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Galopp Lahmendes Pferd

Folgt Ex-Regierungssprecher Peter Boenisch dem ungeliebten Walter Scheel als Chef der deutschen Vollblutzüchter?
aus DER SPIEGEL 37/1989

Seiner Großtaten, verkündete der neue Präsident selbstbewußt, müsse er sich niemals in aller Öffentlichkeit rühmen. Er wisse auch so »sehr wohl, was ich wert bin«.

Da mochte auch das Direktorium für Vollblutzucht und Rennen - die Dachorganisation der deutschen Galopperszene - nicht kleinlich sein. Es gewährte dem Staatsoberhaupt im Ruhestand, Walter Scheel, eine jährliche Aufwandsentschädigung von 100 000 Mark. So geschah es, daß das »alte politische Schlachtroß« (Bild am Sonntag) 1982 schon wieder ein Führungsamt übernahm: neben sechs weiteren lukrativen Gelegenheitsjobs diesmal »als Arbeitspferd« (Scheel über Scheel).

Die anfängliche Begeisterung über den FDP-Politiker, um den sich damals auch die Golfer bemüht hatten, ist verflogen. Der Sympathieträger von einst, sagt etwa der Vollblutzüchter Rudolf Eisemann, sei sein Geld nicht wert: »Der Scheel will doch nur absahnen.«

Kritik an dem prominenten Vorreiter hat schon keinen Seltenheitswert mehr. Wann immer sein Name kürzlich bei einer Tagung der Pferdebesitzer während der Großen Rennwoche in Baden-Baden fiel, gab es »Hohngelächter«, wie sich ein Teilnehmer erinnert. Turfjournalisten, die früher bei Rennbahnbesuchen des Ex-Bundespräsidenten begeistert die »Aura eines Staatsbesuchs« registriert hatten, sahen den professionellen Ehrengast jetzt »in rekordverdächtiger Zeit am kalten Büfett und ebenso schnell wieder verschwunden«.

Als Scheel sein Fehlen beim Großen Preis der Berliner Bank in Düsseldorf mit gerade überstandener Krankheit begründete, war es auch mit der Langmut der meisten ihm noch verbliebenen Nahesteher vorbei - sie hatten ihren Präsidenten via Fernsehen beim Schlemmen in den VIP-Zelten des Münchner Daviscups ertappt.

In einem Brief an das Fachblatt Sport-Welt mutmaßte Turffan Günter Rumstich, der Präsident sei womöglich »auf Jobsuche beim Tennis und dem damit verbundenen Dollarrausch« gewesen. Schließlich habe Scheel auf der Karriereleiter »ja schon immer die Salti vorwärts und rückwärts geturnt«.

Wie sehr der Mann, der sich ehedem »hoch auf dem gelben Wagen« in die Herzen der Deutschen sang, inzwischen abgehalftert wurde, bewies sein letzter Rennbahnauftritt. In Baden-Baden, vorvergangene Woche, redete mit Walter Scheel, 70, nur noch eine Altmänner-Seilschaft: Kaffee-König Walther J. Jacobs, 82, der Ex-Kaufhof-Chef Friedrich B. Roesch, 69, und der 72jährige Fürst zu Oettingen-Wallerstein.

Die anderen zogen die Bilanz seiner Ägide und kamen dabei nur auf wenige Pluspunkte. In der Frage der geforderten Rückvergütung der Rennwettsteuer und beim Versuch, ein flächendeckendes Wettannahmestellen-Netz aufzubauen, habe nicht einmal Scheels Politiker-Bonus gezogen. Sogar das verbesserte Image des Pferdesports mochten sie ihm nicht allein gutschreiben. Da spiele, sagt etwa Dieter Ellerbracke, der Vorsitzende der Besitzervereinigung, die Fernsehreihe »Rivalen der Rennbahn« eine »ebenso große Rolle«.

Auch bei den Sponsoren habe der Ex-Bundespräsident kläglich versagt. Selbst beim stundenlangen Partygeplauder mit der Offenburger Verlegerin Aenne Burda sei Scheel unfähig gewesen, auch nur einen Satz über ein vom Verlag bloß noch halbherzig gesponsertes Traditionsrennen in Köln zu verlieren. Er traue sich wohl nicht, mutmaßte ein Verbandsmitglied, nach Geld für die bedürftige Galopperzunft zu fragen, »weil er ja selbst der größte Schnorrer ist«.

Diese Einschätzung gewann die Branche vor allem bei Scheels Hochzeit im vergangenen Jahr - einer Fete, auf der 130 Esser von 112 Köchen versorgt wurden, der Bräutigam aber von den geschätzten 450 000 Mark Kosten keinen Pfennig zahlte. Und weil das Safran-Risotto mit 24karätigem Blattgold garniert war, heißt die Eheschließung in der Galopperszene nur noch »Walters Blattgold-Nummer«.

Dagegen wird des Präsidenten Knickrigkeit rund um seinen Stall »Quadriga« gesetzt. So war das erste Pferd, das der Freidemokrat erwarb, mit 11 000 Mark das drittbilligste von 37 zum Verkauf stehenden Vollblütern - und selbst diesen Gaul kaufte er noch zusammen mit drei weiteren Teilhabern. Auch sein Bekenntnis, »schon mal zehn Mark auf Sieg zu setzen«, zieht in der Szene das schiere Unverständnis nach sich. Im Rennsport, der vom Totalisatorumsatz lebt, werden solche Kleinwetter geringschätzig »Tippelanten« genannt.

Als sein Honorar in die Diskussion geriet, bestritt Scheel rundweg, eine Monatspauschale von 8000 Mark einzusacken. Es sei nur die Hälfte, hielt er seinen Kritikern lauthals vor, zudem müsse er davon sogar »noch die Kirchensteuer« berappen. Tunlichst vergessen wurde allerdings, daß die Galopper pro Jahr auch noch mehr als 50 000 Mark für die Personal- und Sachkosten des privaten Scheel-Büros entrichten.

»Negativen Einfluß« auf den lahmenden Präsidenten hat selbst Scheel-Freund Roesch ausgemacht: Gattin Barbara halte ihren Mann von der Turf-Schickeria fern, weil die sie nicht mit offenen Armen aufgenommen habe. Der Grund: Die Dame erregte die feine Gesellschaft immer wieder mit flapsigen Sprüchen. Als Beatrix Mülhens-Klemm vom Gestüt Röttgen in einem Gespräch klagte, einer ihrer Vollblüter laufe bei regennasser Bahn zu langsam, wurde sie von der früheren Krankengymnastin spitz belehrt: »Dann müssen Sie das eben mit Ihrem Pferd üben.«

Der Galopperverband macht jetzt die Erfahrungen, unter denen auch andere Sportorganisationen zu leiden haben, nachdem sie Politiker engagierten. So sind die Turner mit ihrem obersten Riegenführer Walter Wallmann unzufrieden, die Skifahrer brauchten lange, um sich an den barocken Josef Ertl zu gewöhnen, und selbst der umtriebige Gerhard Mayer-Vorfelder ist bei den Fußballern ohne Fortüne. Allein der verstorbene Willi Weyer war als Sportbund-Präsident eine erfolgreiche Ausnahme. Was der gestandene Funktionär vom Wirken seines Parteifreundes Scheel im Sport hielt, machte er bei Empfängen schon mal deutlich: »Mein Gott, Walter, du stehst ja da wie ein Jockey.«

Eine andere Politikereigenschaft hat Kritiker Eisemann inzwischen auch bei Scheel ausgemacht: dessen zähes Festhalten an ergatterten Pfründen. Keiner weiß, wie nun der »freie Mitarbeiter der Bundesrepublik Deutschland«, als der Scheel sich gern sieht, aus dem Rennstall zu vertreiben ist. Seine Amtszeit dauert noch bis Anfang 1991. Niemand mag ihn zur Demission öffentlich auffordern, »schließlich war er ja mal Bundespräsident« (Ellerbracke).

Zudem ist noch kein Nachfolger in Sicht. Die Besitzervereinigung wüßte am liebsten einen hauptamtlichen Manager an der Spitze des Direktoriums - dazu müßten aber erst die Verbandsstrukturen völlig umgekrempelt werden. Andere bringen den Ex-Regierungssprecher Peter ("Pepe") Boenisch ins Gespräch, der als Turfkenner gilt.

Doch nach den schlechten Erfahrungen mit der »Galionsfigur Scheel« (Eisemann) regt sich schon Widerstand. Ehe es »dieser Journalist« werde, erklärte Professor Werner Glahe, Präsident des Bad Harzburger Rennvereins, wolle er selbst kandidieren. Der »alternde Playboy mit eindeutiger Steuervergangenheit«, so das Vorstandsmitglied im Dortmunder Rennverein, Werner Himmelmann, sei schlichtweg ungeeignet.

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