Neue Ziele der Hürden-Weltmeisterin McLaughlins Jagd auf einen Rekord aus der dunklen Zeit

Bei der WM gelang Hürdenläuferin Sydney McLaughlin ein Fabelweltrekord. Nun scheint sie die Bestmarke aus einer Zeit angreifen zu wollen, in der Doping die Leichtathletik prägte. Damals wie heute dabei: Trainer Bob Kersee.
Pulverisierte den Weltrekord über 400 Meter Hürden: Sydney McLaughlin

Pulverisierte den Weltrekord über 400 Meter Hürden: Sydney McLaughlin

Foto: Michael Kappeler / dpa

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Die Moderatorin der Pressekonferenz war nach dem 400-Meter-Hürden-Finale der Frauen bei der Leichtathletik-WM in Eugene besonders gut gelaunt. Mit euphorischer Stimme verkündete sie, dass »der Weltrekord um 0,73 Sekunden verbessert« wurde. Gelaufen von der Frau, die in der Mitte des Podiums saß: Sydney McLaughlin.

Die US-Amerikanerin hatte gerade Leichtathletik-Geschichte geschrieben. In sagenhaften 50,68 Sekunden war sie zu Gold gerannt. Es war ihr vierter Weltrekord innerhalb von 390 Tagen – und es war der erste Lauf unter 51 Sekunden.

»Ich dachte immer, dass eine Zeit von 50 Sekunden machbar ist«, sagte die drittplatzierte Dalilah Muhammad, die neben McLaughlin saß. »Jetzt«, so die Amerikanerin weiter, »glaube ich, dass 49 Sekunden möglich sind – für Sydney.«

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Bis zum 27. Juni 2021 hatte Muhammad noch den Weltrekord (52,16 Sekunden) gehalten. Seitdem hat McLaughlin die Marke um 1,48 Sekunden nach unten gedrückt. Zuvor hatte die Hürdenwelt 16 Jahre für die 18 Hundertstel von 52,34 (Julija Petschonkina/2003) bis 52,16 (Muhammad/2019) benötigt.

McLaughlin ist nun Olympiasiegerin, Weltrekordlerin und endlich auch Weltmeisterin. Mit 22 Jahren. Wer so dominiert, braucht neue Ziele. Ihr Trainer, Bob Kersee, hatte im Vorfeld betont, sollte McLaughlin Weltmeisterin werden, würden sie als Nächstes den Weltrekord über die 400 Meter anvisieren. McLaughlin selbst wollte das nach ihrem Gold nicht bestätigen, sagte aber, dass sie mit Kersee bereits nach »anderen Sachen« geguckt hätte.

McLaughlin beim Zieleinlauf

McLaughlin beim Zieleinlauf

Foto: IMAGO/JOEL MARKLUND / IMAGO/Bildbyran

»Bobby kommt immer mit neuen Ideen«, so McLaughlin. Natürlich würde ein Wechsel auf die 400 Meter ein anderes Training erfordern, aber alles sei möglich. »Das überlasse ich ganz meinem Coach.«

Ein Weltrekord aus der dunklen Zeit der Leichtathletik

Vielleicht sollten Kersee und McLaughlin noch einmal in aller Ruhe darüber nachdenken, ob es wirklich lohnenswert wäre, den Weltrekord über die Stadionrunde als neues Ziel auszurufen.

Es gibt in der Leichtathletik einige Bestmarken, die als unantastbar gelten. Die in Stein gemeißelt sind – und an die trotz verbesserter Trainingsmethodik, leichterer Schuhe und neuester Laufbeläge mit vermeintlich federunterstützender Wirkung einfach niemand herankommt.

McLaughlin nach ihrem Weltrekordlauf

McLaughlin nach ihrem Weltrekordlauf

Foto: ANDREJ ISAKOVIC / AFP

Zeiten, die aufgestellt wurden, als es zum Beispiel in der DDR nachweislich ein vom Staat gefördertes Dopingsystem gab. In denen Kontrollen auf leistungssteigernde Mittel äußerst lückenhaft waren. Und in der so manche positive Probe auf mysteriöse Weise verschwand.

Der Weltrekord über die 400 Meter der Frauen ist ein Paradebeispiel dieser »verbotenen Weltrekorde«: Gelaufen von Marita Koch für die DDR am 6. Oktober 1985 beim Weltcup in Canberra. 47,60 Sekunden. Eine Zeit wie ein Fels. Unverrückbar. Und alle, die sich bislang daran versucht haben, sind chancenlos abgeprallt.

Am nächsten ist Salwa Eid Naser aus Bahrain dran gewesen. Sie war vor drei Jahren in 48,14 Sekunden zu WM-Gold gelaufen. In Eugene konnte die 24-Jährige ihren Titel nicht verteidigen. Sie wurde im Juni 2021 vom Internationalen Sportgerichtshof (CAS) für zwei Jahre gesperrt. Naser hatte gegen die Meldepflicht für Dopingtests verstoßen. Alle Ergebnisse rückwirkend bis zum 25. November 2019 wurden gestrichen.

Marita Koch nach ihrem Weltrekord über 400 Meter

Marita Koch nach ihrem Weltrekord über 400 Meter

Foto: Z1000/ dpa

Koch hat stets bestritten, unerlaubte Mittel genommen zu haben. In einem Bericht  des Deutschlandfunks aus dem Jahr 2010 hieß es, Koch habe 1986 im DDR-Fernsehen gesagt, dass sie »bei internationalen Starts immer wieder nach den Ursachen des Sportwunders DDR gefragt« würde. Und das mancher glaube, »bei uns ein besonderes Geheimnis entdecken zu können«. Dabei sei, ergänzte sie, »dieses sogenannte Geheimnis eine ganz normale Sache: der real existierende Sozialismus in unserem Arbeiter- und Bauern-Staat«.

Anabolika-Maximaldosis von 1460 Milligramm pro Jahr

Der Antidoping-Experte Werner Franke hatte nach dem Fall der Mauer Einsicht in unzählige, zuvor streng geheime Akten zum DDR-Staatsdoping bekommen. Anhand dieser Unterlagen konnte er beweisen, dass Koch Anabolika verabreicht bekam. Frankes Ehefrau, Brigitte Berendonk, hatte in ihrem Buch »Doping – von der Forschung zum Betrug« berichtet, Koch habe zu DDR-Zeiten die Anabolika-Maximaldosis von 1460 Milligramm pro Jahr erhalten.

Bob Kersee mit Florence Griffith-Joyner, 1988

Bob Kersee mit Florence Griffith-Joyner, 1988

Foto: Tom Strickland / AP

Zwei weitere kritisch betrachtete Uralt-Weltrekorde sind die von Florence Griffith-Joyner über die 100 Meter (10,49 Sekunden) und 200 Meter (21,34 Sekunden). Beide Bestmarken lief »Flo-Jo« 1988. Innerhalb von nur einem Jahr hatte sie sich somit um 0,57 (100 Meter) und 0,62 Sekunden (200 Meter) verbessert.

Ihre verblüffende Leistungssteigerung, verbunden mit dem sichtbaren Muskelwachstum und einer tiefer werdenden Stimme, sahen viele als Beweis für den Einsatz von Anabolika an. Griffith-Joyner gab kurz nach ihren drei Goldmedaillen von Seoul überraschend ihr Karriereende bekannt. Sie starb im Herbst 1998 mit nur 38 Jahren. Ihr langjähriger Trainer war übrigens: Bob Kersee.

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