Zur Ausgabe
Artikel 55 / 84
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

FUSSBALL Lehrgeld gezahlt

Kaum ist Franz Beckenbauer Teamchef der Nationalelf, gibt es den ersten Krach. Bernd Schuster will nie mehr für Deutschland spielen. *
aus DER SPIEGEL 34/1984

Als »Bild« seinen Gelegenheitsschreiber Franz Beckenbauer, 38, zum Teamchef der deutschen Fußball-Nationalelf durchgeboxt hatte, folgte prompt die große Exklusivserie: »Franz Beckenbauer, Fußball und andere Lieben.« Neben Details aus dem Zusammenleben mit Gefährtin Diane ("Was hat ein Trauschein mit Liebe zu tun?") erfuhren die Leser des Massenblattes aus erster Hand, daß der für knapp 20 000 Mark Monatsgehalt engagierte Derwall-Nachfolger die Stars an die Kandare zu nehmen gedenke.

»Bild« am 17. Juli unter der Ankündigung »Morgen lesen Sie": »Möglich, daß er Schuster aus dem Trainingslager wirft.«

Den Einwand eines Schuster-Freundes: »Warum sagst du das? Wenn der Bernd das liest, fühlt er sich doch gleich schon wieder brüskiert«, entkräftete Beckenbauer in der saloppen Art, wie sie seinem heiteren Naturell entspricht: »Ach, geh, du weißt doch, wie das so ist bei einer Zeitung. Die Leute müssen was zum Schreiben haben, das weiß auch der Bernd.«

Beckenbauer hat sich geirrt. »Ich spiele nie mehr für die Nationalelf. Beckenbauer ist einer der Gründe. Ich will nicht mehr, und das ist endgültig«, erklärte ein verärgerter Schuster jetzt vor der spanischen Presse.

Während Beckenbauer von Schusters Entscheidung völlig überrumpelt wurde ("Ich kann sie mir überhaupt nicht erklären") und erst nach einiger Bedenkzeit bereit war zum kompromißlosen Statement: »Okay, dann eben nicht, ich werde jedenfalls nicht nach Barcelona betteln gehen«, kam die explosive Nachricht aus Spanien für Schuster-Kenner längst nicht so überraschend.

Gerd Strack, von 1978 bis 1980 Schusters Teamgefährte beim 1. FC Köln: »Nach dem, was man in letzter Zeit so lesen konnte, hatte ich schon fast mit einem Rücktritt gerechnet.«

Das geht, wenn auch unausgesprochen, gegen Beckenbauer. Er hat sich in den Medien so ungeniert über Schuster verbreitet, daß den Spieler, in dieser Beziehung ohnehin von Verfolgungsängsten geplagt, der Eindruck überkommen konnte: Hier ist schon wieder einer, der an mir rumerziehen will.

So hat Beckenbauer in der »Funksprechstunde« des Bayerischen Rundfunks gesagt, der Sport-Informationsdienst (sid) es in Auszügen weitergetragen: »Menschlich wird er noch dazulernen müssen. Im Moment ist er 24, man hat es bisher immer auf die Jugend geschoben und gesagt, na ja, der ist noch jung, dem verzeiht man Fehler. Genauso, wie man dem McEnroe seine Unzulänglichkeit auf dem Tennisplatz verzeiht. Aber langsam müßte Schuster erwachsen werden. Wenn er eine gewisse Führungsrolle in der Mannschaft hat, dann erwarte ich von ihm ein gewisses Niveau und einen gewissen Anstand.«

Schuster ("Beckenbauer hat schlecht über mich gesprochen") war beleidigt und reagierte wie immer, wenn er sich attackiert wähnt: Er drosch zurück. So wie er Karl-Heinz Heddergott einen »Amateur«, Udo Lattek einen »Trinker« und Jupp Derwall einen »Ahnungslosen« genannt hat, so machte er sich jetzt über Beckenbauer her.

Schuster, so berichten Korrespondenten aus Spanien, sagte: »Beckenbauer hat zu viel Macht. Neuberger ist in Wirklichkeit gar nicht mehr der Präsident des Verbandes. Beckenbauer ist der wahre Verantwortliche, und das halte ich für gefährlich.«

In der Frankfurter Zentrale des Deutschen Fußball-Bundes spekulierte man Ende letzter Woche noch vorsichtig mit Schusters Umfall. »Beckenbauer«, so Pressesprecher Rainer Holzschuh, »wird ihn anrufen. Sollte Schuster bei seinen Äußerungen bleiben, ist das Thema erledigt.« Einen Bittgang Hermann Neubergers nach Barcelona wie 1982, als der Präsident den unlustigen Schuster nach langer Abwesenheit zur Rückkehr in die Nationalelf bewegte, werde es diesmal »mit absoluter Sicherheit« nicht geben.

Die veröffentlichte Meinung ist ohnehin nicht auf Schusters Seite. »Kaiser, bleib hart«, forderte das Fachblatt »Kicker« den schon vor seinem ersten Länderspiel am 12. September in Düsseldorf gegen Argentinien in Nöte geratenen Teamchef Beckenbauer auf, denn: »Wenn er sich vom Spanier ähnlich auf der Nase herumtanzen läßt wie zuvor Jupp Derwall, ist der erste Schritt zum Autoritätsverfall bereits getan.«

Kein Zweifel aber auch, daß Beckenbauer im neuen Job erstes Lehrgeld hat zahlen müssen. Er hat die Mentalität eines Spielers falsch eingeschätzt, der sich deshalb oft so widerspenstig gibt, um eigene Unsicherheit zu kaschieren. Halt und Zustimmung findet er allein bei Ehefrau Gaby, entsprechend groß ist ihr Einfluß auf seine Entscheidungen.

So schwärmte sie Anfang Juli in ihrem Bauernhof auf Ibiza vor Besuchern aus Deutschland: »Ist das nicht ein Paradies hier? Ich sage oft zum Bernd: Hier kann uns keiner was, hier sind wir geschützt vor Menschen, die schlecht über uns reden.«

In Köln haben sie Frau Schuster vor Jahren als »Nutte« beschimpft, weil sie sich für eine Illustrierte nackt photographieren ließ. In Barcelona verdient Schuster zwar eine Million Mark im Jahr, doch ist er in der Öffentlichkeit beinahe noch mehr Angriffen ausgesetzt als in der Heimat. Häufig wird ihm vorgehalten, der Skandalspieler zu sein, der in jedes Fettnäpfchen trete, oder aber das naive Jüngelchen, das von der angeblich wildbewegten Vergangenheit seiner Frau ja keine Ahnung habe.

Das hat die Schusters so überempfindlich werden lassen. Sie haben sich in einen Wir-gegen-alle-Wahn hineingesteigert, und nach diesem Muster wehren sie sich. Schuster gegen Beckenbauer und den Rest der Fußballwelt. _(Mit Ehefrau Gaby beim ) _(Spanien-Länderspiel während der ) _(Europameisterschaft in Frankreich. )

Mit Ehefrau Gaby beim Spanien-Länderspiel während derEuropameisterschaft in Frankreich.

Zur Ausgabe
Artikel 55 / 84
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.