Zur Ausgabe
Artikel 56 / 97
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

LEICHTATHLETIK Laufend Millionär

Rennen und Springen ist zu einem lukrativen Beruf geworden. Bei der Weltmeisterschaft in Rom wird der Marktwert der Stars neu festgesetzt. *
aus DER SPIEGEL 36/1987

Sogar der Veranstalter des höchstdotierten Leichtathletiksportfestes der Welt, der Schweizer Andreas Brügger, schreckte vor dem teuersten Star der Branche zurück. Für einen Start in Zürich hatte der US-Star Edwin Moses 50000 Dollar Startgeld gefordert, für sich und den 400-Meter-Weltklasseläufer Harry Reynolds. Dazu verlangte Moses Flugtickets und Hotelübernachtung für den gesamten Troß, zu dem neben Reynolds noch ein Manager und die stets mitreisenden Ehefrauen gehören.

Brügger verzichtete auf Moses, doch von 15 anderen Veranstaltern bekam der zweimalige Olympiasieger über 400 Meter Hürden, was er forderte. So verbuchte der Amerikaner in dieser Saison schon 375000 Dollar Startgage auf seinem Konto und blieb weiterhin Mitglied jenes illustren Trios, das bei Sportfesten die Gagenhöhe selbst festsetzen kann.

Neben Moses dürfen das noch die Olympiasieger Said Aouita aus Marocko und Carl Lewis aus den USA. Sie erhalten pro Start mindestens 25000 Dollar.

In dieser Woche aber laufen und springen auch die drei Superstars ohne einen Pfennig Gage. Bei den Weltmeisterschaften in Rom gibt es kein Geld zu verdienen, sondern nur Medaillen zu gewinnen. Dennoch haben auch Moses Lewis und Aouita ihr Training in diesem Jahr so ausgerichtet, daß sie in Rom möglichst in Bestform antreten.

Im Zeichen der unaufhaltsam fortschreitenden Kommerzialisierung der Leichtathletik haben sich nämlich drei Kriterien herausgebildet, die den Marktwert eines Athleten bestimmen. Am lukrativsten ist ein Olympiasieg, der aber nur alle vier Jahre möglich ist. Alsdann zählt ein Weltrekord, der jedoch angesichts des nahezu ausgereizten Leistungspotentials immer schwieriger zu erzielen ist. Und schließlich gibt es das große Geld für einen WM-Titel.

Deshalb sind die Titelkämpfe von Rom so etwas wie die Börse der Branche. Hier werden die Kurse der Stars bis zu den Olympischen Spielen im nächsten Jahr in Seoul neu festgesetzt. Wer in Rom versagt, bekommt demnächst bei Sportfesten in Berlin, Zürich, Brüssel oder Koblenz eine wesentlich geringere Gage.

Und die Kurssprünge sind mitunter gewaltig. In der Leichtathletik hat sich eine Leistungsgesellschaft in fünf Klassen entwickelt.

Hinter den drei Superstars lauern bereits so erfolgshungrige Athleten wie der kanadische Sprinter Ben Johnson, der Nigerianer Innocent Egbunike und der Brite Steve Cram. Sie gehören _(Als Sänger in einer Show des Tokyo ) _(Broadcasting System. )

zur zweiten Kategorie, kassieren pro Einsatz zwischen 10000 und 15000 Dollar. Ein Aufstieg in die Spitzenklasse würde also ihr Einkommen beinahe verdoppeln.

In der Mittelklasse, der auch die Deutschen Harald Schmid, Patriz Ilg sowie Carlo Thränhardt und Dietmar Mögenburg angehören, liegen die Startgagen zwischen 4000 und 7000 Dollar.

Auf etwa 50 Athleten schätzt Brügger die Besserverdienenden in den obersten drei Klassen. Das Gros gehört zur Masse, die mit 1000 bis 3000 Dollar pro Start entlohnt wird. Die Statisten im Millionenspiel müssen schließlich mit weniger als 1000 Dollar zufrieden sein und nach den Sportfesten oft bis weit nach Mitternacht in den Hotelfluren warten, ehe ihnen das Geld im Vorübergehen in die Hand gedrückt wird.

Den Mitläufern bleiben auch zusätzliche Verdienstmöglichkeiten verschlossen. Für einen Weltrekord gibt es Sonderprämien zwischen 10000 und 25000 Dollar. Die Hochspringer vereinbarten einen Zuschlag von 200 Dollar je Zentimeter über 2,30 Meter hinaus.

Da sind die Zeiten längst vergessen, in denen Martin Lauer 1959 und Armin Hary 1960 in Zürich noch für unter dem Tisch gezahlte 500 Mark starteten und für ihre Weltrekorde vom Veranstalter freiwillig 1000 Mark geschenkt bekamen.

Moses, Lewis und Aouita sind inzwischen längst dabei, ihre zweite Dollar-Million an Startgagen zusammenzulaufen. Der britische Europameister Steve Cram und Olympiasieger Daley Thompson haben die Millionengrenze erreicht. Und angesichts der neuen Verdienstmöglichkeiten kommen laufend neue Stadion-Millionäre dazu.

Bevor Laufen und Springen ein Beruf wurde, der nach den Regeln des Kapitalismus funktioniert, beherrschten die

Staatsamateure des Ostblocks weithin die Leichtathletikszene.

Um den Wettbewerbsvorteil aufzuheben, strich der internationale Verband IAAF 1982 die Amateurklausel. Damals kritisierte DDR-Verbandschef Georg Wieczisk noch, das sei »verkappte Professionalisierung«.

Inzwischen handelt auch der Ostblock unverblümt nach den Profiregeln des Klassenfeindes. Dollar-Sportfeste finden nun auch in Budapest, Moskau und Prag statt. Und der weltbeste Stabhochspringer, Sergej Bubka aus der UdSSR, sowie die bulgarische Hochsprung-Weltrekordlerin Stefka Kostadinowa lassen deutlich erkennen, daß sie, um, die Verdienstmöglichkeiten total auszuschöpfen, den Weltrekord nur zentimeterweise steigern wollen.

Dabei sind Gagen längst nicht mehr alles. Die beiden deutschen Sportartikel-Hersteller adidas und Puma zahlen in Konkurrenz zum US-Unternehmen Nike den Topstars Jahresbeträge von 100000 Dollar und mehr, damit sie in ihren Laufschuhen siegen. Carl Lewis, so amerikanische Schätzungen, habe in der Werbung bereits mehr als eine Million Dollar verdient.

Dagegen wirken die 50000 Mark, die Agfa an den deutschen Zehnkampf-Strahlemann Jürgen Hingsen zahlte, reichlich bescheiden. Sein Rivale Siegfried Wentz inserierte sogar, er benötige zur Vorbereitung auf Olympia 1988 ungefähr 70000 Mark. Eine Gebäudereinigungsfirma erbarmte sich.

Die Masse der bundesdeutschen Athleten lebt von bis zu 3000 Mark Sporthilfe im Monat, in Großvereinen wie Leverkusen und Wattenscheid gibt es vom Sponsor für die Pro-forma-Arbeitsstelle bis zu 2000 Mark Monatslohn dazu.

Seit 1986 schreibt der Verband Topstars wie Schmid und Mögenburg im Rahmen der sogenannten Optimalförderung je nach Leistung 20000 bis 30000 Mark jährlich zur späteren sozialen Absicherung gut. Zudem stellt ihnen Sponsor Audi einen Quattro zur Verfügung.

Doch unter den bundesdeutschen Athleten gärt es. Jenseits der Grenzen, etwa in Großbritannien, verdienen die Kollegen weitaus mehr.

Gegenüber den Briten wirkt das deutsche Fördersystem tatsächlich amateurhaft. So gründeten britische Athleten den »International Athletes'' Club« und verkauften ihre Veranstaltungen für 4,4 Millionen Mark an Sponsoren. Allein an die Sprinter überweist die britische Eisenbahn 88000 Mark. Der britische Verband, der die Professionalisierung anfangs heftig kritisiert hatte trieb sie seither dann am professionellsten voran. Für einen Fünfjahresvertrag zahlte der TV-Konzern ITV 30 Millionen Mark, weitere Sponsoren brachten noch einmal rund 18 Millionen Mark in die Verbandskasse.

Davon besoldet der Verband seine zugkräftigsten Athleten. Manche verdienen mehr als ein Minister. In den beiden höchsten von sieben Verdienstklassen bekommen aktuelle Weltrekordler und Olympiasieger für jeden der sieben Starts im Nationaltrikot 35000 beziehungsweise 29000 Mark. Gezahlt wird nur an Athleten, die in der Weltrangliste mindestens auf Platz 50 stehen, für den 50. gibt es noch 600 Mark Startgeld.

Die Verdienstmöglichkeiten lockten besonders die farbigen Briten, die Leichtathletik als Weg zum sozialen Aufstieg zu wählen. Speerwurf-Olympiasiegerin Tessa Sanderson, Zehnkämpfer Thompson, Sprinter Linford Christie oder Siebenkämpferin Judy Simpson bestimmen zunehmend das Bild der britischen Nationalmannschaft. Die Aufsteiger stärkten das britische Team. Bei der Europameisterschaft in Stuttgart überholte es die Bundesrepublik in der Nationenwertung.

Italien orientiert sich bereits am britischen Beispiel. Die meisten Top-Athleten gehören pro forma dem Militär an. Der Verband fand Sponsoren wie den Waffen- und Chemiefaserkonzern Snia sowie zwei Banken. Sein Olympiasieg über 10000 Meter machte Alberto Cova zum bestverdienenden Leichtathleten des Landes. 1986 soll er 420000 Mark verdient haben.

All diese Tarife werden jetzt in Rom überprüft. Wenn dort um Gold gekämpft wird, geht es um nichts anderes als um das Geld, das inzwischen auf dem freien Arbeitsmarkt Leichtathletik verdient werden kann.

Als Sänger in einer Show des Tokyo Broadcasting System.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 56 / 97
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.