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LANGSTRECKENLAUF Läuft und läuft und läuft

aus DER SPIEGEL 31/1965

Die schnellsten Langstreckenläufer der Welt sind zugleich die geduldigsten: Bevor sie in diesem Jahr eine Serie von 13 Weltrekorden liefen und neue Maßstäbe im Langstreckenlauf setzten, legten der Australier Ronald William Clarke 50 000 Kilometer und der Franzose Michel Jazy 40 000 Kilometer zurück - jeder soviel, als wäre er einmal rund um die Erde getrabt.

Beide waren als Favoriten zu den Olympischen Spielen 1964 nach Tokio gereist - und beide hatten versagt. Clarke war im 10 000-Meter-Lauf Dritter, Jazy im 5000-Meter-Lauf nur Vierter geworden. »Jazy kapitulierte«, hatte unter dem Schock der Niederlage die französische Sportzeitung »L'Equipe« geurteilt.

Clarke, 28, steigerte sein tägliches Trainings-Pensum auf 40 Kilometer. Von Januar bis März - im australischen Sommer - stellte er drei Weltrekorde auf, sechs weitere seit letztem Monat. Sein 10 000-Meter-Weltrekord (27:39,4 Minuten) ist 38,8 Sekunden oder 230 Meter besser als die zweitbeste Leistung auf dieser Distanz. Jazy, 29, beteiligte sich im Juni an der Rekordjagd: Er verbesserte vier Weltrekorde und elfmal europäische Bestleistungen.

Umgekehrt wie bei Olympischen Spielen, bei denen ein Athlet gewinnt, der zum vorbestimmten Termin die beste Leistung vollbringt, wartete Juni-Läufer Jazy den Zeitpunkt seiner besten Form ab, um dann Rekorde zu erzielen. Jazy (verheiratet, zwei Kinder) trinkt zwar täglich einen Liter Rotwein und raucht drei bis vier filterlose Zigaretten, vermeidet jedoch schwerverdauliche Kost. »Wenn ich Appetit darauf habe«, sagte er über sein Leibgericht, »bestelle ich Sauerkraut.«

Bei seinen Rekordversuchen startete er auch unter günstigsten äußeren Voraussetzungen. Je nach Beschaffenheit der Bahn schraubt Jazy an speziell auf ihn zugeschnittene Laufschuhe (Gewicht: 90 Gramm) zwölf, 15 oder 18 Millimeter lange Dornen. Nach Messungen der Luftfeuchtigkeit, Temperatur und der gefallenen Regenmenge wurde der Zeitpunkt des Rennens festgelegt. Während des Laufes nahmen Helfer (Fachjargon: »Hasen") Jazy so lange wie möglich die Last der Führung ab

Trotz der günstigen Bedingungen verpaßte Jazy ein Hauptziel: Bei der Jagd auf den 5000-Meter-Weltrekord war Clarke schneller. Während Jazy in Frankreich Europarekord lief, drückte Clarke in Amerika den Weltrekord auf 13: 25,8 Minuten und gewann das Fern-Duell damit um 3,2 Sekunden oder 20 Meter. Viel weiter wären bei einem Vergleich freilich früher berühmte Rekordler zurückgeblieben: der Tscheche Emil Zatopek um 195 Meter und der Finne Paavo Nurmi um 366 Meter.

Einem direkten Wettlauf mit Clarke wich der Franzose lange aus. Denn Spurtläufer Jazy legt meist langsamere Runden ein, um Kraft für den Endspurt zu sparen. Tempoläufer Clarke dagegen läuft gleichmäßigere Rennen.

Am 16. Juli sollten beide in Paris gegeneinander laufen. »Im Juli fahre ich in Urlaub«, winkte Jazy ab. »Unwiderruflich.« Da ließ sich Clarke schon im Juni nach Frankreich einladen. Jazy - seine Spezialstrecke sind die 1500 Meter - willigte unter einer Bedingung ein: Er wollte allenfalls über 3000 Meter oder zwei Meilen (3218 Meter) gegen Clarke antreten. Clarke, dessen Paradestrecke die 10 000 Meter sind, stellte eine Gegenbedingung: einen Rückkampf in Finnland über 5000 Meter. Jazy begründete die taktischen Manöver: »Ein Athlet in Hochform ist empfindlich wie eine schwangere Frau.«

Jazy gewann beide Rennen; über 3000 Meter und zwei Meilen stellte er neue Weltrekorde auf. Im Sog von Jazy und Clarke unterboten sogar noch drei andere Läufer den alten 5000-Meter -Weltrekord des russischen Doppel -Olympiasiegers von 1956, Wladimir Kuz (13: 35,0 Minuten). Der 1957 aufgestellte Rekord des Russen hatte fast acht Jahre überdauert. Allein im Juni dieses Jahres wurde er elfmal unterboten.

Kuz und seine härtesten Rivalen bevorzugten freilich noch die Intervall -Methode des Freiburger Trainers Woldemar Gerschler: Sie liefen im Training nicht ihre Wettkampf-Strecke, sondern zerstückelten sie gleichsam in einzelne-Intervalle. So spurtete Kuz beispielsweise an einem Trainingsabend nacheinander fünfmal 150 Meter, zehnmal 200 Meter und zwanzigmal 400 Meter - insgesamt 10 750 Meter.

Clarke und Jazy waren überzeugt, daß die Rekorde des Russen nur mit höheren Kilometerleistungen im Training überboten werden könnten. Sie bereiteten sich deshalb nach der besonders in Australien und Neuseeland verbreiteten Langlauf-Methode vor.

Weil Gelenke und Sehnen auf der relativ harten Aschenbahn kein tägliches Laufpensum von 25 und mehr Kilometer aushalten, wichen Jazy und Clarke ins Gelände aus. Sie liefen - statt Intervalle - lange Strecken, auch Steigungen, auf weichem Waldboden, am Strand oder gar in seichtem Wasser.

Allerdings kostet die Kilometerbolzerei erheblich mehr Zeit als das herkömmliche Intervall-Training. Jazy und Clarke trainieren dreimal täglich, morgens, mittags und abends. »Er läuft und läuft und läuft«, bekundete ein französischer Renn-Kollege über Jazy. Der Weltrekordler aus Paris ist Typograph bei der Sportzeitung »L'Equipe«, die ihm freilich genügend Trainingszeit einräumt. Er braucht nur von 13 bis 17 Uhr zu arbeiten - wenn er nicht auf Wettkampfreise ist. Clarke, Besitzer einer 3000 Bände umfassenden Klassiker-Bibliothek, kann sich seine Zeit wunschgemäß einteilen. Er ist Australien-Vertreter der deutschen Sportschuh-Firma »adidas«.

Doch das riesige Trainingspensum bewahrte Clarke selbst in seinem Rekordmonat Juni nicht vor unerwarteten Niederlagen. Zweimal unterlag er dem Kenia-Neger Kipchonge Keino, 25, der sich Clarkes 5000-Meter-Weltrekord sogar bis auf vier Zehntelsekunden näherte. Dabei hatte Keino im täglichen Training nur bis zu 25 Kilometer bewältigt. Dafür mischt er Langlauf- und Intervall-Training.

Zudem profitierte Keino von einem anderen Umstand: Er lebt und trainiert in der dünneren Luft des ostafrikanischen Hochlandes auf etwa 1700 Meter Höhe - ähnlich wie der zweimalige Marathon-Olympiasieger Abebe Bikila im Hochland von Äthiopien. Sportler, die in dünnerer Luft trainiert haben, leisten im Flachland gewöhnlich mehr.

Als völlig unbekannter Läufer war Keino 1964 im olympischen 5000-Meter -Finale bereits Fünfter geworden. Weltrekordler Jazy betrachtet ihn nur als Vorläufer aus dem schwarzen Afrika. Jazy über die Zukunftsaussichten weißer Leichtathleten: »In 20 Jahren beherrschen die Schwarzen alle Stadien.«

Landstreckenläufer Clarke, Jazy, Keino: Jeder einmal um die Erde

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