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TENNIS Läuft wie geschmiert

Der Boom um Boris Becker und Steffi Graf mobilisiert immer mehr Fans. Der Verband macht mit dem neuen Patriotismus glänzende Geschäfte. *
aus DER SPIEGEL 32/1987

In Deutschland war es drei Uhr früh und im amerikanischen Hartford führte John McEnroe gerade gegen Boris Becker im dritten Satz mit 6:5, als im Presseraum des Civic Center das Telephon klingelte.

Alois Gödde aus Dortmund, Fernseh-Gebührenzahler und Tennis-Freak, wollte unbedingt den ARD-Kommentator Volker Kottkamp sprechen. Der rede nämlich während der Live-Übertragung vom Daviscup-Abstiegsduell zwischen den USA und Deutschland dauernd von den »goldenen Jahren des deutschen Tennis zwischen 1975 und 1977«, was ja wohl nicht stimmen könne.

Weil ihn in den deutschen Fernsehanstalten zu nachtschlafender Zeit niemand anhören mochte, erzählte der aufgeregte Becker-Fan seinem Gesprächspartner in Übersee, habe er sich mühsam die Nummer des Pressezentrums besorgt, um Kottkamp endlich zu korrigieren. Der ARD-Mann, so Gödde, sei »zehn Jahre zurück«, so einen habe das deutsche Tennis nicht mehr verdient.

Seit Boris Becker und Steffi Graf siegen, schauen die Deutschen beim Tennis genauer und vor allem häufiger hin. 3,82 Millionen Bundesbürger erlebten live vor dem Fernseher den »Jahrhundertkampf« ("Bild") zwischen Becker und McEnroe, der 6 Stunden und 39 Minuten dauerte - bis morgens um 5.19 Uhr. Zum Vergleich: Das waren etwa dreimal so viele Deutsche, wie 1984 zur selben Sendezeit Olympia-Entscheidungen in Los Angeles verfolgt hatten. Beckers Fünfsatzsieg über Tim Mayotte, der seinem Team den 3:2-Sieg brachte, sahen, bis nachts um eins, 11,32 Millionen deutsche Tennisfans.

Tennis hat als Ersatzkrieg mit dem Fußball gleichgezogen. Vor allem, wenn es ums nationale Prestige geht.

Als das ZDF Beckers Spiel gegen Mayotte nicht von Beginn an live zeigte, gab es so viele Proteste, daß Chefredakteur Reinhard Appel verschreckt laut über einen eigenen Sportkanal nachdachte. Für den anschließenden Federation-Cup der Damen mit Steffi Graf im deutschen Team wurden gleich Sondersendungen geplant. Auch das gab es früher nur beim Fußball.

Er habe, telegraphierte der für den Sport zuständige Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann den Siegern von Hartford, »die an Dramatik nicht zu überbietenden Spiele bis tief hinein in die Nacht am Bildschirm verfolgt«. Wie die Tennis-Funktionäre haben auch die Politiker inzwischen den einst so elitären weißen Sport als populistische Zugnummer erkannt.

Nach dem Matchball gegen Mayotte drückte Sportdirektor Günter Sanders dem zunächst etwas irritierten Becker eine riesige schwarzrotgoldene Fahne in die Hand und forderte ihn auf: »Nimm und lauf eine Ehrenrunde.«

Die Patriotismus-Show lohnt sich längst. Boris Becker und Steffi Graf, die »deutschen Wunderkinder«, haben dem Deutschen Tennis Bund (DTB) die Kasse so prall gefüllt wie nie zuvor in seiner 85jährigen Geschichte. 1985 blieben dem größten Tennisverband der Welt allein aus den Daviscup-Einnahmen 2,5 Millionen Mark Reingewinn, im vorigen Jahr brachte sogar der Abstiegskampf gegen Ecuador noch eine Million Mark.

Die Zahl der Firmen, die Geld in den Tennis-Pool investieren, stieg seit 1985 um 30 Prozent. Jetzt liefern 40 Firmen jährlich rund zwei Millionen Mark Werbegelder beim DTB ab - und ständig melden sich neue Interessenten.

Hinzu kommt noch eine Reihe von Sponsoren, die sich für einzelne Projekte engagieren. So zahlt Siemens 200000 Mark jährlich für eine Gruppe talentierter Mädchen, Peugeot fördert drei Jahre den Nachwuchs mit einer halben Million.

Auch an der Basis läuft alles wie geschmiert: 120000 neue Mitglieder im letzten Jahr, die Zahl der Kinder bis 14 Jahre stieg dabei um zwölf Prozent, nur in drei Bundesländern wird Tennis noch nicht als Schulsport anerkannt - ein Ende des Booms ist nicht abzusehen.

Und der Aufsteigersport darf sich des Wohlwollens der Politiker sicher sein. Der Hamburger CDU-Bürgerschaftsabgeordnete Jürgen Klimke forderte unlängst, Schulhöfe, Parks und öffentliche Parkplätze zu Tennisplätzen umzufunktionieren. So könne ein »kostenfreier Zugang für jedermann zum Tennisspiel geschaffen werden.

Leitfigur Becker verkörpert auf dem Platz exakt jenen totalen Leistungs- und Behauptungswillen, der von jungen Menschen seit längerem wieder hoch geschätzt wird. Als er gegen Mayotte einzubrechen drohte, trieb ihn Teamchef Niki Pilic mit den Worten an: »Du mußt ihn hassen, hassen, hassen.«

Nachdem Becker den, wie er martialisch resümierte, »Krieg« gewonnen hatte, bekamen auch die rund 100 deutschen Tennisfans endlich Oberwasser. Wo sie zuvor den lärmenden Gastgebern hoffnungslos unterlegen gewesen waren, beherrschten sie jetzt akustisch eindeutig die Szene. Dazu schwenkten sie ihre schwarzrotgoldenen Fähnlein, skandierten »Deutschland, Deutschland« oder »Boris, Boris« und verhöhnten die geschlagenen US-Cracks.

Die wurden ihren Frust offenbar nur los, indem sie den »Connecticut Room« des Sheraton-Hotels in seine Einzelteile zerlegten. Die Hotelführung errechnete 40000 Dollar Schaden, McEnroe zahlte aus eigener Tasche.

Derweil gewann ein samt Ehefrau angereister Fan aus Münster, der für den US-Trip rund 5000 Mark aufgebracht hatte, dem Happy-End noch einen weiteren positiven Aspekt ab: Er freue sich ganz toll auf die Rückkehr in seine westfälische Heimat, da gebe es endlich wieder Pumpernickel zum Frühstück.

Auch was die betuchten Schlachtenbummler angeht, kurz Edel-Schlabus genannt: Tennis hat mit Fußball gleichgezogen.

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