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Konsum-Kinder auf Klassenfahrt

SPIEGEL-Redakteur Kurt Röttgen über die umstrittene Südamerika-Reise der deutschen Fußball-Nationalelf *
Von Kurt Röttgen
aus DER SPIEGEL 52/1987

Franz Beckenbauers schmales Gesicht war glatt und entspannt, die Arme hatte er lässig vor der Brust verschränkt. Allein die tiefliegenden Augen ließen den Streß der vorangegangenen Tage ahnen.

Im »Copacabana Palace«, dem Fünf-Sterne-Hotel am schwülen Strand von Rio de Janeiro, präsentierte vorigen Sonntag der Teamchef der deutschen Fußball-Nationalelf den verdutzten Zuhörern seine neuesten Erkenntnisse.

»Rundherum zufrieden« sei er mit dem 1:1 gegen die Brasilianer, in Europa werde eben »ein ganz hervorragender Fußball« gespielt, auf »sehr hohem Standard«.

Daß die Deutschen dann am Mittwoch in Buenos Aires dem Weltmeister Argentinien 0:1 unterlagen, konnte Beckenbauer zwar da noch nicht wissen, aber er hatte ohnehin vorgebaut: Die Ergebnisse seien zweitrangig, es zählten nur die »unübersehbaren Fortschritte in der Entwicklung unserer Mannschaft«. Denn: »Der Weg ist das Ziel«, das habe schon Konfuzius erkannt.

Der weise Chinese freilich stand nicht bei Millionen von Fußballfans unter strenger Beobachtung. Bei Beckenbauer ist das anders, und er weiß es genau, auch wenn er das Gegenteil behauptet.

»In der Bundesliga kann mich niemand unter Druck setzen«, beteuerte er trotzig nach dem Remis von Brasilia. In Wirklichkeit war er jedoch in den Tagen vor dem ersten Spiel nervös. Ihn ängstigte die Vision, eine womöglich eindeutige Niederlage in der brasilianischen Hauptstadt könnte den Kritikern des Südamerika-Trips zusätzliche Munition liefern.

Wenn nur der Bayern-Manager Uli Hoeneß ("hirnrissig") und Beckenbauer ("Kasperltheater") verbal aufeinander eingedroschen hätten, wäre die Kontroverse als unbeglichene Rechnung der beiden aus gemeinsamen Münchner Kicker-Tagen abzutun.

Den Volksschul-Absolventen aus dem Arbeiterviertel Giesing, der so gerne Arzt geworden wäre, verdroß seinerzeit, daß sich Hoeneß mit anderen Abiturienten im Bayern-Team wie Paul Breitner oder Rainer Zobel schon mal in lateinischer Sprache verständigte. Beckenbauer wiederum hatte von den Fähigkeiten des Fußballers Hoeneß nie eine so hohe Meinung wie der selber und läßt das gerne, zum Ärger des empfindsamen Kollegen, von Zeit zu Zeit fallen.

Doch nicht allein der Manager von Bayern München hätte seine Profis lieber im Erholungsurlaub gewußt als in Diensten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Auch aus anderen Vereinen dringt der Ärger über die anstrengende und sportlich fragwürdige Fernreise.

Zwar gibt der Verband einen Teil der Gage, 50000 Dollar von den Brasilianern, 100000 Dollar von den Argentiniern, an jene Klubs weiter, die Nationalspieler abstellten: 5000 Mark pro Einsatz eines Spielers. Aber das, so argumentierten die Vereinsmeier, wiege bei weitem nicht die Strapazen auf, denen ihre vom Bundesliga-Alltag so arg geschlauchten Angestellten in Übersee ausgesetzt seien.

Ob Udo Lattek vom 1. FC Köln ("Blödsinn"), Schalke-Präsident Günter Siebart ("unverantwortlich") oder Mönchengladbachs Manager Helmut Grashoff ("Schwachsinn"): Sie attackierten Beckenbauer nicht weniger heftig, als es Hoeneß getan hatte.

Das gemeinhin fügsame Fußballer-Personal muckte auf: Angeblich wegen Kniebeschwerden sagte etwa Pierre Littbarski die Reise ab, wie auch andere lädierte Stammspieler. Er sei nicht mehr, so begründete der Kölner, »der doofe Litti, sondern ich denke an meine Gesundheit«.

Aus diesem Reizklima resultierten sowohl Beckenbauers allzu rosige Nachbetrachtung des für jeden Fußball-Ästheten grausigen Brasilien-Kicks wie auch seine häufig wiederholte Versicherung »echte Kerle« mit auf Reisen genommen zu haben. Denen könnten weder Gegner, Zeitumstellung, Hitze, Luftfeuchtigkeit noch streikende Fluggesellschaften etwas anhaben.

Er fühlte sich von den Bundesligaklubs zum Globetrottel karikiert, der zwar liebend gern reist, aber keine Ahnung davon hat, was in der Fremde alles passieren kann. Und der, mit einer ersatzgeschwächten Mannschaft, willkürlich das Ansehen des deutschen Fußballs aufs Spiel setzt. Ein sportliches Fiasko hätte bei seinen Feinden in den Vereinsvorständen

ein kollektives Feixen bewirkt, und davor, so gestand der Teamchef in einer stillen Stunde, »habe ich schon ein bißchen Angst gehabt«.

Den Klubs hatte der leistungsbesessene Beckenbauer zu Beginn der Reise - Präventivschlag und ehrliche Überzeugung zugleich - vorgehalten, sie verhätschelten ihre Stars. Die ganze Branche, so hatte er noch angefügt, sei überzüchtet, der Fußball »soll einfach sein, auch in seinem Umfeld«.

Daß er, damals noch umschwärmter »Kaiser« beim FC Bayern, publicityträchtig im Frack zu den Wagner-Festspielen nach Bayreuth pilgerte oder zu seinem 30. Geburtstag die Weltstadtmit-Herz-Schickeria bewirtete, während seine Münchner Arbeitskollegen nur als Marzipanfiguren auf der riesigen Geburtstagstorte anwesend waren - alles erfolgreich verdrängt.

Eine Bemerkung wie: »Die Spieler müssen nicht unbedingt in First-Class-Hotels logieren, Sportschulen bieten genug Komfort«, würde eher zum Trainertyp Herbergsvater nach der Art eines Klaus Schlappner passen als zum Weltmann Beckenbauer.

Die Brüche im Verhalten des Teamchefs sind zahllos und für seine Umgebung kaum berechenbar. Seinem konservativen Lebensmuster entsprechend, achtet er streng auf Ordnung und Disziplin in der Truppe. »Halt's Maul, Frontzeck«, fuhr er den Mönchengladbacher Verteidiger an, weil der während eines Trainingsspiels über die Leistung von Torwart Eike Immel moserte.

Selbst Lothar Matthäus, in Südamerika Kapitän und einer der Stars im Team, bekam einen Anpfiff, als er sich für einen Moment lang mal nicht an Beckenbauers Regeln hielt. Der Münchner war von Reportern um ein kurzes Statement zum Konfliktthema gebeten worden, ob die Profis beim FC Bayern überversorgt seien. Kaum hatte er zu reden angefangen, erschien Beckenbauer und raunzte: »Was ist los, Pressekonferenz oder Training?«

Mit einem verlegenen Lächeln verschwand Matthäus, ohne auch nur noch ein Wort zu sagen. Der frühere Bundestrainer Helmut Schön hätte es seinerzeit niemals gewagt, seinen Kapitän Beckenbauer derart zu kompromittieren.

Dann lobte der Teamchef unvermittelt den Stuttgarter Debütanten Jürgen Klinsmann, weil »der sich von allen Neulingen am wenigsten angepaßt verhält, sondern richtig selbstbewußt auftritt«. Da wiederum sprach der andere Beckenbauer, der von seinen Spielern verlangt, auf dem Feld Eigeninitiative zu zeigen und Verantwortung zu übernehmen.

Widersprüche zuhauf, wie selbst Baden-Württembergs Kultusminister Gerhard Mayer-Vorfelder befand, Sprecher der Profiklubs und DFB-Delegationsleiter in Südamerika. Der CDU-Politiker, ja durchaus ein Befürworter autoritärer Strukturen im Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern, plädiert bei Fußballspielern für die »Rückverlagerung in die Eigenverantwortung«.

Mayer-Vorfelder weiß, was Beckenbauer auch weiß, im Umgang mit den Spielern aber nur schwer oder gar nicht umsetzen kann: »Wer sich außerhalb des Spielfeldes ducken läßt, der behauptet sich auch nicht auf dem Platz.«

Der Teamchef hat ja fraglos recht, wenn er die Fürsorge der Klubs übertrieben nennt. Auch fördert die umfassende Betreuung eher eine bei den Spielern ohnehin ausgeprägte Konsumentenhaltung, als daß sie ihnen, wie etwa Matthäus behauptet, »ermöglicht, sich auf die wirklich wichtigen Dinge zu konzentrieren«.

Wer einmal, zum Beispiel beim FC Bayern, mitbekam, wie den Profis von devoten Vereinsangestellten saubere Hemden, Hosen, Socken, Schuhe nachgetragen wurden, der konnte sich schwerlich des Eindrucks erwehren, hier werde für Kinder aus besseren Kreisen eine Klassenfahrt vorbereitet.

Auf Reisen der Nationalmannschaft geht es kaum anders zu. So gut wie alles ist reglementiert, selbst die Kleiderordnung vorgeschrieben. »Die Nationalspieler«, hieß es in einer vom DFB eigens für die Südamerika-Tour erstellten Broschüre, »werden die Kombination mit dunkelblauem Sakko und grauer Hose tragen.« Und: »Die von adidas ausgegebenen Freizeithosen und Freizeithemden sollten mit an Bord genommen werden, um diese eventuell während der langen Flugreise zu tragen.«

In einer so genormten Gesellschaft sind Individualisten zwangsläufig rar: Er sehe hier niemanden, so »Bild«-Kolumnist Paul Breitner, an dem er sich ein bißchen reiben könne. Dabei habe er doch früher als Spieler selber seinen Spaß gehabt, wenn es mit Journalisten mal richtig Zoff gegeben habe.

Die Aufsteiger in der Beckenbauer-Truppe bleiben lieber in Deckung. Wie Gleichaltrige in anderen Berufen meist auch, sind sie vor allem darum bemüht, bloß nicht aufzufallen oder gar den Eindruck zu erwecken, aufsässig zu sein. Ihre Kommentare nach den Spielen sind beliebig austauschbar, sie funktionieren quasi wie Sprechautomaten auf Knopfdruck.

Gewiß sind sie, umzingelt von rhetorisch überlegenen Reportern, oft überfordert. Die Medienpräsenz hat weiter zugenommen, die Spieler, so Bremens Trainer Otto Rehhagel, »stehen in der Öffentlichkeit wie Schauspieler, nur haben die ihren Text gelernt«.

Das Klima um die Kicker-Truppe ist inzwischen derart weichgespült, daß sich auch weniger angepaßte Charaktere kaum hervorheben können. Der Stuttgarter Neuling Jürgen Klinsmann etwa ist tüchtig dabei, jene »Ohrfeigen einzustecken«, die Paul Breitner für seine Persönlichkeitsfindung wichtig fand. Mit

der Begründung: »Bei euch Kommunisten kaufen wir nichts mehr«, blieb in der Bäckerei Klinsmann in Stuttgart-Botnang ein Teil der Kundschaft weg, weil Sohn Jürgen einen Anti-SDI-Aufruf unterschrieben hatte. Der Fußballer beharrt darauf, daß ein Profi »eine eigene Meinung haben darf und noch lange kein unpolitischer Mensch sein muß«.

Sein Innenleben, so erzählte Klinsmann mit einer in dieser Umgebung verblüffenden Offenheit, könne er sowieso nicht verbergen, und das wolle er auch gar nicht. Er lese jede Woche den SPIEGEL; brauche dazu »manchmal die Hilfe des Fremdwörterbuches«, aber so könne er »wenigstens politisch mitreden«.

Zum Glück spielt Klinsmann neuerdings besonders gut Fußball, sonst könnte er sich die Vereinsfreunde im Musterländle wohl nur schwerlich vom Leib halten. Beim Herbstball des VfB Stuttgart fragte er unlängst als Moderator den Profi-Kollegen Alexander Strehmel, der gerade von der Junioren-Weltmeisterschaft in Chile zurückgekehrt war: »Habt ihr die Unterdrückung des Volkes durch das Militärregime miterlebt?«

Den Südamerika-Trip nennt Klinsmann »ein tolles Erlebnis«, damit ist er auf Beckenbauer-Kurs. Der schwärmte vor Ort von den »brasilianischen Ballkünstlern« und den alten Zeiten, als, statt der neumodischen Raumdeckung, jeder deutsche Spieler noch eine feste Aufgabe, »seinen Mann hatte: Da waren wir nämlich am stärksten«.

»Manndecker«, neben den »Standardsituationen« die derzeit gängigste Kreation aus dem unerschöpflichen Reservoir deutscher Sportsprache, sind ganz offensichtlich wieder in. Der kleine Hans-Hubert Vogts, »Terrier vom Bökelberg« genannt, gilt immer noch als unerreichter Meister der Manndecker. Er hat eine ganze Generation von Technikern geschafft, und jeder nur halbwegs sensible Gegenspieler erschauerte, wenn das Publikum skandierte: »Berti, faß!«

So direkt im Umgang mit dem Ball war Berti nicht ganz so stark, das ist auch Jürgen Kohler nicht. Dafür ist er ein hochbegabter Manndecker. So sind die Deutschen bis auf Mathias Herget, Olaf Thon und ein paar wenige, dann am stärksten wenn sie dem Gegner den Ball abnehmen müssen und sonst gar nichts.

In Südamerika fiel das nicht sonderlich auf. Auch wenn Beckenbauer es nicht wahrhaben wollte: Das Spiel der Brasilianer hat so gut wie alles vom einstigen Zauber eines Pele, Garrincha. Tostao verloren, und die argentinischen Fußball-Handwerker können sich halt mit Diego Maradona schmücken, dem weltweit herausragenden Ballkünstler.

»Fußball muß ein Spektakel für die Fans sein, sie haben ein Anrecht darauf«, forderte einst Cesar Luis Menotti, ehemals Nationalcoach der Argentinier. Alle Mitwirkenden hätten die Pflicht das Spiel zu einem einmaligen Erlebnis zu gestalten, so »wie eine Shakespeare-Inszenierung von Sir Laurence Olivier«.

Die Realität trifft wohl eher, was der Spötter Jürgen von der Lippe ursprünglich als Satire gemeint hatte: »Der Stürmer sagt zum Trainer: Trainer, ich treff das Tor nicht! Der Trainer sagt zum Stürmer: Stürmer, du triffst den Ball nicht! Nee? Nee! Dann sagt der Trainer: Dat ist ein Ball. Und der Stürmer sagt: Kann ich den noch mal sehn?«

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