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Kurve mit Ecken

Der einzige im Rollstuhl fahrende Trainer im bundesdeutschen Profi-Sport arbeitet auf der Pferderennbahn -- mit Erfolg.
aus DER SPIEGEL 52/1977

In der ersten Kurve des Rennens galoppierte der Vollbluthengst Arpad geradeaus -- auf ein Waldstück zu. Jockei Harro Remmert flog mit dem Rücken gegen einen Baum. Querschnittgelähmt wachte er auf. Das geschah im April 1976.

Seit fünf Monaten kommt Harro Remmert, 34, zweimal täglich auf die Rennbahn Neuß -- im Rollstuhl. Er hat 30 Boxen gemietet und arbeitet als Trainer, der einzige Rollstuhlfahrer im bundesdeutschen Profi-Sport. Mit neun Pferden hatte Remmert angefangen, Jetzt stehen 25 unter seiner Obhut. Nicht Mitleid. sondern Erfolg erwarb ihm das Vertrauen der Besitzer.

Achtmal siegten seine Pferde: Mit Platzgeldern galoppierten sie bisher 65 000 Mark zusammen. Viel besser schnitten in so kurzer Zeit nicht einmal etablierte Trainer ab. die 40 oder mehr Pferde betreuen.

»Das Trainieren von Rennpferden ist vor allem eine geistige Leistung«, sagte Dr. Wilhelm Josef Heyers, Vorstand des Neußer Rennvereins. »Nur durch ständige Beobachtung und gutes Gefühl für den stummen Athleten findet der Trainer heraus, wo, wann und wie sein Pferd ein Rennen gewinnen kann.«

Schon das erste Pferd, Schiljaka, das Trainer Remmert an den Start gebracht hatte, galoppierte der Konkurrenz davon. Obwohl es ein unbedeutendes Rennen war. applaudierten etwa 5000 Zuschauer so kräftig, als wäre soeben ein Großer Preis entschieden worden. Die zweijährige Stute Twistlady ließ Remmert zweimal satteln -- jedesmal gewann sie. Nächstes Jahr soll die Stute sogar in Frankreich laufen, gegen schnellere Konkurrenz als in der Bundesrepublik.

Sechs Patrone gaben unlängst je einen Jährling zu Remmert ins Training. Die Jungpferde sollen 1978 als Zweijährige erstmals Rennen bestreiten. Zu Remmerts Kunden gehört Bankier Pferdmenges ebenso wie ein Kegelklub. »Wenn es weiter so gut läuft, werde ich mir noch weitere Boxen mieten«. sagte Trainer Remmert. Als Stalljockei arbeitet bei ihm sein vier Jahre älterer Bruder Peter Remmert, der schon zweimal Deutscher Champion gewesen ist.

Doch dann hatte sich Peter Remmert durch eine Morddrohung gegen seine Kinder zu einer Wettmanipulation pressen lassen. Hinterher enthüllte er zwar die Schiebung, durfte aber anderthalb Jahre keine Rennen reiten. Als die Sperre endete, mieden viele Trainer den Skandal-Jockei », Ohne meinen Bruder hätte ich wahrscheinlich nie mehr eine Chance bekommen«, vermutet Peter Remmert.

Harro Remmert wählte die kleine Rennbahn Neuß als Training-Standort aus, weil dort fast alle Wege und Plätze eben und mit dem Rollstuhl leicht erreichbar sind. Extra für Remmert errichtete der Klub zwei Holzpodeste, von denen er Rennen und Training ungehindert sehen kann.

Auch auf den anderen Bahnen in der Bundesrepublik entstehen jetzt Hochsitze für Körperbehinderte, denn »es gibt ja außer mir auch noch andere Rollstuhlfahrer, für die bisher ein Rennbahnbesuch kaum möglich war«, lobte Harro Remmert die Nebenfolgen seines Handikaps.

Zweimal täglich fährt er die 35 Kilometer lange Strecke von seinem Kölner Haus nach Neuß im eigenen Auto, in dem er »alles mit den Händen bedient«. Im Rollstuhl umrundet er seine Pferde und prüft mit den Händen vor allem die empfindlichen Beine.

Im Stall Remmert ist keiner über 40, weder die Futtermeister noch die Pferdepfleger, was im traditionsbeladenen Galoppsport als weitere Rarität gilt.

Das Direktorium für Vollblutzucht und Rennen bot dem gelähmten Reiter eine gutdotierte Bürostellung an. Harro Remmert ("Das hätte ich bestimmt nicht überlebt") studierte lieber Fachliteratur und belegte einen Trainerkurs. Die Prüfung bestand er mit »gut«.

Remmerts Jockei-Erfahrung aus mehr als 3000 Rennen, in denen er 545ma1, darunter auch im Deutschen Derby, gesiegt hatte, schätzte der Neußer Rennbahn-80ß Dr. Heyers als »nirgendwo zu vermittelnde Praxis« ein. Wenn Remmert durch das Fernglas seine Pferde beobachtet, dann weiß er, wo es »bergauf geht«, wo eine »Bodenwelle Fahrt schluckt« oder wo eine »Kurve Ecken hat«, wie jene, die ihm selbst zum Verhängnis geworden ist.

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