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DOPING Leck im System

Vor knapp drei Jahren enthüllten zwei Journalisten den größten amerikanischen Dopingskandal. Jetzt sollen sie in Beugehaft, weil sie ihre Quellen nicht verraten.
aus DER SPIEGEL 40/2006

Sie haben ihren Job gut gemacht, sie haben ihn so gut gemacht, dass George W. Bush die beiden Journalisten ausdrücklich lobte für ihre Arbeit: »Sie haben unserem Land einen Gefallen getan«, sagte der amerikanische Präsident zu Mark Fainaru-Wada und Lance Williams.

Im April 2005 war das, die beiden Reporter des »San Francisco Chronicle« nahmen an jenem Abend einen Journalistenpreis der White House Correspondents' Association entgegen.

Die Auszeichnung erhielten sie für ihre Enthüllungen im Balco-Skandal. Die Journalisten hatten aufgedeckt, dass die zwei Baseballstars Jason Giambi von den New York Yankees und Barry Bonds von den San Francisco Giants mit Anabolika gedopt hatten. Sie hatten beschrieben, wie die Sportler aus dem Balco-Labor mit dem Designer-Steroid THG versorgt wurden. Sie hatten detailliert geschildert, wie Barry Bonds, die Nummer zwei der ewigen Home-Run-Statistik, jahrelang seine Muskeln mit Wachstumshormon, Insulin und Testosteron mästete.

Die Berichte schockten Amerika, Präsident Bush, der selbst auch mal Anteile an einem Baseball-Team besaß, forderte die Profi-Liga auf, den Sport von illegalen Drogen zu säubern.

Die Reporter haben ihren Job gut gemacht, sie haben ihn so gut gemacht, dass sie dafür wohl bald ins Gefängnis wandern.

Für ihre Artikel im »Chronicle« und das Buch »Game of Shadows« haben Mark Fainaru-Wada und Lance Williams mehr als 200 Leute befragt, mehr als tausend Gerichtsakten und Ermittlungspapiere gelesen. Sie berufen sich auf eine Ex-Freundin von Bonds, auf frühere Balco-Mitarbeiter, sie haben Tonbänder aufgetrieben und Bonds' Dopingkalender. Und sie zitieren Zeugenaussagen, aus dem Protokoll einer geheimen Anhörung, vor einer Grand Jury.

Diese Passagen sind es, für die sich die Staatsanwaltschaft interessiert. Sie will wissen, von wem die Reporter die Mitschrift bekommen haben, sie sucht die undichte Stelle, das Leck im System. Die Journalisten geben ihre Quelle aber nicht preis. Sie sind deshalb jetzt zu einer Beugehaft verurteilt worden. 18 Monate kann sie dauern, so lange muss kein Täter aus dem Balco-Dopingring sitzen. Die Reporter haben Revision beantragt.

Den »Whistleblower« wollen sie auf keinen Fall verraten. Whistleblower, so werden anonyme Informanten in Amerika genannt, die brisantes Material aus Konzernen oder Behörden der Presse stecken. »Wenn sie uns ins Gefängnis schicken, dann ist das eben so«, sagt Fainaru-Wada.

Die Anwälte der Reporter argumentieren, der Nutzen der Veröffentlichungen sei größer als die Schwere des Geheimnisverrats. Die Recherchen der Journalisten führten dazu, dass die Major League Baseball ihre Dopingregeln verschärft hat. In New Jersey werden High-School-Sportler stichprobenartig auf Steroide getestet. Und in Kalifornien müssen Nachwuchsathleten eine Erklärung unterschreiben, keine Anabolika zu nehmen, ihre Trainer werden zu Anti-Doping-Seminaren geschickt.

Für die Staatsanwaltschaft zählt das alles nicht, sie sieht nur, dass die Reporter jede Kooperation verweigern. Richter Jeffrey White sagt, der Fall rechtfertige die Einschränkung der Pressefreiheit. In Amerika gibt es kein allgemeingültiges Zeugnisverweigerungsrecht für Journalisten, Pulitzer-Preisträgerin Judith Miller von der »New York Times« war voriges Jahr 85 Tage im Gefängnis, weil sie sich geweigert hatte, den Regierungsmitarbeiter zu verraten, der eine CIA-Geheimagentin enttarnt hatte.

Als Williams und Fainaru-Wada anfingen, die Balco-Affäre zu recherchieren, »waren wir völlig ahnungslos, wir wussten nicht, was Balco ist«, sagt Fainaru-Wada. »Es ging uns einfach darum, so viel rauszukriegen wie möglich.« Nach den ersten Veröffentlichungen im »Chronicle« verlangte die Staatsanwaltschaft schriftlich von den Journalisten, das Protokoll der Anhörung nicht zu verwenden, es zurückzuschicken und den Informanten zu identifizieren.

Sogar das FBI war aktiv. Agenten stürmten die Wohnung des in den Dopingskandal verwickelten Anabolikahändlers, nahmen seine Handys und Computer mit. »Das FBI wollte wohl herausfinden, ob er unsere Quelle war«, vermutet Williams.

Die tägliche Arbeit der »Chronicle«-Reporter ist schwerer geworden durch die Ermittlung. Williams beklagt, dass einst gesprächswillige Hintermänner inzwischen zurückschrecken, wenn er anruft. »Es ist, als wäre ich radioaktiv.«

Im Prozess wandte er sich an den Richter, sagte: »Bald werden sich keine Informanten mehr aus der Deckung trauen, es wird kein Unrecht mehr aufgedeckt, unsere Bürger werden schlechter informiert.«

Mark Fainaru-Wada hat eine sechsjährige Tochter und einen neunjährigen Sohn, er hat ihnen erklärt, dass ihr Daddy demnächst wahrscheinlich hinter Gitter muss.

»Ich habe den Kindern gesagt: Ich habe etwas versprochen, und es ist sehr wichtig, dieses Versprechen nicht zu brechen, sogar wenn ich für mein Schweigen bestraft werde. Nicht jeder, der ins Gefängnis kommt, ist ein schlechter Mensch.« MAIK GROßEKATHÖFER

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