Zur Ausgabe
Artikel 64 / 94
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

EISHOCKEY Leit' müassn her

Die bayrischen Traditionsklubs Tölz, Füssen und Riessersee spielen nur noch Nebenrollen. Es fehlt an Zuschauern und Geld, die besten Spieler werden weggekauft. *
aus DER SPIEGEL 46/1986

Auf der Ehrentribüne sorgte sich der Firmenchef von »Perlweiss«-Zahnpasta: »Wenn die dauernd verlieren, ist das für uns ein Negativ-Image.« Sein Unternehmen zahlt dem SC Riessersee 180000 Mark im Jahr für Trikotwerbung. Unten auf dem Eis festigte die

Mannschaft des zehnmaligen Deutschen Meisters durch eine 1:11-Heimniederlage gegen die Düsseldorfer EG ihren Platz am Tabellenende der Eishockey-Bundesliga. »Leit' müassn her«, stöhnte der frühere Nationalspieler Toni Biersack, als die Einheimischen wieder einmal amateurhaft ein Kontertor einfingen. »Aber wer soll' die bezahln?«

Fünf Jahre nach seinem bisher letzten Meistertitel kämpft der SC Riessersee, die Mannschaft aus Garmisch-Partenkirchen mit dem Zugspitzgipfel im Vereinswappen, gegen den tiefen Absturz in die Bedeutungslosigkeit. »Wer einmal draußen ist aus der obersten Liga«, weiß Vereinsvorsitzender Ernst Kraus, »der kommt nie wieder rein.«

In Riessersee hat man als traurige Vorbilder die beiden anderen Traditions-Klubs aus dem bayrischen Oberland vor Augen, den 16maligen Deutschen Meister EV Füssen und den zweimaligen Titelträger EC Bad Tölz. Diese drei Vereine beherrschten in der Zeit zwischen 1947 und 1971 das deutsche Eishockey. In den fünfziger Jahren, so erinnert sich der Bundestrainer und ehemalige Füssener Spieler Xaver Unsinn. sei es »fast eine Niederlage« gewesen, wenn Füssen ein Heimspiel nicht zweistellig gewann.

Nunmehr mühen sich Tölz und Füssen erfolglos in der Zweiten Liga ab und haben den Traum von einer Wiederkehr der glanzvollen Tage längst aufgegeben.

»Und auch in Riessersee«, so der eigentlich zum Optimismus verpflichtete Vorsitzende Kraus, »geht es wohl in den nächsten Jahren ab ins Unterhaus.« Dann würde sich der Zahnpastachef als Sponsor zurückziehen: Das Fernsehen überträgt Zweitligaspiele bestenfalls im Regionalprogramm in Ausschnitten, und ohne Fernsehen ist die Werbewirkung gleich Null.

Von den Zuschauereinnahmen kann der Klub kaum existieren. Nicht einmal 2000 Fans verlieren sich durchschnittlich bei den Spielen im riesigen Garmischer Olympiastadion. Füssen, 1983 in die Zweitklassigkeit abgesunken, hat einen Zuschauerschnitt von 900, Bad Tölz, schon seit zehn Jahren nicht mehr in der Ersten Liga, liegt bei rund 1000.

»Schuld ist das verdammte Geld«, sagt Toni Biersack, der sich 1960 als Nationalverteidiger noch für ein Entgelt von 30 Mark pro Spiel beim SC Riessersee verdingt hatte. Wenn damals der Verein für talentierte Spieler einen sicheren Arbeitsplatz beim Zoll, im Freibad oder sonstwo in der Stadtverwaltung besorgte, reichte das allemal, um sie an die Heimat zu binden.

Zu Beginn der siebziger Jahre änderten sich die Verhältnisse. Die bis dahin sportlich schwächeren Klubs in den Großstädten Düsseldorf. Köln oder Berlin übernahmen das Kommando. Sie hatten die größeren Hallen und zudem Sponsoren, die mit viel Geld die Stars aus Bayern lockten.

Nicht selten waren es schillernde Figuren wie der Kölner Anlageberater Jochem Erlemann, der später wegen Betrugs verurteilt wurde. Mit dem damals sensationellen 650000-Mark-Transfer des Landshuters Erich Kühnhackl leitete Erlemann endgültig im deutschen Eishockey die Ära des großen Geldes ein und damit den Niedergang der bayrischen Kleinstadtvereine mit den großen Namen.

Tölz hat ein Hinterland mit etwa 40000, Füssen mit 35000, Garmisch-Partenkirchen und der SC Riessersee mit knapp 70000 Bewohnern. Woher sollten da die Zuschauer kommen? Außerdem waren die Fans im Alpenvorland durch die vielen Meistertitel verwöhnt. »Wer will schon miterleben«, fragt Toni Biersack, »wie der SC Riessersee fast nur noch verliert?«

Die bayrische Postkartenidylle, von der die Fremdenverkehrsorte Füssen, Garmisch und Bad Tölz leben, wirkte sich fürs Eishockey negativ aus. »Wir haben keine Industrie und daher keine finanzkräftigen Sponsoren«, klagen die drei Vereinsvorsitzenden. In Tölz etwa zahlt eine Computerfirma für die Trikotwerbung jährlich ganze 10000 Mark. Der Kölner EC dagegen erhält für den Schriftzug auf dem Trikot 500000 Mark.

Und ein Glückstreffer, wie ihn der einstige Durchschnittsverein Rosenheim landete, für den der Eishockey-besessene Wurst-Fabrikant Josef März mit Millionenaufwand eine Spitzenmannschaft zusammenkaufte, war dem Traditionstrio auch nicht beschieden: So hatte der EV Füssen zwar lange Jahre mit dem

Prinzen Raphael von Thurn und Taxis einen ortsansässigen Gönner. Doch außer Silberbechern und Gedenkmünzen für den nach ihm benannten »Thurnund-Taxis-Pokal« stifteten Durchlaucht nur sehr kärglich aus der fürstlichen Schatulle.

1982 versuchten die Füssener sich mit einem finanziellen Kraftakt gegen die Zeitläufte zu stemmen. Sie verpflichteten den damals besten deutschen Verteidiger Udo Kießling und zahlten ihm für einen Dreijahresvertrag 650000 Mark. Doch die erhoffte Meisterschaft blieb aus, der Verein ging 1983 in Konkurs.

Nur eine Neubildung mit Hilfe eines benachbarten Landesliga-Klubs ermöglichte es den Füssenern, wenigstens in der zweiten Liga weiterzuspielen. Die Zeit der Neueinkäufe von Stars war für die finanzschwachen Vereine aus dem Oberland endgültig vorbei.

Die Gegenbewegung jedoch verstärkte sich von Jahr zu Jahr: Die besten bayrischen Spieler wanderten in »preissische« Großstadtvereine ab. »Soll man ihnen das verdenken«, sagt der Tölzer Klubpräsident Toni Fischhaber, »wenn sie dort zehnmal soviel verdienen wie bei uns.« Mit Ausnahme von drei ausländischen Profis erhält in Tölz jeder Spieler nur 10000 Mark pro Jahr. Die meisten arbeiten mehrere Stunden täglich in ihrem Beruf. Ähnlich ist es in Füssen und selbst beim Erstligaklub Riessersee.

Fünf aktuelle Nationalspieler kommen aus Bad Tölz. Beim EC spielt keiner mehr. Riessersee stellte 1980 den deutschen Juniorenmeister. Von den 21 Spielern dieses Teams ist nur einer geblieben. In Füssen tritt jedes Jahr zu Weihnachtern eine bunt zusammengewürfelte Legionärsauswahl von Profis, die aus dem EV hervorgegangen sind, gegen die lokale Zweitligamannschaft an. Bisher haben die Legionäre immer gewonnen.

Der permanente Ausverkauf der stärksten Oberbayern läßt die Hoffnung auf bessere sportliche Zeiten in den ehemaligen Hochburgen kaum noch aufkommen. Man sei ja schon froh, sagt Fischhaber, wenn ein junger Spieler wenigstens noch zwei bis drei Jahre am Ort dem Puck und erst dann in Düsseldorf, Köln oder Mannheim dem großen Geld hinterherliefe. »Aber die werben uns jetzt ja schon begabte Jugendspieler ab.« Andererseits sei er gezwungen, jedes Jahr drei, vier gute Spieler zu verkaufen. »um den Haushalt auszugleichen«.

Beim SC Riessersee bäumt man sich, die Zweitklassigkeit vor Augen, hilflos gegen alles fast Unvermeidliche auf. Vorsitzender Kraus: »Der Spitzenwintersportort Garmisch muß in der attraktiven Sportart Eishockey unbedingt erstklassig bleiben. Ein Rezept aber weiß Kraus auch nicht.

In Tölz dagegen haben sich die Funktionäre in die Rolle der Talentschmiede für andere gefügt. Der Verein wirbt Mitglieder mit dem Slogan: »Wir bringen Spitzenspieler hervor!« Beim EV Füssen, so Vorsitzender Rudolf Schäfermeier, mache er seine Arbeit vor allem, »um Jugendliche von der Straße zu holen«.

Schäferermeier, ein Zugereister aus dem Kohlenpott, leitet neben dem Allgäuer Traditionsverein eine Rehabilitationsklinik, die als größter Arbeitgeber am Ort dem einen oder anderen Spieler wenigstens einen trainingsfreundlichen Teilzeitjob anbieten kann. Einen einheimischen Gegenkandidaten für sein Amt gibt es nicht mehr.

Das Eisstadion »Am Kobelhang«, eine knarzende Holzkonstruktion aus Füssens großer Zeit, müßte Schäfermeier wegen hervorstehender rostiger Nägel und morscher Sitzbretter zur Hälfte sperren lassen. Aber das mache gar nichts, sagt er, denn »wir kriegen ja noch nicht mal die eine Hälfte voll«.

Zur Ausgabe
Artikel 64 / 94
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.