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MARATHONLAUF Klasse und Masse

Marathonläufer von Weltklasse können Millionen verdienen. Sie sind zugkräftige Lokomotiven im wachsenden Jogging-Markt. *
aus DER SPIEGEL 19/1985

Durch Supergagen machten der britische Mittelstreckenläufer Sebastian Coe und der US-Springer und Sprinter Carl Lewis ebenso große Schlagzeilen wie durch ihre Olympiasiege. Doch den Bestverdiener der Leichtathletik-Branche kennen nur Experten: Der portugiesische Marathon-Olympiasieger Carlos Lopes, 38, holte aus einem Rennen, dem April-Marathon in Rotterdam, 500 000 Mark heraus. Das entspricht einem Kilometergeld von fast 12 000 Mark.

Lopes, ein gelernter Automechaniker, hatte eine Garantie von 200 000 Mark erhalten. Denn Hauptsponsor Nike, eine US-Sportschuhfirma, benötigte in Rotterdam zumindest »ein As im Ärmel«, um gegen das »volltönende Konkurrenzunternehmen« ("Sport«, Zürich) tags darauf in London zu bestehen.

Zusätzlich zur Garantiegage bekam Lopes 150 000 Mark Startgeld, und ebensoviel erlief er sich als Prämie für seine Weltbestzeit: Er schaffte die 42,195 Kilometer in 2:07,11 Stunden. Er rannte quasi 422mal hintereinander 100 Meter in 18,085 Sekunden.

Steven Jones, der Sieger von London, nahm immerhin 65 000 Dollar mit, 20 000 weniger, als er 1984 in Chicago kassiert hatte. Der Norwegerin Ingrid Kristiansen brachte der Sieg im Londoner Frauenwettbewerb sogar 300 000 Mark: Sie hatte eine neue Weltbestzeit aufgestellt.

»Auf der Straße wird das meiste Geld verdient«, stellte die »Süddeutsche Zeitung« fest. Die britische »Financial Times« nannte den Grund: »Marathonrennen bringen den Laufmarkt in Trab.«

Im Marathonlauf verzahnen sich Klasse und Masse, mengen sich Markt und Käufer. Olympiasieger und Langstrecken-Stars laufen in einem Rennen mit Tausenden von Freizeitrennern. Kunden treffen ihre Idole, die zugleich als Werber für die Ausrüster-Firmen auftreten.

Vor etwa 20 Jahren war die Jogging-Welle als Reaktion auf den Bewegungsmangel in der modernen Zivilisation und auf das zunehmende Gesundheits-Bewußtsein hochgeschwappt. Allein in der westlichen Welt joggen, vorsichtig geschätzt, regelmäßig 50 Millionen Menschen, 30 Millionen allein in Nordamerika. Zwar übertreibt es nur ein harter Kern bis zum Marathon, aber jeder Jogger benötigt zumindest eine Grundausstattung.

»Ein guter Laufschuh kostet zwischen 80 und 150 Mark«, so Jogger-Autor Michael Rieländer ("Gesund durch Geländelauf"). Er warnt vor Billigprodukten und empfiehlt »immer eine halbe Nummer größer als bei Ihrem Straßenschuh« zu kaufen. Shorts, T-Shirts, Trainingsanzug, saugfähige Unterwäsche, Handschuhe für den Winter, Schutzhüllen für Regentage gehören ebenfalls zur Ausstattung, die der britische Freizeitläufer Ian Hamilton Fazey mit mehr als 800 Mark veranschlagte.

Bei nur 500 Mark durchschnittlichem Einstandspreis ergäbe sich ein Marktumsatz von 25 Milliarden Mark für die Erstausstattung der Jogger zwischen Berlin und Boston, Aberdeen und Adelaide. Und der Markt wächst.

Mit der Zahl der Trainingskilometer nimmt der Verschleiß zu. Je intensiver ein Jogger auf den Lauf-Trip gerät, desto empfänglicher wird er überdies für speziellere Angebote: eine Casio-Armbanduhr zum Beispiel, die anzeigt wie weit der Läufer dem angestrebten Tempo voraus oder hinterher ist.

Ein anderes Instrument überwacht den Puls, Fußschweiß läßt sich durch eine Lotion mit Pfefferminzgeruch überlagern. Ein Walkman mit suggestiven Sprüchen stärkt das Selbstbewußtsein. Sogar angreifende Schäferhunde können zumindest US-Jogger schon mit Ultraschall-Stäben verjagen.

Der einstige britische Marathon-Europameister Ronald Hill, ein ausgebildeter Textilchemiker, begann noch während seiner Lauf-Karriere mit dem Versandhandel von Lauf-Artikeln. Inzwischen führt er neben fünf Geschäften in Manchester einen Großhandel mit Exportabteilung und setzt jährlich mehr als drei Millionen Mark um.

Spätestens, wenn sich Lauflust zur Sucht entwickelt hat, konsumiert der Intensiv-Jogger spezielle Nahrung, die ihm in der Branche den Spottnamen »Körnerfresser« eingetragen hat. Wer Marathon läuft, ersetzt die dahinschwindenden Spurenelemente durch ausgeklügelte Präparate wie »Biovital Energen«, die zugleich Vitamine und Eisen enthalten. Drohenden Krämpfen beugen Vorsichtige mit »Magnesium Verla« vor.

Jede Marathon-Veranstaltung bietet zugleich ein Testfeld und eine Mustermesse für Laufartikel. Der London-Marathon,

so die »Financial Times«, sei das »größte Werbeereignis für das Laufen in Großbritannien«. Die wachsende Zahl der Läufer und der Zusammenklang von Sportwettkampf und Werbung haben zu einer Inflation von Marathon-Rennen geführt.

Inzwischen finden von Januar bis Dezember mehr als 1000 Marathonläufe statt. In der Bundesrepublik reicht die Saison vom Husumer Winter-Marathon im Februar bis zum Advent-Marathon in Arolsen im Dezember. »Dazwischen liegt ein riesiges Angebot«, heißt es im Bilderbuch »Marathon« (Herausgeber: Hans-Jürgen Usko), das alle Aspekte des längsten olympischen Rennens schildert, bis hin zur Karte mit 72 bundesdeutschen Marathon-Orten.

Das Urbild aller Marathonläufer, der Grieche Pheidippides, der 490 vor Christus von Marathon, der Stätte einer historischen Schlacht zwischen Griechen und Persern, 40 Kilometer bis Athen gerannt war, hatte noch gekeucht: »Wir haben gesiegt.« Dann war er tot zusammengebrochen. In der Bundesrepublik überstanden 1984 schon 20 000 Läufer den Marathon-Trip, in Großbritannien mehr als 100 000.

Längst haben sich Reisebüros eingeklinkt: Sie organisieren den Marathon-Tourismus nach Reykjavik (ab 1500 Mark) und Rio (ab 3175 Mark), nach Sydney (3690 Mark) und New York (1575 Mark). Enthalten sind gewöhnlich Flug, Hotel und Startgebühr.

Sogar Hamburg, das zwar seinen volksfestartigen Alsterstaffellauf für Jedermann-Sportler zu einem Randereignis verkommen ließ, will 1986 mit einem Millionen-Budget die Kette der Stadtmarathons verlängern.

Die Zahl der teilnahmewilligen Läufer sprengt inzwischen die Möglichkeiten der bedeutenderen Veranstalter. Die Organisatoren des Frankfurter Stadtmarathons (Hauptsponsor: der Chemiekonzern Hoechst) wünschen nur 7000 Teilnehmer. Mehr verkraften die teils engen Straßen nicht, mehr überfordern auch den ehrenamtlichen Service an den Verpflegungsstellen und im Ziel. 1984 ließ New York 18 000 Läufer zu, 42 000 mußten die Veranstalter abweisen. Einige Organisatoren verlangen Qualifikations-Leistungen, andere wie New York, losen die startberechtigten Teilnehmer in einer Lotterie aus.

»Sie wollen mitlaufen«, schrieb der Amerikaner Alberto Salazar, »weil sie wissen, daß der Lauf im Fernsehen übertragen wird«, und weil »einige der weltbesten Marathonläufer vor ihnen rennen«. Doch die Veranstalter stecken in einem Dilemma. Sie benötigen mindestens einen weltbekannten Star im Rennen. Das knappe Dutzend zugkräftiger Medaillen- und Meisterläufer hält jedoch pro Jahr nicht mehr als drei oder ausnahmsweise vier Marathonrennen ohne Substanzverlust durch.

Also müssen sich New York und Chicago, deren Veranstaltungen nur eine Woche trennt, »gegenseitig überbieten, um Topläufer anzuziehen«, erklärte Salazar die Situation. Der dreimalige New-York-Sieger ergatterte bei der Schuhfirma Nike einen Dreijahresvertrag über 750 000 Dollar. Sein Marktwert stieg nach gemeinsamem Jogging mit US-Vizepräsident George Bush und einem Empfang im Weißen Haus bei Präsident Ronald Reagan.

Garantiesummen von Sponsoren, Startgelder, Sonderprämien treiben die Preise in die Höhe. Stars, denen zugetraut wird, in einem Weltklassefeld unter die ersten fünf zu gelangen, verlangen 50 000 Dollar Startgeld. Der Deutsche Herbert Steffny erhielt 1984 als Prämie für den dritten Platz in New York noch 54 000 Mark.

Der traditionsreiche Boston-Marathon dagegen, bei dem sich 1966 erstmals eine Frau auf die längste olympische Strecke gemogelt hatte, rutschte zu einer zweitrangigen Veranstaltung ab: Dort locken keine Preisgelder, deshalb blieben die Stars aus. 1985 meldeten sich nur noch 5500 Teilnehmer, 1300 weniger als im Jahr zuvor.

Trotz hoher Prämien kann die Rechnung aufgehen. Sponsoren und das Fernsehen verschafften den Ausrichtern des London-Marathons 1,1 Millionen Mark Einnahmen. Hinzu kamen Startgebühren von 22 000 Teilnehmern, jeweils sechs Pfund (23 Mark) bei Briten und 15 Pfund (57 Mark) bei Ausländern. So war 1984 ein Überschuß von 450 000 Mark geblieben.

Das Fernsehen überträgt immer häufiger live: Der Kampf der Stars um den Sieg bis zum Zusammenbruch bietet Spannung, Unterhaltung schafft der Blick auf manchmal unfreiwillig komische Läufer oder der mitunter masochistische Kampf der Lauffanatiker gegen Erschöpfung und Kilometer. Dafür zahlen sie bis zu 70 Mark Startgebühr.

Die Rennen in Chicago und in New York übertrugen US-Sender innerhalb von acht Tagen. Aber auch in Rotterdam und London liefen TV-Kameras drei Stunden mit. Das japanische Fernsehen zahlte für die Übertragung des ersten Marathon-Weltcups im April aus Hiroschima die Rekordsumme von zwei Millionen Dollar, obwohl bekannte Stars fehlten: Hohe Startgelder und Prämien lockten sie zu den kurz darauf stattfindenden Rennen in Rotterdam und London.

Nahezu unbekannte Läufer aus dem 330 000-Einwohner-Land Dschibuti nutzten die Chance. Sie hatten in Frankreich trainiert und siegten in Einzel- und Mannschaftswertung. Nun gehören sie zu den teuersten Stars der kommenden Marathon-Veranstaltungen.

Schon im Oktober könnte einer von ihnen durch ein Rennen Millionär werden. Der Road Runners Club von New York lobte eine Million Dollar für den Marathonsieger aus, der die Strecke in weniger als zwei Stunden und sieben Minuten zurücklegt. _(Djama Robleh, Dritter, und Ahmed Salah, ) _(Einzelsieger des 1. Marathon-Weltcups am ) _(14. April. )

Djama Robleh, Dritter, und Ahmed Salah, Einzelsieger des 1.Marathon-Weltcups am 14. April.

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