Neue Doku über Lance Armstrong Der Wütende

Tränen für Jan Ullrich, Kritik an der Scheinheiligkeit des Radsports: Noch immer brodelt es in Lance Armstrong. Eine neue TV-Dokumentation fragt, wie der ehemalige Tour-Dominator auf seinen Doping-Betrug schaut.
Lance Armstrong: "Sagt ihnen, dass ich ihnen meine Liebe schicke"

Lance Armstrong: "Sagt ihnen, dass ich ihnen meine Liebe schicke"

Foto:

Christophe Karaba/ picture alliance / dpa

Lance Armstrong will nicht mehr hassen, zuschlagen sowieso nicht. "Ich hätte das die meiste Zeit meines Lebens getan", sagt er. Diesmal nicht. Doch als ihn die sechs oder sieben Leute in der Bar beleidigten, ihm die ausgestreckten Mittelfinger entgegenhielten, da hätte er reagieren müssen. Ein Lance Armstrong lasse so was nicht geschehen. Also rief er später in der Bar an, gab seine Kreditkartennummer durch und sagte, er übernehme die Kosten für das Essen und die Getränke der Leute. "Unter einer Bedingung", so Armstrong: "Sagt ihnen, dass ich ihnen meine Liebe schicke."

So erzählt es Armstrong gleich zu Beginn der neuen zweiteiligen Dokumentation "LANCE", deren erster Teil seit Montag online bei ESPN  zu sehen ist. Der zweite Teil erscheint am kommenden Montag. Der SPIEGEL konnte die Doku vorab sehen.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Regisseurin Marina Zenovich zeichnet darin ein differenziertes Bild der ehemaligen Radikone, die den Krebs besiegte, sich sieben Siege bei der Tour de France erdopte und erst nach einem Comeback überführt wurde. In mehreren Interviews spricht Armstrong über seine Kindheit, wie er vom Stiefvater verprügelt wurde, wie er zum Triathlon kam, zum Radsport wechselte und wie er mit - so schätzt er es zumindest - 21 Jahren "die Linie überschritt" und mit dem Doping begann.

Armstrongs Entschuldigung

Armstrongs Betrugsgeschichte ist bekannt, da liefert die Doku kaum neue Informationen. Viel interessanter aber erscheint, wie Armstrong heute über seine Lügen denkt. Zeigt er Reue?

Sein Verhalten als Anführer eines ganzen Sports täte ihm leid, sagt er. "Ich bedauere das zutiefst. Ich wünschte, ich könnte das ändern und wäre ein besserer Mensch gewesen." Natürlich steht der 48-Jährige heute zu seinen Lügen, sie sind ja bereits aufgeflogen. Was bleibt ihm da anderes übrig? Aber ist das auch echte Reue? Oder ist es eher Selbstmitleid?

Wenn Armstrong in den Interviews zurückschaut, sind da immer noch Ärger und Wut. Und immer steht er im Mittelpunkt, als hebe er sich noch heute im Gelben Trikot von der Masse ab. Was die Aufklärung seiner Dopinggeschichte angeht, würde er auch im Nachhinein nichts ändern, sagt Armstrong. Keine Zusammenarbeit mit den US-Ermittlern. Die hätte ihm womöglich einige schwere Konsequenzen erspart. Aber er habe die persönliche "Kernschmelze" gebraucht, sagt Armstrong. So als wäre der Tour-Dominator süchtig nach Doping und Lügen gewesen und nur ein kalter Entzug hätte helfen können. Zuerst geht es um die Konsequenzen für ihn, nicht um den Schaden für den Radsport.

Heute lebt Armstrong mit seiner Verlobten Anna Hansen und den beiden gemeinsamen Kindern zusammen. In einer Szene gehen sie gemeinsam Schlitten fahren. "Hey, es könnte schlimmer sein", sagt Armstrong über sein heutiges Leben. "Ich könnte Floyd Landis sein und jeden Tag als Stück Scheiße aufwachen." Er beleidigt seinen ehemaligen Teamkollegen, der gegen ihn ausgesagt hat. "Das ist unverzeihlich." Auch zehn Jahre später ist Armstrong noch wütend. Mit den meisten Leuten von damals sei alles okay. Aber nicht mit Landis.

Als er über Ullrich spricht, kommen die Tränen

Armstrong spricht über die gesamte Doku sehr klar, er ist in seiner Meinung gefestigt. Nur als er über seinen Freund Jan Ullrich spricht und wie er ihn 2018 in einer Entzugsklinik besuchte, wird Armstrong emotional. "Ich liebe ihn", sagt er, dann kämpft er mit den Tränen. Seinen Kumpel in dessen Alkohol- und Drogenkrise zu sehen, war schwer.

Ullrichs Absturz bezieht Armstrong aber gleich wieder auf sich. Sie beide seien in einer ähnlichen Situation gewesen. Sie hatten eine Frau, Kinder und Geld – und stürzten dann ab. Die größte Ungerechtigkeit sieht Armstrong darin, wie Ullrich und er im Gegensatz zu anderen Dopern behandelt werden. Ullrich und er seien zerstört worden, nun würden sie geächtet.

Früher Rivalen, heute Freunde: Jan Ullrich (l.) und Lance Armstrong (r.) bei der Tour de France 2004

Früher Rivalen, heute Freunde: Jan Ullrich (l.) und Lance Armstrong (r.) bei der Tour de France 2004

Foto:

ERIC GAILLARD/ REUTERS

Aber was ist mit den anderen? Und da hat Armstrong einen Punkt. Ehemalige Doper arbeiten heute in den Teams des Pelotons:

  • Ullrichs ehemaliger Teamkollege Alexander Winokurow, 2007 bei Fremdblutdoping erwischt, ist Manager der Mannschaft Astana.

  • Jonathan Vaughters, ehemaliger Armstrong-Helfer, arbeitet als Manager bei Education First.

  • Erik Zabel war zuletzt Performance Manager bei Katusha-Alpecin.

  • Rolf Aldag war bis Anfang des Jahres Manager bei Dimension Data.

  • Hinzu kommen Teamchefs wie Eusebio Unzué, die schon seit Jahrzehnten dabei sind, aber vom Doping im Peloton nichts mitbekommen haben wollen.

Würde Armstrong seinem Sohn vom Doping abraten?

Schon vor Jahren hat sich Armstrong über David Lappartient, den Präsidenten des Radsportweltverbands, lustig gemacht, als der sagte: "Frühere Doper haben keinen Platz im Radsport." Nun kommen sogar Leute wie Bjarne Riis zurück. Der Däne dopte als Fahrer selbst, außerdem gab er zu, Doping als CSC-Manager mindestens geduldet zu haben. Auch deshalb fühlt sich Armstrong ungerecht behandelt.

Als größter überführter Betrüger bleibt Armstrong für die Rad-Gemeinschaft ein Aussätziger. Er könne nicht mehr tun, als sich zu entschuldigen und weiterzumachen, meint er. In Wirklichkeit aber könnte er Verantwortung übernehmen für seinen Betrug. Auch im Kleinen.

Armstrongs Sohn Luke aus erster Ehe spielt heute American Football am College. Würde Lance ihm abraten, sollte er leistungssteigernde Mittel ausprobieren wollen, wird Armstrong in der Doku gefragt. An diesem Punkt seiner Karriere sei es das nicht wert, antwortet der Vater. Er würde ihm sagen, dass es eine schlechte Idee sei. Aber wäre Luke Profi in der NFL "könnte das ein anderes Gespräch sein".

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.