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EISLAUF / KUNSTSTOFF Krakel ohne Kratzer

aus DER SPIEGEL 6/1971

Vor dem Schlafengehen besprühte die Amerikanerin Patricia LeMaire Blosser ihren Fußboden. Dann schlüpfte sie in ihre Schlittschuhstiefel und glitt durch ihr Schlafzimmer -- wie auf Eis.

Als eine der ersten hatte sich die frühere Artistin einen Raum mit dem Kunststoff Slick auslegen lassen. Der Belag eignet sich auch für Basketball oder Tennis. Ein Spezial-Spray verleiht ihm jedoch eisartige Gleiteigenschaften. Er kann in quadratmetergroßen Placken zusammengesteckt oder in etwa 15 Meter langen Rollen verlegt werden, unter Dach oder im Freien.

»Das könnte eines Tages das Els ersetzen«, erwärmte sich der US-Eislauf-Funktionär William E. Ragler für den synthetischen Boden. Slick kostet ungefähr 250 Mark pro Quadratmeter und erspart die für künstliches Eis erforderlichen kostspieligen Kühl-Aggregate. Zudem sinkt für die Läufer das Risiko von Erkrankungen durch die ständige Bodenkälte.

»An Meisterschaften auf Kunsteis glaube ich vorerst noch nicht«, schränkte allerdings Herbert Kunze ein, der Präsident des Deutschen Eissport-Verbandes. Denn Slick weist neben einer Verzögerung der Eislauf-Geschwindigkeit um ein Viertel für die Hüter der Tradition einen Mangel auf: Die Kufen hinterlassen keine Spuren. Mithin eignet sich der Kunststoff nicht zum Pflichtlaufen, das neben der Kür zum Wettbewerb zählt.

Ehen daraus schöpfen die Gegner der spröden Pflichtfiguren Hoffnung. Denn sollte sich Slick durchsetzen, wäre es für Veranstalter zu kostspielig, allein für das unattraktive Pflicht-Programm auch noch künstliches Eis zu erzeugen.

Die Pflicht auf Eis war entstanden, als der amerikanische Eis-Artist Jackson Haines 1868 Österreichs Kaiser Franz Joseph in Wien seine Künste vorführte. Damals pusselte ein Theoretiker namens Dr. Korper die Bogen und Schlingen des Gastes auseinander und entwickelte daraus einzelne Figuren, die sich später als gesonderter Wettbewerbsteil einbürgerten.

Schließlich bestand das Pflicht-Programm, das Eisläufer beherrschen müssen, aus 69 Figuren, die im Fachlatein Namen wie Bogen-Achter oder Gegendreier-Schlangenbogen erhielten, Sechs Formen lost die Jury aus; sie müssen von den Läufern möglichst deckungsgleich ins Eis geritzt werden. Auf den Knien und gelegentlich mit der Lupe kontrollieren die Punktrichter anschließend die Eiskrakel.

Das öde Pflichtlaufen zieht kaum Zuschauer an, hat aber viele Wettkämpfe vorzeitig entschieden. Denn akkurate Pflichtleistungen verhalfen fleißigen Eisschülern zu Weltmeister-Titeln und Olympia-Medaillen, obwohl sie in der Kür weit hinter begabteren Rivalen zurückblieben.

So endete 1960 die Amateur-Karriere der deutschen Läuferin Ina Bauer mit einem internationalen Skandal: Ihr Vater hatte mehr als 200 000 Mark in ihr Training investiert. Ina Bauer arbeitete sich auch unter die weltbesten Kürläuferinnen vor. Doch die Schlangenbogen und Achter der Pflicht mißrieten ihr immer wieder. Schließlich holte ihr Vater sie während der Europameisterschaften vom Eis.

Immer wieder verlangten Trainer und Läufer, die Pflichtfiguren abzuschaffen. Funktionäre aus den USA, der Schweiz und Deutschland setzten sich für einen Kompromiß ein: Pflicht und Kür sollen wie zwei getrennte Wettbewerbe bewertet werden.

Slick könnte die Pflicht-Verächter ihrem Ziel näherbringen. Die kanadische Hyland-lable Iceless Ice Revue reiste mit Slick schon bis Japan -- wo eine Firma bereits die Import-Lizenz für Slick erwarb -- und unterhielt sogar die Gäste des Hilton Hawaii. In Amerika sind schon Slick-Flächen für jedermann verlegt worden.

Zur Werbung installierte die Firma auch an der gesperrten Fifth Avenue in New York eine Lauffläche. Stadtkommissar Joseph W. Halper probierte die Neuerung aus. »Die meiste Zeit«, beobachtete die »New York Times«, »saß er auf dem Hosenboden.«

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