Giro-Etappensieger Lennard Kämna Er hatte den Spaß verloren und holt jetzt alles nach

Mit dem Etappensieg beim Giro d'Italia beweist Lennard Kämna sein großes Talent. Der 25-Jährige ist so gut, weil er die Lust am Radfahren zurückgewonnen hat. Vor einem Jahr sah das noch anders aus.
Lennard Kämna am Ziel als Sieger auf dem Ätna

Lennard Kämna am Ziel als Sieger auf dem Ätna

Foto: LUCA BETTINI / AFP

Wenn ein Sportler sagt, er sei voll motiviert, er habe »richtig viel Lust«, dann ist das häufig eine Phrase. Bei Lennard Kämna ist es ein Bekenntnis. Weil es bei ihm mal ganz anders war.

Wie groß die Lust auf Radfahren bei dem 25-Jährigen jetzt wieder ist, hat er am Dienstag eindrucksvoll bewiesen. Bei der ersten Bergprüfung des Giro d'Italia in diesem Jahr hinauf zum mächtigen Ätna strampelte er die Konkurrenz in Grund und Boden. Ein Tanz auf dem Vulkan.

Im Zielsprint konnte auch Mitausreißer Juan Pedro Lopez, immerhin ein ausgewiesener Bergspezialist, nicht mehr mithalten. Gelohnt hatte es sich aber auch für ihn: Der Spanier schlüpfte dafür ins Rosa Trikot des Gesamtspitzenreiters.

Bora-Hansgrohe damit schon im Soll

Kämnas Team Bora-Hansgrohe ist damit nach vier Etappen des Giro schon im Soll, »das nimmt uns den Druck«, sagte der Norddeutsche nach dem Etappensieg. Er trägt jetzt das blaue Trikot des Bergbesten und liegt in der Gesamtwertung auf einem starken zweiten Platz hinter Lopez. Schon beim Zeitfahren überzeugte er mit Rang acht, bei der ersten Etappe in Ungarn fuhr er eine harte Attacke, dort wurde er noch kurz vor dem Ziel abgefangen.

Nach dem Etappensieg in Champagnerlaune

Nach dem Etappensieg in Champagnerlaune

Foto: Gian Mattia D'Alberto / AP

Dass Kämna eine der ganz großen Hoffnungen des deutschen Radsports ist, ebenso stark am Berg wie im Rennen gegen die Uhr, das ist nicht neu. Dass er in diesem Jahr so auftrumpft, ist aber alles andere als selbstverständlich. Noch vor einem Jahr stand die Karriere von Lennard Kämna vor dem Ungewissen.

Im Mai 2021 vollzog Kämna eine Vollbremsung, er beendete die Saison, bevor sie so richtig begonnen hatte. Keine Tour de France, die Rundfahrt, bei der er 2020 mit einem Etappensieg bereits so beeindruckt hatte, keine Olympischen Spiele, kein Giro, keine WM. Stattdessen die vollständige Auszeit. Alles, nur nicht Radfahren.

»Ich habe mein Leben falsch gelebt«

Kämna hatte den Spaß an seinem Sport verloren, dem »Weser-Kurier« sagte er im vergangenen Oktober, er habe Probleme gehabt, »mir Befriedigung abseits des Sports zu holen. Ich habe mein Leben falsch gelebt«. Er habe es »verpasst, mich für andere Dinge zu öffnen, andere Interessen zu entwickeln«.

Das holte er dann mit Verve nach, er machte seinen Segelschein, traf Freunde, neun Monate war er einfach weg vom Leistungssport, kehrte erst im Februar zurück und tastete sich langsam ans Radfahren wieder heran.

Beim Cape Epic, einem Mountainbike-Rennen in Südafrika, nahm er teil, einfach so, ohne Ambitionen, »aber als ich sah, wie die anderen Fahrer um den Sieg kämpften, hat es bei mir wieder gekribbelt«. Heute will er nicht mehr im Detail darüber reden, warum er im Vorjahr ausgestiegen ist: »Ich hatte einfach keine Lust mehr«, sagt er nur – auch das holt er jetzt nach.

Rennstall verlängerte Vertrag demonstrativ

Die Rückendeckung seines Rennstalls hatte er im Vorjahr. Als er seine Auszeit verkündete, verlängerte Bora-Hansgrohe den Vertrag mit Kämna demonstrativ bis 2023. »Ich sehe da meine Aufgabe als Teamchef darin, ihn zu beschützen und aus der Schusslinie zu nehmen, und darum haben wir uns auch entschieden, eine Art Schlussstrich zu ziehen und nach einem Reset neu durchzustarten. Er soll sich nun erst einmal völlig erholen«, hatte Teamchef Ralph Denk gesagt.

Es ist nicht das erste Mal, dass sich Kämna eine Pause verordnet hat. Schon in seiner Zeit beim Team Sunweb war das der Fall, eine Reaktion auf die enormen Belastungen einer Profi-Saison. Im SPIEGEL-Interview sagte er damals, es sei einfach »alles zu viel« gewesen, er habe eine Art »Sommerferien« gebraucht.

Tom Dumoulin aus den Niederlanden, bereits mit einem Girosieg gekrönt und damals sein Kapitän bei Sunweb, hatte 2021 ebenfalls über Monate ausgesetzt und dies explizit mit massiven Motivationsproblemen und der mentalen Belastung begründet. Er habe sich gefühlt, als habe er einen »100-Kilo-Rucksack auf den Schultern«, hatte Dumoulin begründet.

Kämna bei der Tour de France 2020

Kämna bei der Tour de France 2020

Foto: DAVID STOCKMAN / imago images/Belga

Mit Dumoulin ist Kämna bis heute über WhatsApp im Austausch, aber auch sportpsychologische Hilfe hat sich der Deutsche geholt. Und scheint jetzt wieder so stark wie zur Zeit seines Etappensieges bei der Tour de France. Damals konnte selbst Richard Carapaz, Topfavorit auf den Giro-Sieg in diesem Jahr, ihm nicht mehr auf dem Weg ins Ziel nach Villard-de-Lans folgen.

Giro-Profil kommt ihm entgegen

»Ich bin der gleiche Fahrer wie 2020 mit den gleichen Fähigkeiten. Das Gefühl wird besser und besser von Rennen zu Rennen«, sagt Kämna. Eigentlich ist er bei diesem Giro als Edelhelfer für seine Kapitäne Wilco Kelderman und Emmanuel Buchmann eingeplant, jetzt jedoch steht er erst einmal im Mittelpunkt.

Das Streckenprofil des Giro 2022 ist so, dass die Etappen, die Kämna liegen, erst noch kommen: In der zweiten und dritten Woche warten noch zahlreiche Anstiege in den Abruzzen, in den Alpen, wie gebacken für den Deutschen. Sein sportlicher Leiter Rolf Aldag sagte beim Fernsehsender Eurosport über ihn: »Lenni muss man einfach machen lassen, mit ihm viel vorzubesprechen, ergibt gar nicht viel Sinn.«

Ihn einfach machen lassen – dann kommt bei Lennard Kämna auch die Lust zurück.