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Lieber nach Italien

Zehn Wochen vor Beginn der Europameisterschaft hat Bundestrainer Derwall noch keine eingespielte Stamm-Mannschaft. Felix Magath, bester Spielmacher der Bundesliga, will nie mehr unter Derwall antreten, würde aber unter jedem anderen Trainer für die National-Elf spielen. *
aus DER SPIEGEL 13/1984

Bundestrainer Jupp Derwall flog nach Mailand, um wieder einmal seinen Lieblingsspieler Hansi Müller zu beobachten. Derwalls Stellvertreter Horst Köppel rechtfertigte zur selben Zeit in Hamburg die Italienreise seines Chefs: »Uns fehlen in der Bundesliga erstklassige Linksfüßler.«

Einen anderen Spieler mit starkem linken Schußbein sah Köppel in letzter Zeit beim Hamburger SV: Felix Magath. Der HSV-Stürmer hatte im letzten Mai mit »der linken Klebe« (Fachjargon) sogar das Europacup-Endspiel gegen Juventus Turin entschieden. Doch in der Nationalmannschaft wollte Magath nach 24 Länderspielen »mit vielen Enttäuschungen« nicht mehr kicken.

Dennoch erwähnte ihn Köppel bei Derwall erneut. »Der Felix gehört natürlich dazu, weil ...« Derwall unterbrach: »Kein Thema.«

Auch Derwalls geliebter Linksfüßler Hansi Müller fehlt am kommenden Mittwoch in Hannover beim Länderspiel gegen die UdSSR. »Der Hansi ist nicht mehr der Spieler«, berichtete Jupp Derwall, »wie ich ihn noch aus seinen besten Zeiten kenne, aber ich gucke ihn mir im April noch einmal an.«

Gut zehn Wochen vor der Endrunde um die Europameisterschaft besitzt der Titelverteidiger Deutschland noch immer keine eingespielte Stamm-Mannschaft. Auch die unter Derwalls Vorgängern Sepp Herberger und Helmut Schön erprobte Methode, mit eingespielten Mannschaftsteilen, sogenannten Blöcken, aus nur drei oder vier Klubs anzutreten, wendet der Bundestrainer heute nicht mehr an. In Hannover spielen voraussichtlich elf Kicker aus neun verschiedenen Klubs. Von den derzeit erfolgreichsten Bundesligaklubs Bayern München und Hamburger SV gehören nur jeweils zwei Spieler zum Nationalkader.

Magath wurde von Derwall meist auf Positionen abgedrängt, die er beim HSV nie eingenommen hatte. Der frühere Kölner Nationalspieler Wolfgang Overath bezeichnet Magath »als den einzigen echten Spielmacher, den es in der Bundesliga noch gibt«. Daß ausgerechnet dem Hamburger Mannschaftskapitän die Lust an der Nationalmannschaft verleidet worden ist, nennt Overath »äußerst ungeschickt«.

Daß einer wie Magath in die Nationalmannschaft gehört, weiß auch Derwall. Aber weil sich der HSV-Kapitän beharrlich weigert, unter Derwall zu spielen, fordert der Bundestrainer, daß jeder Spieler, der nicht für Deutschland spielen will, vom Verband bestraft wird.

Magath nimmt Derwalls Strafforderung »nicht sehr ernst«.

SPIEGEL: Warum nehmen Sie das nicht ernst? Es gibt immerhin einen Paragraphen 12 der Spielordnung, der Strafen für widerspenstige Spieler vorsieht.

MAGATH: Ja, davon hab' ich auch schon gehört; aber ich bin ja nicht der erste Fall. Es hat ja schon mehr Spieler, auch bei Herrn Derwalls Vorgänger, Herrn Schön, gegeben, die auf Einsätze in der deutschen Nationalmannschaft verzichtet haben. Und jetzt sind es auch ein paar Spieler, die im Moment nicht in der Nationalelf spielen möchten.

SPIEGEL: Warum wollt ihr alle nicht in der Nationalmannschaft spielen? Was ist so schlimm daran?

MAGATH: Ich bin nach der Fußball-Weltmeisterschaft 1982 zurückgetreten. Es war mein zweites großes Turnier mit der Nationalmannschaft, und ich drückte meistens die Ersatzbank. Ich hatte auch Probleme mit meiner körperlichen Verfassung gehabt, da ich wegen der Nationalmannschaft jahrelang keinen Urlaub gemacht hatte.

SPIEGEL: Hat es zwischen Ihnen und dem Bundestrainer Streit gegeben?

MAGATH: Ja. Das lag an meiner unbefriedigenden Rolle bei der Fußballweltmeisterschaft.

SPIEGEL: Hatten Sie ihn deswegen um eine Aussprache gebeten?

MAGATH: Ich habe nie um eine Aussprache gebeten. Herr Derwall hat es ja auch nie nötig gehabt, sich über irgendwelche Entscheidungen auszusprechen. Es wurden bei dieser Weltmeisterschaft sehr kurzfristige Entscheidungen getroffen. So war man morgens noch in der Mannschaft, mittags aber schon draußen. So erfuhr ich gegen Frankreich erst mittags, daß ich abends spielen durfte. Es war eine Atmosphäre der Unsicherheit.

SPIEGEL: Betraf das andere Spieler genauso?

MAGATH: Das war bei anderen Spielern ebenso.

SPIEGEL: Aber einige sind trotzdem geblieben. Hatten die bessere Beziehungen zum Bundestrainer?

MAGATH: Nein. Ich glaube, daß der Bundestrainer sich, wenn überhaupt, nur mit seinem Kapitän etwas enger bespricht.

SPIEGEL: Würden Sie heutzutage noch Nationalspieler sein, wenn es einen anderen Bundestrainer gäbe?

MAGATH: Ich wäre dann sicher bereit, wieder für die Nationalmannschaft zu spielen.

SPIEGEL: Egal wer Trainer ist?

MAGATH: Ja.

SPIEGEL: Sie haben einige Trainer in Ihrem Verein Hamburger SV kennengelernt,

so Branko Zebec und jetzt Ernst Happel. Worin besteht der Unterschied zwischen diesen Trainern und dem Bundestrainer?

MAGATH: Das ist schwer zu vergleichen. Denn die Arbeit eines Bundestrainers ist doch etwas anders als die Arbeit eines Vereinstrainers. Allerdings glaube ich, daß ich mit Branko Zebec und jetzt Ernst Happel die besten Trainer gehabt habe, die zur Zeit im Fußball-Geschäft tätig sind.

SPIEGEL: Worin äußert sich das, ob einer ein guter Trainer ist?

MAGATH: Da ist vor allem die Sicherheit, die ein Trainer ausstrahlt, und seine Autorität. Und dann ist da was, wie man immer so sagt, daß ein Trainer der Mannschaft seinen Stempel aufdrücken muß. Und das war bei einem Branko Zebec und auch jetzt bei Ernst Happel der Fall. Da sehen Sie auf dem Fußballfeld, daß jemand die Spieler geformt hat. Bei Branko Zebec wurde nicht so risikoreich gespielt wie bei Ernst Happel, sondern da wurde mehr der Ball kontrolliert, und erst im günstigen Augenblick auf das Tor geschossen. Unter Ernst Happel sind wir zum totalen Offensiv-Fußball übergegangen, der auch für die Zuschauer attraktiver ist und wobei der einzelne Spieler mehr Risiko übernimmt.

SPIEGEL: Wie spielt nach Ihrer Meinung zur Zeit die Nationalmannschaft? Genauso offensivfreudig wie der HSV oder mehr ein Sicherheitssystem?

MAGATH: Sie spielt so unsicher, wie ihr Trainer ist.

SPIEGEL: Woran erkennt man denn die Unsicherheit des Trainers und die Unsicherheit der Mannschaft?

MAGATH: Die Unsicherheit der Mannschaft verspürt man, wenn Sie das Albanien-Spiel nehmen, daß keiner den Mut zum Risiko hat, sondern da werden der Ball und die Verantwortung weitergeschoben zum nächsten Mann. So kam gegen Albanien auch gegen zehn Leute kein richtiges Spiel auf. Und typisch war es, daß das entscheidende Tor nach einer langen Flanke, also mehr aus Verzweiflung, geschossen wurde.

SPIEGEL: War nach Ihrer Meinung in den Spielen die Mannschaft falsch aufgestellt, oder lag es nur an der allgemeinen Unsicherheit, die der schwache Trainer verbreitet hatte?

MAGATH: Ich meine, daß Derwalls Unsicherheit auch die Spieler verunsichert. Zu wenige Spieler in der Mannschaft haben die Sicherheit, daß sie ihren Platz auch nach einem etwas schwächeren Spiel behalten. Wenn man einen Kaltz nach einer schwächeren Phase fallenläßt, verunsichert das sogar Spieler, die schon etliche Länderspiele bestritten haben, und plötzlich nicht das Gefühl haben, daß der Trainer auch dann zu ihnen hält, wenn es mal nicht so gut gelaufen ist.

SPIEGEL: Sind Sie der Meinung, daß Kaltz heute immer noch spielen müßte?

MAGATH: Selbstverständlich müßte Kaltz in der Nationalmannschaft spielen; denn er hat enorme Erfahrung. Es hat sich zuletzt wieder beim HSV gezeigt, daß er ein sehr wichtiger Mann für uns, aber auch für die Nationalmannschaft ist. Jupp Derwall wäre gut beraten, wenn er sich mit Kaltz einigen könnte und ihn noch für die Europameisterschaft nominieren würde.

SPIEGEL: Jetzt will er auf der Position von Kaltz ausgerechnet Ihren anderen Mannschaftskameraden, Wolfgang Rolff, am Mittwoch in Hannover gegen die UdSSR einsetzen. Halten Sie Rolff für einen besseren rechten Verteidiger als Kaltz?

MAGATH: Auf keinen Fall. Ich kann auch Wolfgang Rolff eigentlich nicht dazu raten, eine andere Rolle zu spielen als die, die er auch bei uns im Verein spielt.

SPIEGEL: Welche Rolle ist das?

MAGATH: Im Mittelfeld. Er ist durch seine Lauffreudigkeit und durch seine kämpferische Einstellung, auch durch seinen Tordrang geradezu prädestiniert, im defensiven Mittelfeld zu arbeiten. Er kann obendrein Tore schießen. Er hat ja im letzten Jahr für uns das entscheidende Tor in Schalke erzielt, das uns die Deutsche Meisterschaft brachte.

SPIEGEL: Müßten noch weitere Spieler vom HSV für die Nationalmannschaft spielen?

MAGATH: Das ist schwer zu sagen. Man darf auch Derwall jetzt nicht alles vorwerfen. Er hat zum Beispiel einen Karlheinz Förster auf der Vorstopper-Position, der schon viele Länderspiele bestritten hat. Ich halte es für richtig, daß er nicht hergeht und unseren Ditmar Jakobs auf diese Position setzt, nur weil dieser seit Jahren so überragend spielt.

SPIEGEL: Derwall hat noch immer keinen Stamm-Libero. Der HSV hat, wenn man es streng nehmen will, sogar drei Spieler, die in dieser Saison schon als Libero eingesetzt worden sind, Ditmar Jakobs, aber auch Holger Hieronymus und Jürgen Groh.

MAGATH: Das stimmt. Den Holger Hieronymus hat Derwall sogar einmal eingesetzt. Allerdings scheint er nicht viel Vertrauen zu ihm zu haben; denn er hat ihn auch nicht geholt, als er Probleme mit dem Libero hatte, als ein oder zwei Spieler absagten.

SPIEGEL: Die Nationalmannschaft hat immer noch nicht das Experimentierstadium vor der Europameisterschaft abgeschlossen. Jedesmal verändert sich die Formation, so auch am kommenden Mittwoch. Halten Sie das für richtig? Müßte nicht jetzt schon eine komplette Mannschaft stehen, die sich bis zum Turnierbeginn einspielt?

MAGATH: Ja, das wäre besser. Auch die Spieler brauchen die Sicherheit, daß sie erste Wahl sind. Dann wird auch ihre Leistung in der Nationalmannschaft besser, als sie im Moment ist. Wenn ein Spieler weiß, daß der Trainer zu ihm hält, dann traut er sich auch mehr zu.

SPIEGEL: Wieviel Leute haben nach Ihrer Meinung jetzt in der Nationalmannschaft diese Sicherheit, daß sie beim nächsten Spiel wieder dabei sind?

MAGATH: Die Sicherheit hat derzeit kaum einer. Nehmen Sie zum Beispiel die Sache mit Torwart Schumacher. Der mußte sich das erst schriftlich geben lassen.

SPIEGEL: Wer, glauben Sie, wird auf Ihrer Position der Spieler sein, der in Frankreich für die deutsche Mannschaft spielt?

MAGATH: Meinen Sie jetzt die Position, auf der ich früher in der Nationalmannschaft gespielt habe, oder die, die ich beim HSV spiele?

SPIEGEL: Wie beim HSV. Also wer wird Spielmacher in Frankreich sein?

MAGATH: Der Mann, der das Spiel machen soll, wird Bernd Schuster sein.

SPIEGEL: Haben Sie auch Angebote aus Italien?

MAGATH: Das war mal im Gespräch, ja.

SPIEGEL: Wollten Sie nicht, oder war das Angebot nicht gut genug?

MAGATH: Das ist ein schwieriges Thema, weil ich beim HSV noch keinen neuen Vertrag unterschrieben habe, aber ich werde in den nächsten Tagen irgendwo einen unterschreiben.

SPIEGEL: Irgendwo? Muß das also nicht Hamburg sein?

MAGATH: Ein Wechsel innerhalb Deutschlands kommt bei mir nicht in Frage.

SPIEGEL: Heißt das, Deutschland oder Italien?

MAGATH: Ja.

SPIEGEL: Ist es etwa Inter Mailand, der Verein, zu dem Karl-Heinz Rummenigge geht und wo Müller ist?

MAGATH: Nein.

SPIEGEL: Welcher dann?

MAGATH: Das sage ich nicht.

Die Auswanderung der besten deutschen Spieler nach Italien und Spanien erschwert Derwalls Arbeit und steigert seine Unsicherheit.

Sogar die eigenen Pläne führt Bundestrainer Derwall selten aus. Vor dem letzten Länderspiel in Brüssel gegen Belgien Ende Februar erklärte er, daß er mit dieser Mannschaft bis zum Beginn der Endrunde durchspielen wolle. Obwohl die Deutschen in Brüssel 1:0 siegten, basteln sie an der Nationalmannschaft weiter.

Zwei Assistenten von Jupp Derwall verzichteten seit 1982 auf weitere Mitarbeit beim »Turmbau zu Babel«, wie es Bundestrainer Erich Ribbeck nannte. Er trainiert jetzt die deutsche Olympiamannschaft. Dietrich Weise, der seine fein säuberlich niedergeschriebenen Vorschläge meist im Papierkorb wiederfand, kehrte in die Bundesliga zurück.

Auch die Zuschauer finden immer weniger Gefallen an Vorstellungen der Nationalmannschaft. Zum Länderspiel gegen Belgien 1982 in München kamen nur 25 000 Zuschauer in das 78 000 fassende Olympiastadion. Auch im Berliner Olympiastadion (Fassungsvermögen: 76 000 Zuschauer) fanden sich gegen die Türkei nur 35 000 zahlende Besucher ein.

DFB-Pressechef Rainer Holzschuh schickte deshalb den Bundestrainer auf PR-Tour. In Hamburg schleuste er Derwall als Co-Moderator in eine Musiksendung ein.

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