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BUNDESREPUBLIK Licht aus

aus DER SPIEGEL 47/1966

Nur ein Jahr lang lehrte die holländische Olympiazweite und Weltrekordlerin Marianne Oudkerk-Heemskerk die Elite des Deutschen Schwimm-Verbandes (DSV). Am 1. November löste sie ihren Vetrag, »weil die Möglichkeiten für eine erfolgversprechende Arbeit in der Bundesrepublik einfach nicht gegeben sind«. Sie hatte zwar - aus der Bonner Bundeslade - Gehalt bekommen, aber keine Kompetenzen.

Als die Holländerin und ihr deutscher Kollege Horst Planert 1965 eingestellt wurden, nachdem das Bundesinnenministerium einen Trainer-Fonds von etwa zwei Millionen Mark für ärmere Sportverbände eingerichtet hatte, zählten die deutschen Schwimmer noch zur Welt-Elite. Fünf Medaillen hatten sie bei den Olympischen Spielen 1964 erkämpft, sechs Weltrekorde in den letzten zwei Jahren aufgestellt.

Doch 1965 verzichtete der Ungar Janos Satori, der erste und erfolgreichste Bundestrainer der deutschen Schwimmer, auf sein Amt. Er berät nur noch einzelne Talente. Eine Serie von Auto-Unfällen schwächte in diesem Jahr die deutsche Mannschaft: Die Weltrekordler Hans-Joachim Klein und Ernst-Joachim Küppers mußten mit dem Training aussetzen. Ob der deutsche Meister Olaf von Schilling wieder Leistungssport betreiben darf, ist ungewiß. Weltrekordler Gerhard Hetz beendete wegen einer Erkrankung seine Karriere.

Genügend talentierte Nachwuchs -Schwimmer warteten auf ihre Chance, die Stars zu ersetzen. Aber die Funktionäre vermochten ihnen keine Voraussetzungen zu Weltklasse-Leistungen zu schaffen. Nahezu allen Leistungs-Schwimmern fehlen in der Bundesrepublik ausreichende Trainings-Möglichkeiten.

Erst nach der offiziellen Badezeit dürfen die Klubs stundenweise ungestört trainieren. Ist die Zeit abgelaufen, wird ihnen - wie dem Deutschen Mannschaftsmeister Düsseldorf 98 - unnachsichtig das Licht abgedreht. Der Klub Essen 06 mußte sogar seine Bewerbung für den Länderkampf gegen Großbritannien zurückziehen. Der Stadt waren Badegäste wichtiger.

»Normalerweise müssen sie um ihre Trainingsbahnen betteln«, klagte die Fachzeitschrift »Schwimmsport«. Zudem erhöhten 30 Städte und Gemeinden der Bundesrepublik in diesem Jahr ihre Gebühren. Frankfurts Vereine, die bislang gratis trainieren durften, müssen jetzt pro Stunde 25 Mark zahlen. So vermögen die besten Deutschen kaum das internationale Tages-Pensum von 4000 bis 5000 Meter zu trainieren.

Aber die DSV-Oberen waren nicht in der Lage, wie Funktionäre anderer Verbände, Vergünstigungen auszuhandeln. Seit Jahren planen sie ein Trainings-Zentrum in Köln. Bis jetzt haben sie noch nicht einmal über die Ausschreibung entschieden.

Den vielfältigen Terminwünschen der Klubs und der regionalen Verbands-Herzöge setzte die Schwimmer-Führung sowenig Widerstand entgegen wie die Bonner Bundesregierung den Forderungen der Interessenten-Verbände. Ergebnis: ein überladener, chaotischer Veranstaltungs-Kalender. So verplemperten die besten Schwimmer ihre Kräfte bei Provinz-Wettkämpfen. Rekordler wie Klein, Hetz oder Nachwuchs-Krauler Hans Faßnacht sammelten mit mäßigen Leistungen bei Bezirksmeisterschaften sechs Titel für ihren Verein, statt sich auf ihre Spezialdisziplinen zu konzentrieren. Oft mußte die Nationalmannschaft auf Spitzenkönner verzichten weil ihr Klub sie für billige Sonntags-Siege benötigte.

Der DSV verzichtete auf sein Satzungsrecht, die Stars seiner Elite zu steuern. Die Verbandsführung sah auch untätig zu, wie begabte Schwimmer von Klubtrainern unzulänglich angeleitet wurden. Das größte Talent im Brustschwimmen, die Oldenburgerin Uta Frommater, lernte bei ihrem Heimtrainer Franz Heina nicht, durch gleichmäßige Arm- und Beinbewegungen stilistisch einwandfrei zu gleiten. Mitglieder der Nationalmannschaft skandierten deshalb zu ihrem abgehackten Schwimm-Rhythmus: »Jetzt steht sie, jetzt steht sie.« Doch als Bundestrainerin Oudkerk-Heemskerk zum Sondertraining in Oldenburg anreiste, erschien Heinas Schwimmerin nicht.

Die Mißstände führten beim wichtigsten Wettkampf des Jahres, den Europameisterschaften im August in Utrecht, zu einem Debakel. Einzig die von Satori geförderte Heike Hustede aus Osnabrück erkämpfte eine Silbermedaille. Schwimmer aus der Zone erreichten dagegen 15 Medaillen, darunter vier goldene. In der Lagen-Staffel hatten die Bundesdeutschen die drittbeste Vorlauf-Zeit geschwommen. Da drängte der Essener Klub-Trainer Werner Ufer darauf, seinen Kraulmeister Wolfgang Kremer einzusetzen. Die Funktionäre gaben nach. Die Staffel wurde Vierte.

Vier Stunden vor dem Finale über 4 x 200 Meter Kraul stand die Aufstellung der medaillenverdächtigen Bundes-Staffel noch immer nicht endgültig fest Da fand Trainer Planert die Staffel-Stars bei ungewöhnlicher Vorbereitung: Sie tranken Bier aus Protest gegen Verbandsfunktionäre, an denen gemessen Ludwig Erhard ein entschlossener Tatmensch ist. Die Staffel verlor

Wie Erhard wiesen die DSV-Funktionäre alle Kritik zurück. »Man soll nicht nur nach Medaillen schielen«, entrüstete sich DSV-Pressewart Dr. Ewald Bussard. Zwar hätten sich nicht alle Hoffnungen erfüllt, aber »dafür haben auch die schwarzen Pessimisten eins auf den Deckel bekommen«.

Folgerungen aus dem Debakel in Utrecht wollen die Schwimm-Führer erst 1967 ziehen. Soviel Zeit glauben sie zu benötigen, um ihr Filmmaterial von der Europameisterschaft auszuwerten. Der nach sechsjähriger Amtszeit zurückgetretene Präsident Karl-Wilhelm Leyerzapf argwöhnte freilich: »Oder wollen damit einige Kameraden ihre Unentbehrlichkeit beweisen?«

»Wir müssen in den Spiegel gucken und zur Selbsterkenntnis kommen«, forderte der Bremer Trainer und Architekt Karl-Walter Fricke. »Mit Milde geht es nicht mehr. Nur Härte hat noch. Zweck.«

Brustschwimmerin Uta Frommater

Abgehackt

Trainerin Marianne Oudkerk-Heemskerk

Abgedankt

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