an die Öffentlichkeit zu gehen. Wie Pauline mehrfach erwähnt hat, wurde sie in Bezug auf die Sachlage von 2018 nicht genügend erhört. Es wurden keine Konsequenzen gezogen, die zu einer nachhaltigen Veränderung führten. Die damalige Aufarbeitung war schlichtweg ungenügend. Pauline kannte keine unabhängige Stelle, an die sie sich hätten wenden können, von der sie sich Gehör und ein Durchgreifen erhoffen konnte. Der Weg an die Öffentlichkeit war die letztmögliche Instanz, sich Gehör zu verschaffen.«

»Die Turnerinnen haben sich geäußert und ihre Geschichte öffentlich erzählt, in der Hoffnung auf Veränderungen. Sie wünschen sich, dass jene, die nach ihnen kommen, nicht das gleiche Schicksal ereilt. Wenn sich nichts verändert, wird es eine Ohrfeige für all diejenigen sein, die mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit gegangen sind.«

»Im Leistungssport muss man an seine Grenzen gehen, man muss bereit sein, sich zu quälen.«

Es gelte jetzt, gemeinsam zu zeigen, so Bui, dass Leistungssport möglich sei, »ohne das Wohlergehen von Menschen dafür zu opfern«. Dafür sei unerlässlich, dass Athletinnen und Athleten Missstände äußern können, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Oder aber auch, dass Trainerinnen und Trainer besser in Psychologie und Soziologie geschult werden.

»Im Leistungssport muss man an seine Grenzen gehen, man muss bereit sein, sich zu quälen. Trainer*innen haben die Aufgabe, diesen Einsatz durch die intrinsische Motivation von Athlet*innen hervorzubringen – und nicht durch gesundheitsschädigendes Training zu erzwingen. Dabei ist es wichtig, dass Trainer*innen für eine individuelle Persönlichkeitsentwicklung Sorge tragen. Dauerhafte Stresssituationen, körperlicher Schmerz und Ausübung von Belastungsdruck in Form von psychischer Gewalt, hemmen diese Entwicklung. Wenn Trainer*innen sich dieser Problematik nicht stärker widmen, werden psychosoziale und emotionale Störungen bei den Athletinnen weiterhin auftreten. Dazu gehören unter anderem Essstörungen, Burn-out, Minderwertigkeitskomplexe, geringer Selbstwert oder Selbstverletzungen.«

Bui sieht sich verpflichtet, den angestrebten Kultur- und Strukturwandels des DTB mit voranzutreiben. Sie warnt dabei vor Pauschalurteilen und wirbt bei aller Entschlossenheit für ein differenziertes Vorgehen:

»Trotz der Probleme, die ich in dieser Stellungnahme aufzeige, stelle ich fest, dass sich bereits in den letzten Jahren manches gebessert hat. Das macht mir Hoffnung, denn es zeigt, dass Wandel möglich ist. Die Trainingsmethoden sind teilweise weniger rabiat und das Wiegen findet nicht mehr öffentlich statt. Es gibt mittlerweile reichhaltige und abwechslungsreiche Nahrung beim Nationalmannschaftslehrgang. Ich bin auch dagegen, dass das Verhalten von einzelnen Trainer*innen pauschalisiert wird und alle Trainer*innen unter Generalverdacht gestellt werden, dass sie per se alles falsch gemacht haben in ihrer Karriere. Dennoch bin ich der Meinung, dass Chemnitz ein Weckruf sein muss. Man muss diese Situation nutzen, um alle Beteiligten zu sensibilisieren und endlich einen echten Kulturwandel einzuleiten. Dazu hat der DTB bereits eine Vielzahl an Konzepten erarbeitet. Oft fehlt aber der Bezug zwischen den Konzepten und dem Geschehen in der Halle. Eine sichtbare und spürbare Veränderung setzt voraus, dass die Konzepte und Richtlinien mit Überzeugung umgesetzt werden. Es müssen strenge Konsequenzen folgen, sofern sie nicht eingehalten werden.«

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