Zur Ausgabe
Artikel 85 / 110
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Funktionäre »Klare Kriterien, flexibel angewandt«

aus DER SPIEGEL 8/1994

Wenn es Nacht wird in Lillehammer, brechen die Mächtigen des Sports auf zu den olympischen Gesellschaftsspielen. Tagsüber entspannte Beobachter in den Logen der Stadien, abends Skipullover, Wein, Kamin - das ist die Stimmung, in der Freundschaften schnell gedeihen.

In einer heimeligen Skihütte hat Thomas Bach, 40, junge Kollegen aus dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) und Männer der deutschen Wirtschaft versammelt. Prinz Albert von Monaco, die einflußreiche Amerikanerin Anita DeFrantz und der smarte Ungar Pal Schmitt plaudern im »Adidas-Klub« unterm ausgestopften Elchschädel mit Daimler-Benz-Direktor Matthias Kleinert oder Bernd Schiphorst, Geschäftsführer der Bertelsmann-Tochter Ufa, zur Zeit auch Chef des Kölner Kleinsenders Vox. Und Bach steht immer mittendrin.

Walther Tröger hält hof im Deutschen Haus. Bei Bier und Würstchen läßt sich der Anführer der deutschen Mannschaft von Rodel-Olympiasieger Georg Hackl mit einem Schaumstoffhammer ("Das ist der Lille-Hammer") aufs lichte Haupthaar klopfen, und er genießt die Blicke der Funktionärskollegen, weil er bei der täglichen Pressekonferenz auf dem Podium neben den Medaillengewinnern sitzt.

In der teutonischen Kolonie fühlt sich Tröger, 65, sicher, hier ist man auf seine »Wir sitzen doch alle in einem Boot«-Ideologie eingeschworen, hier hat er das Sagen. Und zu den konspirativen Zirkeln wird er ohnehin fast nie bestellt.

Die beiden deutschen IOC-Mitglieder repräsentieren die Antipoden des Sportmanagements. Sie sind der Beweis dafür, daß in der Führungsebene des nationalen Spitzensports vor allem die Gattungen Kleingärtner und Karrierist überleben: Altvordere wie Tröger, die nicht mit dem Wirtschaftszweig Sport gewachsen sind und ständig um ihre Macht bangen - oder Manager wie Bach, die zielstrebig zu noch mehr Image, Umsatz, Marketing stürmen.

Regisseure wie Willi Daume oder Willi Weyer, die in ihren Glanzzeiten zwischen der Nähe zu den Athleten, einer behutsamen Professionalisierung und einem zeitgemäßen ideologischen Fundament gekonnt die Balance hielten, haben keine Nachfolger gefunden.

Tröger zählt Medaillen, Bach die Tage, bis er ins Exekutivkomitee, das Kabinett des IOC, gewählt wird. Bach interessieren die Zahlen vor, Tröger jene hinter dem Komma. Tröger flaniert auf der Lindenstraße, Bach in der Wall Street des Sports. Gegen Zeitgenossen wie Tröger gingen Jugendliche 1968 auf die Straße - doch so glatt wie Bach wollten sie auch nie werden.

Der Sprung ins IOC, für Tröger Höhepunkt eines Funktionärslebens, bedeutet für Bach erst den Anfang. Zielstrebig erarbeitet sich der Fecht-Olympiasieger von 1976 als »Botschafter des IOC in Deutschland« den Status eines Politikers.

Nach der fehlgeschlagenen Berlin-Bewerbung doziert er über »deutsche Standortprobleme«, als Schirmherr der Sparkassen-Aktion »Fair Play« legt er sich ein moralisch korrektes Image zu. Wie der Generalsekretär einer Partei muß er mit Samaranchs Reformideen hausieren gehen, um die Stimmung unter den Mitgliedern auszuloten. »His Masters Voice«, spotten IOCler über den ergebenen Kollegen.

Zur Freude von Samaranch pflegt Bach einen besonders guten Draht zu Klaus Kinkel. Der Außenminister ("Den kenne ich schon lange") tut Bach den Gefallen und läßt eine Eloge über »Verdienste der olympischen Bewegung« und »die Idee des olympischen Friedens« verbreiten. So glaubt Bach seinen Herrn, der letzte Woche zur symbolträchtigen Mission nach Sarajevo ("Hören Sie bitte auf zu kämpfen!") aufbrach, dem ersehnten Friedensnobelpreis näherzubringen.

Das Minenfeld der deutschen Sportverwaltung überläßt Bach dem Verbandsmenschen Tröger. Ob Sporthilfe, Deutscher Sportbund - überall hat der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) in den letzten 30 Jahren gedient, Vertraute hinterlassen und so ein System installiert, das nur der Selbsterhaltung dient.

Beim »Buchhalter«, wie Tröger in der Frankfurter NOK-Zentrale heißt, laufen die Fäden zusammen, die er in einen Knoten verwandelt. Das Credo des mißtrauischen Machtmenschen: »Wir hatten klare Kriterien, die wir flexibel angewandt haben.«

Als zum Olympiastart der Bobtrainer Gerd Leopold als ehemaliger Offizier der Staatssicherheit geoutet wird, der Athleten zu DDR-Zeiten Anabolika verabreicht hat, gibt Tröger ("Alles nur Theater") quasi eine Ehrenerklärung ab. Und wann die Vergangenheit bewältigt wird, bellt der Teamchef, »entscheiden noch immer wir«.

Während Bach mit Samaranch frühstückt, marschiert Tröger zur Fahnenweihe im olympischen Dorf. Hände an der Hosennaht, verfolgt der deutsche Funktionär im Kreise dreier deutscher Rodlerinnen die deutsche Fahne zu den Klängen der deutschen Hymne mit den Augen auf dem Weg zur Mastspitze. Die Zeremonie hat »Walther Wichtig«, wie er bei Athleten heißt, schon neunmal mitgemacht, er hat sie gar erfunden, »als Bürgermeister vom olympischen Dorf in München«.

Almuth Tröger ist stolz auf ihren Mann. In Lillehammer hat er sogar »der Sonja«, wie er Norwegens Königin vertraulich nennt, die Hand schütteln dürfen. Die Höhepunkte des Repräsentantendaseins, wenn er mit Konsuln oder Delegationsleitern floskelt, hält die Gattin mit der Pocket-Kamera fest.

»Walther, du mußt hierher gucken«, befiehlt sie. Strahlend hält Tröger zwei hölzerne Maskottchen ins Bild und macht einen Witz: »Könnten meine Enkel sein.« Als Fotografen nahen, stellt sich Almuth zu ihrem Walther.

Bach mag sich mit nationalem Dekorprogramm nicht aufhalten. Er hängt allenfalls mal Olympiasiegern die Goldmedaille um, ansonsten nutzt er die Spiele als seinen privaten Wirtschaftsgipfel. Ungeduldig läuft er vor der Glastür von Lillehammers Mercedes-Filiale auf und ab, in der die Ausstellung »Sport und Technik« eröffnet wird. Ehrengast Samaranch läßt auf sich warten.

»Eigentlich ist er mehr Preuße als Spanier«, entschuldigt Bach seinen Mentor und streicht den gelben Schal mit dem dreigezackten Stern glatt. Als Samaranch im Renault vorfährt, begrüßt ihn Bach als erster. Wie zum Beweis dafür, daß er das Prinzip IOC begriffen hat, trägt der Anwalt aus Tauberbischofsheim die Insignien des exklusiven Zirkels, eine Rolex mit olympischen Ringen auf dem Ziffernblatt. Doch werden ihm die Blicke peinlich, läßt er das Goldstück elegant in den Ärmel rutschen.

Als Mitglied der juristischen Kommission warnt Bach den Präsidenten vor Fallstricken; wenn eine Umfrage ergibt, daß 60 Prozent der Norweger Samaranch nicht mögen, dann leidet Bach mit. Und in der Marketingkommission fahndet er unentwegt nach neuen Geldquellen. Olympische Ideale auf den Lippen, die Karriere im Herzen und die Registrierkasse im Kopf - das macht Eindruck an der Spitze des Olympiakonzerns.

IOC-Vizepräsident Dick Pound schlendert mit dem »Senator Card«-Paket unterm Arm durch die Hotellobby. Die Plastikkarte für die Extraportion Privilegien sowie Freiflüge im Wert von einer Million Dollar haben die Mitglieder Bach zu verdanken. Dafür darf sich die Lufthansa »offizielle Fluglinie des IOC« nennen.

»Er hat uns sehr geholfen«, lobt Lufthansa-Vorstandsmitglied Hemjö Klein und schiebt ungefragt noch ein paar Komplimente nach: »Bach ist bissig, er weiß, was er will.« Auch Chefvermarkter Pound, der den kränkelnden Samaranch womöglich schon im Sommer ablösen wird, schätzt Bachs Mühen: »Er weiß, wie man eine Mark macht, er ist sehr enthusiastisch.«

Grundsätzlich sei der forsche Deutsche auf dem richtigen Gleis. Aber im Gegensatz zu routinierten Olympiern verhalte er sich wie der junge Stier, der mit seinem Vater vom Hügel hinab auf die Kühe im Tal blickt. Pound: »Der Junge sagt: Laß uns runterrennen und es einer besorgen. Der Alte antwortet: Lasse uns hinabschreiten und sie alle bedienen.«

Im Wissen, daß mangelnde Loyalität im Geheimbund IOC fast so verpönt ist wie der fehlende Draht zur Wirtschaft, hält sich Bach von Tröger fern. Als fürchte er den Einfluß des aufstrebenden Kollegen, redet Tröger herablassend über Bach ("Er sucht Kontakte, die ich seit Jahren habe"). Bach spricht über Tröger am liebsten gar nicht. Man übersieht sich.

Während Tröger im Deutschen Haus in Lillehammer tafelt ("Man könnte meinen, wir arbeiten hier gar nicht") und Gattin Almuth »Happy Birthday« für Geburtstagskinder intoniert, hat sich Bach mit Kleinert und dem IOC-Ehrenmitglied Berthold Beitz in eine Ecke verzogen.

Jede Nähe zu Tröger, das weiß Bach, würde seine Reputation bei Wirtschaftskapitänen gefährden. Denn der NOK-Chef verschreckt nicht nur mit seinen Herrenwitzen die Sponsoren. Mitregentin Almuth soll allzu laut erklärt haben, ihr sei Olympia 2000 in Peking lieber als in Berlin. »Ohne die Trögers«, sagt der Manager eines deutschen Konzerns, »wären mehr Firmen bereit, das Olympiateam zu fördern.«

Daimler-Benz-Sprecher Kleinert etwa wartet vergebens auf beim NOK angemahnte Vorschläge, wie in den von Mercedes geförderten Olympiastützpunkten gespart werden könnte. Weil Tröger »weder Ideen noch überzeugende Konzepte vorlegen« könne, wird beim Automobilkonzern schon darüber nachgedacht, die Förderung drastisch zu kürzen.

Vielleicht, sinniert Kleinert, müsse man, wie schon mit dem Deutschen Leichtathletik-Verband nach den Dopingskandalen exerziert, die Diktatur der Funktionäre aushungern. Dann könnte ein von Experten geführter Dachverband, wie in Italien oder England, das derzeitige Wirrwarr ersetzen.

Der starke Mann, das ist klar, wäre dann Bach. »Thomas ist eines unserer besten Mitglieder, ihm steht eine strahlende Zukunft bevor«, lobt IOC-Präsident Samaranch.

Der zweite Deutsche wird kaum noch beachtet. Als angeregt wurde, Tröger zum 65. Geburtstag Anfang des Monats per Telegramm zu beglückwünschen, fragte Samaranch nur: »Wozu?« Y

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 85 / 110
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.