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SPORTBEKLEIDUNG Klamotte vom Sonnenberg

Eine drakonische Strafe erschüttert Kameruns Fußballverband. Anlass waren unerlaubte Trikots. Hintergrund ist ein Streit um Macht.
Von Jörg Kramer
aus DER SPIEGEL 18/2004

Der Hersteller beschreibt das Corpus Delicti als »unverwechselbar«. Der Fußball-Dress, ein »revolutionärer Einteiler« aus »einer Kombination von Lycra und Polyesterstoffen«, verfügt über »eine körperbetonte Passform« und exklusive Accessoires: verdeckte Reißverschlüsse im Schulterbereich, Katzenlogos in Felloptik, »integriertes Gummi zwischen Shorts und Innenhose für perfekten Sitz«.

Eine Kluft, die Männer knackig zeigt. Doch bei der Garderobe endet im Fußball die Gleichberechtigung. Während der Schweizer Sepp Blatter, Chef des Weltverbandes Fifa, zu Jahresbeginn den Wunsch äußerte, weibliche Balltreter fürderhin »in engeren Hosen« über den Rasen rennen zu sehen, bestrafte die Fifa-Disziplinarkommission vorvergangenen Freitag die maskuline Auswahl Kameruns für ihr attraktives Gewand: Die kernigen Kicker hatten beim Afrika-Cup verbotswidrig den neuen Overall aus dem Hause Puma getragen.

Nach Spielregel vier, wonach zur »zwingend vorgeschriebenen Grundausrüstung« ein »Jersey oder Hemd« sowie Shorts gehören, sind einteilige Bodysuits nach Auslegung der Funktionäre nicht erlaubt. Was Kickerseelen auch diesseits von Afrika in Wallung brachte, ist das kolossale Strafmaß für den Verstoß gegen die Kleiderordnung. Kameruns Verband wurde nicht nur mit einer Geldbuße von 200 000 Schweizer Franken belegt. Obendrein zieht die Fifa den »unbezähmbaren Löwen«, wie sich das Nationalteam nennt, sechs Punkte in der Qualifikation zur Weltmeisterschaft 2006 ab - ein Handicap, das fast einem Ausschluss vom lukrativen Event in Deutschland gleichkommt.

Das Entsetzen über die Klamotte vom Zürcher Sonnenberg, wo die Fifa residiert, war entsprechend stürmisch. Kameruns deutscher Nationalcoach Winfried Schäfer schimpfte über eine »Schmierenkomödie«, die »ein ganzes Land in Depression stürzt«. Staatspräsident Paul Biya berief eine Kabinettssondersitzung ein.

Kameruns Verband und sein Herzogenauracher Ausrüster prüfen derweil zivilrechtliche Schritte. Die Fifa, sagt Puma-Sprecher Ulf Santjer, sei nämlich bei der Afrika-Meisterschaft in Tunesien »nicht befugt« gewesen, über den Kleiderkodex zu befinden. Der afrikanische Kontinentalverband habe den Dress genehmigt.

Genau solche Zweifel an der Fifa-Kompetenz sind der Schlüssel zur Erklärung der maßlosen Sanktion. Das Urteil »sollte generalpräventive Wirkung haben«, erläutert Jury-Mitglied Günter Hirsch, Präsident des Bundesgerichtshofs in Karlsruhe. »Der Respekt« vor dem Weltverband wäre sonst »beschädigt gewesen«.

Die Sorge um die Autorität ist durchaus begründet. Blatter, bei seiner Wiederwahl 2002 von Afrikas Verbandschef Issa Hayatou herausgefordert und einst von Adidas-Boss Horst Dassler protegiert, treibt mehr als persönliches Rachegefühl gegenüber dem Rivalen oder Fürsorge um den langjährigen Fifa-Sponsor, der mit dem Einteilerproduzenten Puma konkurriert. Vor allem geht es um schwindende Macht.

So erklärten vor gut einem Monat führende europäische Topclubs, sie wollten das von der Fifa für 2005 anberaumte WM-Turnier für Clubmannschaften boykottieren. Die als »G 14« firmierenden 18 einflussreichsten Fußballunternehmen weigern sich auch, neue Fifa-Regularien zur Sportgerichtsbarkeit anzuerkennen, und lassen von der Schweizer Wettbewerbskommission prüfen, ob der Weltverband seine Stellung missbraucht.

Hintergrund ist ein Streit ums Geld. Die Clubs verlangen Ausgleichszahlungen da-

für, dass sie ihre angestellten Nationalspieler abstellen. Ihre Drohung, zu künftigen Weltmeisterschaften keine Profis mehr zu schicken, gilt weiterhin. Gerhard Mayer-Vorfelder, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, plagt »die Sorge, dass dieser Sprengsatz die Grundfesten des Fußballs erschüttern könnte«.

Alte Herrschaftsverhältnisse sind ins Wanken geraten. Auch die Fifa-Domäne Weltmeisterschaft hat an Renommee eingebüßt, seit beim vorigen Mal Stars etwa französischer und argentinischer Herkunft ermattet anreisten. Sie hatten sich bei den einträglichen Wettkämpfen im Dienste ihrer europäischen Clubs aufgerieben.

In einem Machtvakuum werden keine Autoritäten geachtet. Als Blatter die Verkleinerung der europäischen Ligen auf je 16 Teams verlangte, kommentierte das Bundesliga-Boss Werner Hackmann bündig: »Das geht Herrn Blatter gar nichts an.«

In solch misshelliger Atmosphäre lässt sich niemand gern auch noch auf der Nase herumtanzen. Den Kamerunern hatte die Fifa für die Afrika-Cup-Vorrunde eine Ausnahmegenehmigung vom Dresscode erteilt. Doch nachdem die renitenten Löwen auch zum folgenden Viertelfinale ihre avantgardistischen Textilien überstreiften, sah sich Blatter herausgefordert.

Beim Sponsor Puma, der schon vor zwei Jahren beim Klienten Kamerun einen PR-Gag in Form eines ärmellosen Shirts platzierte, fragt man sich nun intern, ob die neuerliche Publicity den Ärger wert war. Und Trainer Schäfer findet, »so schön« sei das neue Trikot »ja auch nicht«. Er nennt es »Strampelanzug«. JÖRG KRAMER

* Links: Portugals Nationalspieler Rui Costa; rechts: KamerunsNationalspieler Samuel Eto''o.

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