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HARY Klima-Wechsel

aus DER SPIEGEL 35/1959

Vor die Wahl gestellt, in Deutschland

die Demütigung einer Disziplinarstrafe in Gestalt einer vierwöchigen Startsperre zu ertragen oder - trotz völlig fehlender englischer Sprachkenntnisse - neun Monate in Kalifornien zu leben, entschied sich Europas schnellster Sprinter, der 22jährige Saarländer Armin Hary, für die amerikanische Westküste.

Als Hary am Dienstag vergangener Woche von Amsterdam aus nach den USA abflog, konnte er sich dem angenehmen Gefühl hingeben, die Wirksamkeit der gegen ihn ausgesprochenen Strafe elegant umgangen zu haben.

Denn just zur gleichen Zeit, als ihn sein Verein »Bayer Leverkusen 04« mit der Sperre bestrafte - »Das sportliche Verhalten von Hary war in letzter Zeit mehrfach zu beanstanden« -, erreichte den Schnellauf-Europameister ein für zwei Semester befristetes Stipendium-Angebot des renommierten kalifornischen San-José-State-College, dessen Trainer Lloyd Winter unter Hinzuziehung Harys die schnellste Sprintstaffel amerikanischer Schulen aufbauen will. Hüben brüskiert, drüben begehrt: Hary zog von hinnen.

»Ist die USA-Reise (Harys) ein Verzweiflungsschritt?«, sorgte sich im »Sport-Magazin« der abgetretene Rekordsprinter Heinz Fütterer. Und der Kritiker Ernst Werner warf im Fachblatt »Sport« düstere Fragen auf: »Ist Hary aus Deutschland hinausgegrault worden? Hat man ihn in die Rolle des Außenseiters, des schlechten Kameraden gedrängt?«

In der Tat war es unter seltsamen Umständen zu der Maßregelung Harys gekommen, die Europas schnellsten Läufer in die USA trieb. Auf eine kurze Formel gebracht, war der Grund seiner Sperre, daß er nicht alles tat, was die Leichtathletik-Funktionäre von ihm verlangten.

Sie forderten beispielsweise auf der Europameisterschaft 1958 in Stockholm, wo Hary in einem sensationellen Rennen den Titel über 100 Meter errang, daß Blitzstarter Hary in der 4 X 100-Meter-Staffel als Startläufer anzutreten habe. Hary lehnte mit dem Hinweis ab, das damit verbundene Kurvenlaufen bedrohe seine sensible Beinmuskulatur.

Damit provozierte er das Mißfallen der Offiziellen, die kurzerhand auf ihn verzichteten, -als er beim nächsten Länderkampf (gegen die Sowjet-Union in Augsburg) wieder die Kurve nicht laufen wollte. Der Verzicht auf Hary war eine Maßnahme, die das »Betriebsklima« in der deutschen athletischen Spitzenklasse für den seinen Sprinterkonkurrenten nur läuferisch gewachsenen Feinmechaniker Hary nicht verbesserte. Klagte Hary: »Alle waren gegen mich.«

Nach seinem aus Formalgründen nicht anerkannten 100-Meter-Weltrekord von 10,0 Sekunden* wurde Hary im Schweizer Blatt »Sport« als »physiologisches Wunder« gefeiert; zugleich bescheinigte ihm die Zeitung. daß »seine Interessen weitgehend denen eines Teenagers« entsprachen. Genau das war Harys weiche Stelle, die er durch überbetonte Forschheit und verstärktes Selbständigkeitsbestreben zu härten suchte.

Das bestätigte Harys Trainer Sumser, als er die zur Sperre seines Läufers führenden Vorkommnisse erläuterte: »Hary wollte sich wichtig machen.«

Harys Versuche, ein Mißverhältnis zwischen seinem Innenleben und der. Umwelt auszubalancieren und seine Wichtigkeit herauszustellen, wirkten freilich sonderbar: Der prominente Kurzstreckler mit dem Teenager-Gemüt begründete nämlich zum Beispiel sein Versagen beim Duisburger Sechsländerkampf mit einer nicht sichtbaren Verletzung, die ihm niemand glauben wollte. Diagnostizierte der Kasseler Internist und Präsident des Deutschen Leichtathletikverbandes (DLV), Dr. Max Danz: »Ich lasse mich hängen, der ist doch nicht verletzt - der hat keine Form!«

Dessenungeachtet schickte der Leverkusener Verein, dessen Sprintstaffel-Chancen bei den bevorstehenden Deutschen Meisterschaften von Hary abhingen, seinen Europameister zu ärztlicher Betreuung nach Saarbrücken. Statt den Vereinswünschen zu folgen, irrte der schnelle Jüngling vom Pfad sportsmännischer Tugend ab und erlag einem starken Drang, der ihn den Weg nach Borkum finden ließ, wo er beim Masseur Prümer auf Heilung hoffte.

Es fügte sich trefflich, daß Hary hier auch Freundin Ingrid, 19, antraf. Weniger günstig war es, daß zur gleichen Zeit auch der Personalchef der Bayer-Werke, bei denen Hary beschäftigt war, auf Borkum Erholung suchte. In den Dünen sah der Personalchef einen jungen Athleten umherspringen, den er unschwer als das Bayer-Belegschaftsmitglied Hary identifizierte, nach dem der verärgerte Leverkusener Klubvorstand bis nach den Meisterschaften vergebens fahndete.

Verteidigte sich Hary: »Ich habe sehr empfindliche Kniegelenke und war monatelang verletzt. Kein Mensch kümmerte sich um mich, kein Arzt konnte mir helfen. Daher fuhr ich zu Prümer, denn ich möchte länger laufen als nur noch ein Jahr.«

Kurz vor seiner Abreise nach den USA konnte Hary indes feststellen, daß sich der DLV um ihn sorgte und eifrig bemuht war, ihn zum Verbleiben in Deutschland zu bewegen. Frohlockte Hary: »Jetzt kommen diejenigen angekrochen, die mich mit Füßen traten.«

Kaum weniger drastisch befand Trainer Sumser über das Ende der Hary-Affäre: »Entweder wird er drüben ein ganzer Kerl oder er geht vor die Hunde.«

Allein die Fußballzeitschrift »Kicker« sah das Dilemma von der praktischen Seite und orakelte: »Hary ... wird im Klima der Weltrekorde vielleicht . . . seine allerbeste Form finden.«

Freilich ist noch nicht sicher, ob Hary in den USA überhaupt an Wettläufen teilnehmen darf. Dr. Danz macht die Genehmigung überseeischer Hary-Sprints von einer Rückfrage beim amerikanischen Athletik-Verband abhängig, um zunächst herauszufinden, ob es sich bei Harys Einladung um einen »Ziehversuch« handelt, »denn ein Ausverkauf der europäischen Leichtathletik kommt nicht in Frage!«

Räsonierte die »Frankfurter Allgemeine« gegen Danz: »Dem Präsidenten des Deutschen Leichtathletikverbandes stünde es nicht schlecht an, würde er seinen drohenden einige verbindlichere Worte anhängen. Man möchte sonst an der freien Willensentscheidung auch westlicher Sportler zweifeln.«

* Die von Hary benutzte Bahn überstieg mit einem Gefälle von 1.1 Promille das zulässige Maß um 0,1 Promille = ein Zentimeter auf 100 Meter.

Exil-Europameister Hary Immer Ärger

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