Zur Ausgabe
Artikel 41 / 78

BORUSSIA DORTMUND Klasse ohne Kasse

aus DER SPIEGEL 20/1966

Neun Tage nachdem Münchens Mannschaft in Rom der Olympische Auftrag zuteil wurde, verschaffte sich der deutsche Sport den nächsten international bedeutenden Pluspunkt. Der Fußballelf der Dortmunder Borussia gelang, was noch keiner deutschen Mannschaft geglückt war: ein Europacupsieg.

Beim Sieges-Bankett in Glasgow nach dem 2:1-Erfolg gegen den FC Liverpool bedachte Borussen-Trainer Willy Multhaup, 62, nüchtern das nächste Ziel: »Wir wollen die Deutsche Meisterschaft.« Die Spieler tranken am Abend ihres wichtigsten Erfolges Obstsaft.

Schon vor dem europäischen Cupfinale war der BV 09 Borussia Dortmund erfolgreichster deutscher Fußballklub seit dem Zweiten Weltkrieg: Die Mannschaft sammelte sechs westdeutsche und drei deutsche Meistertitel, dazu einen deutschen Pokalsieg. Nur zwei von 16 Borussia-Nationalspielern waren schon als Stars zum Klub gestoßen: Torwart Hans Tilkowski und Stürmer Reinhard Libuda.

Die anderen wurden bei Borussia zu Stars. Systematisch suchten die früheren Spieler Herbert Sandmann und Helmut Bracht nach Talenten. Die Späher fahndeten an den Wochenenden auf den Plätzen kleiner Amateurklubs. Sie entdeckten fast in jedem Jahr entwicklungsfähige Spieler, die nur unbedeutende Ablösesummen kosteten.

So fanden sie auch das jahrelang erfolgreichste Stürmergespann ihrer Mannschaft, Jürgen Schütz und Friedhelm Konietzka, bei zwei Vorstadtvereinen. In der Dortmunder Equipe entdeckte sie der damalige Bundestrainer Herberger für die Nationalelf. Schütz kaufte der italienische Klub AS Rom 1963 für insgesamt 800 000 Mark.

Vor einem Jahr verließ auch Konietzka den Verein. Er hatte zuletzt weitaus die meisten Tore geschossen, 43 allein in den ersten zwei Bundesligajahren. Mit Konietzka wanderte 1965 auch - der nach ihm gefährlichste - Stürmer Brungs ab. Selbst die eigenen Anhänger rechneten deshalb für die laufende Meisterschaft allenfalls mit einem Mittelplatz in der Tabelle.

»Wir hatten Dusel mit unserem Trainer«, erklärte Borussia-Verteidiger Gerd Cyliax den unerwarteten Aufstieg zur Tabellenspitze und ins Europa-Endspiel. Zur Saison 1965/66 hatte Borussia als neuen Trainer Willy Multhaup verpflichtet.

»Gute Kondition ist selbstverständlich«, predigte Multhaup. »Viel wichtiger ist die psychologische Vorbereitung.« So weigerte er sich, bei einem Fernseh -Interview seine Mannschafts-Aufstellung für das nächste Spiel zu nennen: »Das sage ich zuerst meinen Spielern.« Stamm- und Ersatzspieler behandelt er gleich. In den Pausen wichtiger Spiele stachelte Multhaup seine Spieler auf: »Wenn ihr gewinnt, stimmt die Kasse.«

Der neue Trainer steckte Borussia in ein neues taktisches Schema. Vor dem

Tor bildete er eine dichte Kette von vier Verteidigern. Je nach Situation verbanden zwei oder drei Mittelfeldspieler die Abwehr mit den Sturmspitzen. »Blut und Tränen wie Churchill«, kündigte Multhaup seiner Mannschaft an. Aber er hob zugleich ihr Selbstvertrauen.

So wuchsen in diesem Jahr unter Multhaup die Stürmer Lothar Emmerich und Siegfried Held in die Nationalmannschaft hinein. Emmerich hatte jahrelang im Schatten seines früheren Mannschaftskameraden Konietzka gestanden und sein Selbstvertrauen eingebüßt. Kürzlich überbot er mit 31 Toren den Bundesliga-Rekord des Hamburgers Uwe Seeler (30 Tore) für eine Saison. Selbst Emmerichs Träume paßten ins Fußball-Milieu: Zwei Nächte vor dem Europa-Finale schreckte er seinen Freund Held im Trainingscamp aus dem Schlaf: »Siggi, schieß.«

Trainer Multhaup bereitete seine Mannschaft auf jedes Spiel besonders vor. Vor dem Spiel gegen Liverpool beschaffte er alle verfügbaren Filme, in denen seine Kicker die Eigenarten Liverpools studieren konnten. Im Training verwendete er den Balltyp, der später in Glasgow benutzt wurde.

Doch alle Vorkehrungen und Siege brachten Borussia nicht vom Rande des Defizits fort. »Wenn wir über ein ausreichendes Stadion Verfügten«, bedauerte Borussia-Vorsitzender Wilhelm Steegmann, Prokurist bei der Hoesch AG Westfalenhütte, »könnten wir uns jetzt auf viele Jahre sanieren.« 1965 wies die Bilanz trotz Einnahmen von 2 337 683 Mark ein Defizit von 43 532 Mark aus.

Um ihre Einnahmen zu erhöhen, mieteten die Borussen 1964 eine Sitztribüne. So faßte das Dortmunder Stadion »Rote Erde« zwar statt 42 000 nur noch 34 000 Zuschauer. Aber die vermehrte Anzahl von Sitzplätzen steigerte die optimale Gesamteinnahme um 20 000 Mark auf 160 000 Mark. 48 Prozent der Einnahmen aus dem Kartenverkauf muß Borussia als Miete, für Steuern und Verbandsabgaben wieder ausschütten. Allein 88 000 Mark kosten im Monatsdurchschnitt Trainer, Spieler und Helfer.

Die Stadt will freilich »für einen einzelnen Verein« (Oberstadtdirektor Walter Kliemt) nicht die erforderlichen 15 Millionen Mark für einen Tribünen -Neubau ausgeben. Deshalb planen die Borussen, eine zweite provisorische Tribüne für 500 000 Mark zu errichten. Sie soll die Platzzahl im Stadion auf 55 000 erweitern.

Noch in dieser Saison mußte die Mannschaft für 5000 Mark zu Freundschaftsspielen antreten. »Jetzt sind wir 50 000 Mark wert«, freute sich Spielausschuß-Vorsitzender Heinz Storck. Beim Cup-Endspiel verhinderten freilich Regenwetter und die Fernseh-Direktübertragung die erhoffte Kassenschwemme: Nur 42 000 Zuschauer zahlten.

Angesichts der ständig angespannten Kassenlage des Klubs wollte ein Mäzen den Spielern für den Europacupsieg deshalb aus eigener Tasche je 6000 Mark auszahlen. Doch die deutschen Fußball -Gesetze erlauben das großzügige Präsent nicht: Das Lizenzspieler-Statut gestattet höchstens 2000 Mark für einen Sieg im Europapokal der Pokalsieger.

Einen dauerhaften Vorteil brachte der Sieg im Europacup dagegen Borussias Zweitem Vorsitzenden Willy Heimann ein. Er gewann seine Wette um eine lebenslängliche Bierrente.

Borussia-Spieler in Glasgow mit Europacup: Talente aus der Vorstadt

Zur Ausgabe
Artikel 41 / 78
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.