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Krieg angesagt

Mit wissenschaftlich-technologischem Aufwand wie nie zuvor und 600 Millionen Mark Einsatz kämpfen Segel-Syndikate 1987 um den »America's Cup«. 80 Spezialisten unterstützen allein die »Stars & Stripes«. *
aus DER SPIEGEL 5/1987

Wenn der bullige Tender »Betsy« mit der blaurumpfigen Rennjacht »Stars & Stripes« im Schlepp zur Regattastrecke ausläuft, dann dröhnt von Bord in Discostärke Musik: »The Empire Strikes Back«.

Vom Deck aus kann die US-Crew die über dem »America''s Cup Defence Headquarter« flatternde Flagge der australischen Gegner sehen: grün, darauf gelbfarben gedruckt ein in Kampfposition lauerndes Känguruh mit roten Boxhandschuhen.

»Stars & Stripes« Skipper Dennis Conner, 44, ein zum Bauchansatz neigender Segler, hebt die Faust, wenn er am Camp der Pokalverteidiger vorbei gleitet - das Empire, Amerika, schlägt zurück.

»Ich bin gekommen«, sagt der kalifornische Tuchhändler, der den America-s Cup 1983 in den heimatlichen Gewässern vor Newport verloren hatte, »ihn heimzuholen.« Nach 132 Jahren »in unserem Besitz, ist er doch wohl amerikanisches Nationaleigentum«. Um »jeden Zentimeter Wasser« prophezeit umgekehrt der australische Conner Bezwinger John Bertrand, damals Skipper der »Australia II«, »werden unsere Leute kämpfen - die Nation, ganz Australien, wird hinter ihnen stehen«.

Nach mehr als 300 Rennen, Boot gegen Boot, nach vier Monaten Regatta-Kampf, steht vor Fremantle, Westaustralien, eine See-Schlacht bevor, die laut Bertrand so nervenaufreibend sein wird »wie sechs Olympische Spiele auf einmal«.

Im Finale der exklusiven 12-Meter-Jachten, der »12er«, kämpfen - ab Sonnabend dieser Woche - »Stars & Stripes« und »Kookaburra III« um den an Aladins Wunderlampe erinnernden Pokal: Amerika gegen Australien, Perth gegen San Diego. »Wir werden dem Empire trotzen«, verspricht Kookaburra-III-Eigner Kevin Parry, dessen Jacht bei der internen Ausscheidung die Pokalsieger von 1983 ausstach.

America''s Cup 1987 ist keine herkömmliche Regatta mehr, nicht die Kieler Woche, kein Segelfest in der Karibik. »Da draußen«, auf dem 44,6 km langen Dreieck Kurs, »ist Krieg angesagt«, meint Tom Blackaller vom Syndikat der ausgeschiedenen Jacht »USA« - High Noon auf hoher See.

»Rücksicht wird nicht genommen«, beobachtete der deutsche Olympiazweite und Hochseesegler Ulli Libor. »Notfalls fährt der eine dem anderen den Mast weg.« Die Fachjournalisten schreiben nicht mehr über Boote, sondern über »Rennmaschinen«. Vor Freo, wie die Einheimischen ihren bis zum »Cup« eher vergessenen Ort nennen, wird nicht gesegelt, sondern sich »duelliert«.

Von einem blau-weißen Hubschrauber aus filmte ein Team der neuseeländischen »Kiwi Magic« jeden Einsatz ihrer Jacht, die im Herausforderer Finale der Stars & Stripes unterlegen war, um bei Protesten wegen Regelwidrigkeiten im Rennen Videos als Beweismaterial vor legen zu können. Nahezu jedes Segler Syndikat engagierte Seerechtler zur Formulierung der Protestnoten, von denen allein die miteinander konkurrierenden Australier mehr als 40 einreichten. Nach einem Rennen wurden einmal sogar beide Boote disqualifiziert.

Die Bootsquartiere an den Kais des Fischereihafens sind gesichert wie Kasernen. An den Wellblechzäunen und Maschendrahtgittern etwa, die das Stars-&-Stripes-Lager umgeben, warnen Tafeln

in roter Schrift: »Eintritt verboten«. Wachmänner sichern Einfahrten und Landestege. Mit Videokameras ließ das »Australia IV«-Management das Gelände observieren.

So eskalierte der Kampf um den ältesten Segler Pokal, um den Amerikaner und Briten schon segelten, als es in Fußball und Tennis noch nicht einmal Meisterschaften gab. Dabei steht nur ein billiger Topf auf dem Spiel, dessen Silbergehalt gerade 700 Dollar wert ist. Zehnmal hatten die Amerikaner schon gesiegt, bevor 1896 die modernen Olympischen Spiele begannen.

Niemals zuvor jedoch investierten Segler für eine Regatta soviel Geld - schätzungsweise 600 Millionen Mark-, niemals zuvor betrieben sie einen wissenschaftlich-technologischen Aufwand wie für dieses Gefecht vor der australischen Westküste. Und kaum je zuvor waren clevere Marktstrategen so bemüht, einen Segelwettbewerb in ein fernsehgetragenes Sporthappening umzugestalten. Wie Profitennis oder Formel-1-Autorennen entwickelt sich der Segelsport hin zum Marketing, werden Skipper und Boote zu Werbeträgern.

»Geld und Design«, weiß Conner, dessen Fremantle-Einsatz rund 60 Millionen Mark verschlingt, »sind wichtiger geworden als das seglerische Können.« Die Arbeit am Boot entspreche etwa dem »Aufwand beim Bau der Raumfähre«. Die Teams rücken mit kompletten Segelmachereien an, verfügen über Werkstätten, in denen jedes Bootsteil umgehend gefertigt werden kann. Sie arbeiten mit Meteorologen Psychologen, Fitness Trainern und Computerspezialisten. Allein Conner beschäftigt 80 Mann.

An Bord aller teilnehmenden Jachten kann der meist im Cockpit kniende Taktiker oder Navigator über einen Computer und Bildschirmanzeigen in Bruchteilen von Sekunden Daten abrufen, etwa die Schräglage, den Druck am Ruder, die Einstellung der Kieltrimmklappen, den direkten Kurs wie den exakten Abstand zur Wendemarke und natürlich auch die scheinbare und die wirkliche Windgeschwindigkeit. Die Kiwi-Magic sammelte Informationen über 32 Sensoren, die ihre Daten auch an die Computer des Tenders und des Hauptquartiers für Analysen übermittelten.

Kameras an den Mastspitzen melden ständig jede Abweichung der Segel vom idealen Wert an einen Computer, so daß der Skipper sekundenschnell reagieren kann.

Erstmals in diesem Jahr übertragen amerikanische und australische Fernsehgesellschaften mit ferngelenkten schwenkbaren Kameras live von den lachten - Halsen bei 35 Knoten _(Ein Knoten entspricht einer Seemeile ) _((1853,2 Meter). )

Windstärke und steilen Wellen, athletische Winschdreher im Einsatz, Brecher, die über Deck schlagen. Mann über Bord Manöver, Streß, Dramatik.

Die Bilder der Konfrontation von Natur und Technologie werden vom Mast auf einen - in einem Hubschrauber installierten - Monitor übermittelt. Aus der fliegenden Übertragungszentrale gehen sie weiter an die Festlandsender.

Vor dem Fernsehschirm zu Hause ist denn auch beim America''s Cup der beste Zuschauerplatz: Vom Ufer aus sind die mehrere Seemeilen vor der Küste gestarteten Rennen selbst mit Ferngläsern nicht zu verfolgen (siehe Graphik).

Die Chartergesellschaften, deren Schiffe im Regattagebiet zu Hunderten die Konkurrenten verfolgen, versprechen den Fans in Werbebroschüren zwar, man könne von Bord aus »das Weiße in den Augen der Crews« sehen; tatsächlich erkennen sie oft nur die Segel. Und das erschien selbst dem mit der PR Arbeit für den America''s Cup betreuten Tourismus-Minister so faszinierend »wie die Beobachtung von wachsenden Grashalmen«.

Erst die »on board«-Kamera, meint Kookaburra-III-Manager Parry, bringe »den Massen das Drama näher und eröffnet ganz neue Perspektiven«.

Neue Perspektiven zeigt der America''s Cup auch für die Werbung auf: Er ist nicht mehr allein ein Hobby für Millionäre, die mit Rennpferden oder Rennjachten ihr Ego pflegen - zu mehr als 50 Prozent wird die Regatta von Multis finanziert, von Woolworth und IBM Olivetti und Ford, Banken, Versicherungen und Brauereien, Coca-Cola und Nike.

Bei seiner Pressekonferenz nach dem Triumph über die Neuseeländer mochte Dennis Conner seine weiße Baseball Kappe mit dem »Pepsi-Cola«-Logo nicht abnehmen - das Getränke Unternehmen habe, verbreiteten andere Segel Syndikate, dem Amerikaner mit mehreren Millionen eben aus einer Finanzflaute geholfen.

Hinter Conner war das Podium mit einem überdimensionalen Emblem des Pariser Taschen und Kofferfabrikanten Louis Vuitton dekoriert. Die Franzosen organisierten mit einer Vier-Millionen Dollar-Investition einen nach ihnen benannten Pokal der Herausforderer und die damit verbundene PR. Für eine 1,5 Millionen Dollar Spende forderte der Brauer »Guinness«, Hersteller der Whiskymarke »White Horse«, die Umbenennung des britischen 12er »Crusader« in »White Crusader«.

Vor Fremantle ist Werbung an den Segelbooten selbst noch regelwidrig. Schon beim nächsten Cup-Kurs freilich in Perth oder Kalifornien, je nachdem, ob die Australier oder die Amerikaner siegen, werden die Skipper vermutlich am Ruder stehen wie Formel-1-Fahrer: beklebt mit Werbeschriften für Schnapsfabrikanten oder Kaugummihersteller Baum und Mast dekoriert mit »Marlboro«-Slogans und »Sony«-Sprüchen.

Australien, das Land »down under«, abseits von Macht und Grandeur, hat den Anstoß zum weltweiten Medien- und Werberummel gegeben, eben weil eine Jacht aus dem abgelegenen westaustralischen Perth 1983 die Segelwelt, so »Time«, »bis in den Kiel erschütterte« und die monotone Siegesserie der Amerikaner unterbrach. Nun aber will das Empire, in Gestalt von »Big Bad Conner«, wie ihn die Segel Journalisten nennen, zurückschlagen.

Conner, einst Weltmeister im Starboot und schon zweifacher America''s-Cup-Sieger, hatte den Pokal immerhin auch gegen die Jacht »Australia II« verloren. »Ein Gedanke hat ihn seither getrieben«, verrät Ehefrau Judy, »und das war

Revanche.« Ein Besessener, urteilen selbst Freunde über Conner.

Conners Meteorologen ergründeten auf den Regattatag genau die Fremantle-Windverhältnisse während der letzten zehn Jahre. Per Computer bestimmte sein Syndikat, mit welcher Segelbestückung das Schiff optimale Leistungen erreichen würde.

Die Amerikaner errechneten: Windstärken um 23 Knoten, gelegentlich über 30, sind vor Fremantle in diesen australischen Sommerwochen eher normal; flauere Winde von 16 Knoten, die für Jachten mit kurzer Wasserlinie und großer Segelfläche von Vorteil sind, hingegen seltener. Folglich setzte Conner auf ein Schwerwetter-Schiff.

Zwei ehemalige US-Verteidigungsminister, ein Ex-Admiral sowie ein ehemaliger Generalstabschef des Pentagon sicherten dem Segler Unterstützung bei der Geldbeschaffung zu. Conner engagierte Dutzende von SDI-Experten und Computerspezialisten.

Sie übernahmen von der Weltraumbehörde Nasa Erkenntnisse über Minderung des Luftwiderstandes während des Wiedereintritts der Raumfähre in die Erdatmosphäre.

Die Designer verlegten die für die Entwicklung von Bootsrümpfen bislang unerläßlichen Schleppversuche in Tanks auf Supercomputer. Rechner erzeugten in Minutenschnelle die verschiedenen Rumpfmodelle als dreidimensionales Computerbild. Auch die vor Fremantle _(Qualifikationsregatta gegen die ) _("Australia II«. )

typischen Wind- und Wellenverhältnisse wurden auf dem Bildschirm nachgestellt.

Aus eigener Erfahrung weiß Conner: »Segler sind schnell im Kopieren. Die folgen dir wie ein Fußabdruck im Schnee. Wenn du nur eine Minute verschnaufst, sind sie in dieser einen Minute an dir vorbei.« - Mit einem neuartigen Flügelkiel hatten die Australier 1983 vor Newport gesiegt, inzwischen sind sämtliche beim Cup gestarteten 12er-Jachten mit Flügelkielvarianten ausgerüstet.

Im Vergleich zu den Booten, die 1983 vor Newport starteten, sind die neuen Schiffe zwar lediglich um 0,2 bis 0,3 Knoten schneller geworden, analysierte Newport-Sieger John Bertrand. Das sei bei einem Schiffsgewicht von 25 Tonnen jedoch »eine gewaltige Entwicklung, wenn man das in Sekunden umrechnet«.

Auf Sekunden kommt es an: Manche Vorrunden-Rennen dauerten über vier Stunden; nicht selten kreuzten Konkurrenten die Ziellinie mit drei oder fünf Sekunden Abstand. Ein Wendefehler - beim einzigen neuseeländischen Erfolg im Finale über die »Stars & Stripes« wurde 154mal gewendet -, der Vorsprung des Gegners ist kaum einzuholen.

Nach Conners Sieg gegen das neuseeländische »Zauber«-Boot sehen Amerikas Segelfans hoffnungsfroh in die Zukunft. US-Touristen fahren seit Montag vergangener Woche mit einem neuen Aufkleber am Auto durch Fremantle: »Wir wollen nicht nur den Pokal, sondern die ganze verdammte Insel« - the Empire strikes back.

[Grafiktext]

Indischer Ozean Schema des Rennkurses Vorgesehener America''''s Cup-Kurs Ziel Windrichtung Wendemarke Start

[GrafiktextEnde]

Ein Knoten entspricht einer Seemeile (1853,2 Meter).Qualifikationsregatta gegen die »Australia II«.

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