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König Lungenzug in der Bundesliga

Fußball-Lehrer Max Merkel über den neuen HSV-Trainer Ernst Happel
aus DER SPIEGEL 33/1981

Ich war rechter Verteidiger bei Rapid Wien. Eines Tages sagte der Trainer nach Durchsicht englischer Lehrbücher im Anglo-Grinzing-Tonfall: »Heute spielt ein splendid linker Back.«

Der Neue hieß Ernst Happel. Die Hände trug er in den Hosentaschen, die Schuhe unterm Arm. Im Mund steckte eine Zigarette. Die Stimme klang wie Rettich auf dem Reibeisen.

Ich spielte wie immer hart, aber fair, immer eingedenk, daß ein liegender Gegner ungefährlicher ist als ein stehender. Der Happel, den wir »Aschyl« nannten, mied Zwiekämpfe ebenso wie lange Läufe. Er spielte Fußball so wie Paganini Geige. Flugbälle konnte er sogar mit dem Hintern stoppen. Als ihn ein Stürmer mal deswegen Arschloch nannte, sagte er »Danke«.

Typen wie er waren wohl schon vor dem Ball da. Der Aschyl schien für den Fußball gebaut zu sein. Beine: O-Form. Füße: Plattsohle mit Stromlinie. Hüfte: Tangogleiter. Stirn: breitflächig, ausreichend für jede Ballgröße. Augen: auseinanderliegend. Dadurch blickte er nach rechts und links wie ein Weitwinkelobjektiv. Nach unten sah er nie, den Ball spürte er blind.

Aber außerhalb des Spiels war dieser Homo ludens ein Luder. Happel ist die präziseste Auslegung für den alten k.u.k.-Spruch »Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps«. Alles was mit F anfing, gefiel ihm. Film, Frauen, Feuerwasser, Fidelitas aller Art. Aber auch bei Skat, Poker und Roulette war er dabei.

Mein Pech ist es gewesen, daß ich sechs Jahre älter war, eines Tages Trainer bei Rapid wurde und diesem König Lungenzug Disziplin beibringen sollte.

Wenn''s hart im Training wurde, Kompaktprogramm nannte ich das, machte mich der Happel weich. Der hatte immer was, um vorzeitig in den Kabinen zu verschwinden. Schaden am Schuh, Schmerzen im Knie, Krächzen im Rachen, Übelkeit im Pansen. Im Spiel war er nie schlecht. Wir wurden Meister und ich ging nach Holland. Zum Abschied sagte ich dem Aschyl: »Wenn du mal Trainer bist, wünsch ich dir einen Hund wie dich als Spieler.«

Vermutlich besteht er aus zwei Leben. Wahrscheinlich mag der Spieler Happel den Trainer Happel auf den Tod nicht. Möglicherweise würde der eine den anderen gern ermorden, doch dafür ist jeder für sich zu gerissen, um es wirklich zu tun.

Im Fußball ist er ein Unbelehrbarer, weil ihm keiner mehr was vormachen kann. Einmal kann der Zufall auch dem einfältigsten Trainer zu irgendeinem Siegspott verhelfen. Aber der Happel räumte überall ab. Das ist Können. Mit Ado Den Haag gewann er Hollands Fußballpokal, mit einer Mannschaft, die der Jupp Derwall zum Schweinehüten geschickt hätte.

Mit Feyenoord Rotterdam ließ der Aschyl überhaupt nichts stehen. Er gewann die Meisterschaft, den Europacup und den Weltpokal. Dann ging er nach Brügge, wo einer wie er mehr im Kerker als im Erker gesessen hätte. Doch Happel wurde zweimal Belgiens Meister.

1978 trainierte er für 300 000 Mark Hollands Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Argentinien. Sie kam ins Endspiel. Den Titel verpaßte sie, weil Happel nur Stürmer mit zu eng aneinanderliegenden Augen hatte. Die sahen das Tor nicht.

Nein, bei aller Wesensfremdheit, der Ernst weiß, wo Barthel den Most herholt. Der hat nirgendwo einen Trainerlehrgang absolviert. Was soll''s auch. Dauernd hätte er den Lehrern dort nur vorkauen müssen, daß sie so ziemlich alles falsch pauken. Er ist ein Trainer von der Sorte Schnuppermann, lieber wittern statt zittern.

Fußball ist nämlich nicht nur die schönste, sondern auch die einfachste Sache der Welt, sofern man sie kennt wie der Happel Ernst. Er redet wenig und guckt viel. Taucht ein Spieler bei S.127 ihm auf, der so ist, wie er früher gewesen war, durchschaut er ihn schneller, als der seine Flops macht. Denn die einzige Medizin gegen Querulanten hilft auch ihm immer: Geldstrafen.

Für Happel sind Spieler Schachfiguren. Solange sie glitzern, solange sie richtig stehen, gefallen sie ihm. Kippen sie um, läßt er sie gleich unter den Tisch fallen.

Die Bundesliga kennt der Aschyl zwar noch nicht, aber sie wird ihn kennenlernen. Er hat 51mal für Österreich gespielt. Außer dem Branko Zebec haben die 16 anderen Bundesligatrainer zusammen nicht so viele Länderspiele bestritten wie der Happel. 1954 bei einem WM-Test hat der Ernst aus Jux sogar ein Tor absichtlich gegen den eigenen Keeper Walter Zeman geschossen. In der deutschen Nationalmannschaft wärst für so was hinterher standrechtlich erschossen worden.

Doch sonst hat der Happel zum österreichischen Vaterland ein inniges Verhältnis. Besonders den Wein und den Schweinsbraten mag er. Daß er dort erst wieder Trainer sein will, wenn er senil ist, verrät seine intakte Vernunft. Er sieht Österreich so wie einst der Fürst Metternich: heiter brutal.

Er schätzt es lieber von draußen als von drinnen. Frau und Sohn leben fern von ihm in der Heimat. In seinem Fußballjob behilft er sich nach Landsknechts-Muster mit Marketenderinnen. Als er mal eine rausschmiß, holte er sie anderntags wieder zurück. Sie hatte seinen Paß mitgenommen.

Beim HSV soll er 33 000 Mark im Monat verdienen. Die braucht er auch, denn die Stadt ist umzingelt von Spielbanken. Trotzdem wird er sein Ziel erreichen: das Sterben in Wien.

Wenn ich ihm heute ins Gesicht schaue, möchte ich schon jetzt die Erste Hilfe verständigen. Er sieht aus wie Beethoven in der Endphase. Aber dann denk ich zurück an unsere Zeit bei Rapid. Er sah als Junger schon so alt aus.

S.126Mit HSV-Spieler Franz Beckenbauer.*

Max Merkel
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