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Fußball »Lieber mit Zwergen jubeln«

aus DER SPIEGEL 42/1994

SPIEGEL: Herr Reif, das ZDF ist sauer, weil Sie zu RTL gewechselt sind. Chefredakteur Bresser bedauert, daß Sie die großen Perspektiven, die Sie bei ihm gehabt hätten, nicht wahrnehmen.

Reif: Wenn ich früher gewußt hätte, wie wichtig ich beim ZDF gewesen sein soll, wäre es mir dort besser gegangen.

SPIEGEL: Stolte und Bresser haben sich lange geweigert, Sie freizugeben.

Reif: Ja, aber dann hat, so habe ich gehört, RTL-Boß Thoma mal ernsthaft mit Stolte telefoniert. Danach war die Sache geklärt.

SPIEGEL: Hat Herr Thoma jetzt schon Weisungsbefugnis beim ZDF?

Reif: Nein, aber ich denke, er wird ihm unter anderem deutlich gemacht haben, bei wem Kollegen wie Gottschalk und Jauch, die frei für das ZDF arbeiten, unter festem Vertrag stehen.

SPIEGEL: Mit angeblich 500 000 Mark im Jahr sind Sie jetzt der wohl bestbezahlte Fußballreporter in diesem Land.

Reif: Eine halbe Million ist es leider nicht, aber sicher ein dicker Brocken.

SPIEGEL: Haben Sie sich nur für Geld an die Privaten verkauft?

Reif: Geld allein ist es nicht. Der zweite Grund ist genauso simpel: Ich habe 1993 dreieinhalb Spiele beim ZDF kommentiert, bei RTL kriege ich 11 bis 15 pro Jahr.

SPIEGEL: Und sind fast Alleinherrscher am Mikrofon. Ist es nicht langweilig, wenn nur noch ein Kommentator pro Sender auftritt?

Reif: Wenn man Fernsehen unterscheidbar machen will, muß man es an Figuren festmachen.

SPIEGEL: Sie gelten als ironisch-distanzierter, manchmal sarkastischer Kommentator. Doch für RTL, wo Fußball als Show für die Quote präsentiert wird, müssen Sie wohl Ihren Stil ändern.

Reif: Ich bin ganz sicher, daß ich ihn nicht ändern möchte. Ob sich durch das kommerzielle Umfeld etwas abschleift, kann ich jetzt natürlich nicht sagen. Aber für die Quote kommentieren, ein Spiel schönreden - das werde ich nicht.

SPIEGEL: Aber ein Programmchef bei den Kommerziellen sieht es doch lieber, wenn Sie sich bei einem flauen Bayern-Spiel eine Sottise verkneifen, um die Zuschauer nicht zu verprellen.

Reif: Die würde ich trotzdem loswerden, auch wenn dann hinterher einer kommt, mir die abgerutschte Quote zeigt und ein bißchen mehr Frohsinn fordert. So dämlich sind die Zuschauer nicht. Ich kann denen nicht 90 Minuten lang erzählen, daß das, was sie da sehen, viel besser ist, als sie denken.

SPIEGEL: Genau das wird doch in Ihrer Zunft immer wieder gemacht.

Reif: Ich finde es albern, und es ärgert mich doppelt: Erst siehst du ein armseliges Spiel, und dann mußt du dich auch noch fragen: »Sag mal, was redet der da eigentlich für einen Quatsch?«

SPIEGEL: Inmitten von Vor- und Nachberichten, Interviews und Schwenks an die Seitenlinie wird das Spiel immer unwichtiger. Es dient doch nur noch als Anlaß für Werbespots.

Reif: Ganz so kraß wie Sie sehe ich das nicht, sonst müßte ich ja die Segel streichen.

SPIEGEL: Aber hin und wieder kommen Ihnen Zweifel?

Reif: Wenn der Zwang zur Show tatsächlich überhand nimmt, hätte ich einen großen Fehler gemacht.

SPIEGEL: Selbst wenn der Kommentator bei der Show nicht mitspielt, die Fernsehregisseure tun es. Sie setzen das Spiel als Gladiatorenkampf ins Bild.

Reif: Richtig. Wir haben 16 Kameras in der Champions League. Die Amerikaner haben Fußballspiele schon mal mit 28 Kameras übertragen, mittlerweile droht der technische Overkill. Es gibt Sender, wo dieser Inszenierungsdrang noch größer ist.

SPIEGEL: Sie meinen Sat 1.

Reif: Ich gebe einem Kind einen Haufen Spielzeug, und das Kind benutzt erst mal alles. Ein Kind wird aber früher oder später instinktiv nur noch das gebrauchen, was es wirklich möchte. Bei ein paar erwachsenen Fußballregisseuren habe ich manchmal den Eindruck, sie haben das dringende Bedürfnis, alles vorzuführen. Da wackelt es vor lauter Schnitten, und ich als Zuschauer bin sauer.

SPIEGEL: Sie hängen an der guten alten Führungskamera, von oben, immer dem Ball nach.

Reif: Wenn es nach mir ginge, würde ich Spiele ausschließlich in der Totalen zeigen. Hinterher kann man mir meinetwegen Analysen und Ästhetik noch und nöcher zeigen. Doch statt dessen kommt man mir mitten im Spiel mit dieser fahrbaren Kamera an der Seitenlinie, die mir nichts zum Spielverständnis bringt - ich renne doch als Zuschauer auch nicht neben den Spielern her.

SPIEGEL: Dem Publikum scheint's zu gefallen.

Reif: Der normale Fernsehzuschauer kann seinen Ärger nicht artikulieren, weil ihn keiner danach fragt - bei sechs Millionen Einschaltquote schon gar nicht. Trotzdem weiß ich bei manchen »ran«-Berichten nicht mal mehr, wie das Spiel ausgegangen ist.

SPIEGEL: Dafür kennen Sie aber das neue Kleid von Lolita Matthäus.

Reif: Und noch ein paar andere Scherze. Nur - solange es keine andere Chance gibt, Fußball am Samstag um sechs zu sehen . . .

SPIEGEL: . . . sind Sie auf die »ran«-Show angewiesen. Die ist doch sehr erfolgreich und könnte auch ein Vorbild für Live-Übertragungen sein.

Reif: Ich glaube, so etwas würde den Zuschauern auf den Keks gehen.

SPIEGEL: So wie der deutsche Fußball im Moment ist, kommt man vielleicht gar nicht drum herum. Ihr Job bei RTL wird in dieser Saison sein, Bayern München zu kommentieren - klingt nach viel Trapattoni und wenig Spaß.

Reif: Ich glaube nicht, daß das auf Dauer schlecht sein wird. Und außerdem ist Trapattoni nicht so übel, und auch die Mannschaft ist nicht so schlecht, wie sie bisher gespielt hat.

SPIEGEL: Für das Fernsehen ist die Champions League mit ihrem Gruppenmodus doch ideal, da führen zwei Gurkenspiele nicht mehr automatisch zum Ausscheiden.

Reif: Beim normalen K.-o.-System wäre das Thema Bayern nach dem ersten Spiel in Paris erledigt gewesen, die hätten das im Rückspiel nicht geschafft. Aber so profitieren RTL, die Bayern, die Uefa und die Werbekunden.

SPIEGEL: Nur der Zuschauer nicht.

Reif: Wollen Sie wirklich, daß der Deutsche Meister in der ersten Runde rausfliegt? Davon abgesehen würden bei meinem neuen Arbeitgeber einige gewaltig an den Fingernägeln kauen, wenn Bayern ausscheidet. Schließlich präsentiert Krombacher nicht gerne AEK Athen gegen Galatasaray Istanbul.

SPIEGEL: Also doch: Die Werbung killt die Spannung.

Reif: Die Champions League hat sich weitgehend von den normalen sportlichen Kriterien verabschiedet in Richtung Entertainment. Schließlich funktioniert die ganze Gesellschaft nach dem Prinzip des Geldverdienens.

SPIEGEL: Nach diesem Prinzip ist der Fußball aber nicht entstanden.

Reif: Klar, doch dann müßten wir den Fußball ins Museum stecken. Aber eigentlich rede ich gegen meine eigene Lust und Laune. Was gibt's denn Einfacheres für einen Reporter, als wenn Bayern gegen Vestenbergsgreuth eins auf die Schnauze bekommt? Da kannst du nichts falsch machen, weil du unverfroren mit den Zwergen jubeln kannst. Ansonsten - vor allem bei der Nationalmannschaft - mußt du doch einen Eiertanz machen, mehr, als dir lieb ist.

SPIEGEL: Ist da so ein sarkastischer Spruch wie Ihr »Brehme deckt halt den Raum« bei der WM-Blamage gegen Südkorea schon die Grenze?

Reif: Da war ich sauer wie alle anderen. Ich habe halt gedacht: »Was machen die Pappnasen da? Die lassen sich so vorführen.« Wenn ich nur noch kalt-analytisch an ein Spiel herangehen würde, dann müßte ich aufhören. Ich muß mich ärgern dürfen.

SPIEGEL: Die Begeisterung für die deutsche Mannschaft hat in den letzten Jahren stark nachgelassen. Da tut Bissigkeit gut.

Reif: Mag sein. Aber es ist nicht meine Schuld, daß die deutsche Mannschaft so spielt, wie sie spielt.

SPIEGEL: Sie schauen auf den deutschen Fußball eher von der Anhöhe Ihrer brasilianischen Lieblinge herab.

Reif: Das werfen mir deutsche Trainer auch vor. Das ist nun mal meine Definition von schönem Fußball. Natürlich ist da auch ein Haufen Klischees mit dabei, aber ein bißchen Traum muß man sich doch bewahren.

SPIEGEL: Im deutschen Fußball wird nicht geträumt, sondern gearbeitet.

Reif: Früher in England bin ich oft zu Spielen gegangen, da wird auch gearbeitet, aber toll und unterhaltsam. Wenn ich mir heute privat ein Bundesligaspiel anschaue, bin ich oft zu Tode gelangweilt, da schwöre ich jedesmal: »Nie wieder!«

SPIEGEL: Beim DFB gelten Sie schon lange als linker intellektueller Vogel.

Reif: Das war mal so und hat sich ein bißchen gelegt. Im übrigen ist es mir Wurscht. Ich muß nicht hinter jedem herlaufen und um ein Interview betteln, das machen jetzt jüngere Kollegen.

SPIEGEL: Die Kumpanei von Spielern und Reportern ist weit verbreitet.

Reif: Das liegt am Sujet. Es gibt wohl kein anderes journalistisches Gebiet, wo zwischen den Objekten der Begierde und den Journalisten so wenig Distanz ist. Weil die meisten von uns am liebsten noch selber mitkicken möchten und natürlich alle nur durch eine Verletzung oder äußerst unglückliche Umstände an der Riesenkarriere gehindert wurden. Nur - hilfreich ist diese Nähe nicht.

SPIEGEL: Gerade die Privaten haben die Tuchfühlung mit dem Spieler zum Prinzip erhoben, Homestorys und Porträts von Spielerfrauen gelten als Muß. Daran wollen Sie bei RTL nichts ändern?

Reif: Es gibt Homestorys, die kurz und lustig sind. Aber daß uns das retten wird, glaube ich nicht.

SPIEGEL: Und was ist mit den Blitzinterviews nach Spielende, wo man immer die »Na gut«-Phrasen der Spieler zu hören bekommt?

Reif: Wenn mal eines von 100 eine Emotion liefert, die mich als Reporter gut aussehen läßt, ist es schön. 99 davon sind nicht so. Daran würde ich gern etwas ändern, wie an so vielen nichtssagenden Ritualen, die sich beim Fußball im Fernsehen eingebürgert haben. Schlimm finde ich, daß das alles in einer Glaskugel passiert, in der Trainer, Spieler, Journalisten und auch die Zuschauer sitzen. Vielleicht sind vernünftige Fragen und vernünftige Antworten für den Fußball zu kompliziert.

SPIEGEL: Vielleicht ist gerade dies das Schöne am Fußball - daß er immer ein Rätsel bleibt. Oder wie Addi Preißler mal gesagt hat: »Grau is' alle Theorie, maßgebend is' auf'n Platz.«

Reif: Dat Runde muß ins Eckige, genau. Y
*VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:

Marcel Reif *

gilt trotz seiner Bissigkeit als beliebtester Fußballkommentator im deutschen Fernsehen. Sein Wechsel vom ZDF zu RTL, wo Reif in dieser Woche mit dem Spiel Spartak Moskau gegen Bayern München sein Debüt gibt, schwächt die Fußballkompetenz der Öffentlich-Rechtlichen weiter. Der 44jährige will bei RTL seinen Stil nicht ändern.

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