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AUTORENNEN Lieber tot

Ein Jahr nach dem schweren Sturz und für immer an den Rollstuhl gefesselt, klagt erstmals ein Autorennfahrer gegen den Veranstalter. Clay Regazzoni ist einer der wenigen, die überlebt haben.
aus DER SPIEGEL 14/1981

Der Außenseiter beim Großen Preis der USA in Long Beach lag an vierter Stelle. Gianclaudio Regazzoni raste mit Tempo 280 auf dem kalifornischen Stadtkurs der gefährlichen Haarnadelkurve entgegen.

Kurz davor wollte er seinen von 500 PS angetriebenen 575-Kilo-Wagen wie üblich auf 70 km/h »zusammenbremsen«. Doch das Bremspedal war in der 51. von 80 Runden gebrochen.

»Ich schaltete noch die Zündung ab«, berichtete Regazzoni, zwecklos. Ausweichmanöver vor der Betonmauer blieben vergebens. Denn davor lagen schon zwei defekte Rennwagen und versperrten alle Lücken. Der letzte Fluchtweg, eine Öffnung in der Mauer zu einem weiterlaufenden Autobahnstück, war extra vor dem Rennen zugemauert worden.

Regazzonis Wagen prallte gegen einen vier Tonnen schweren Betonklotz. Nur ein paar alte Autoreifen milderten den Aufprall. »Ich habe den Klotz noch um anderthalb Meter verschoben«, erzählt Regazzoni.

Der Tessiner, den sie in der Branche nach zwei Dutzend schweren Unfällen ohne schwerwiegende Folgen »den Unzerstörbaren« genannt hatten, erlitt in Long Beach Frakturen am linken Bein und den Bruch eines Rückenwirbels. Seine Beine waren gelähmt. Die fünfstündige Operation in Long Beach verlief »nicht besonders gut«, behauptet Regazzoni. Vor einigen Wochen operierte ihn ein taiwanesischer Chirurg nochmals 13 Stunden lang. Die Operation gelang, chronische Schmerzen ließen nach, aber die Lähmung der Beine blieb.

Da wandte sich Regazzoni an den in Schadenersatzfällen sehr erfolgreichen Rechtsanwalt William Camusi. Der klagte gegen das Organisationskomitee von Long Beach, außerdem gegen acht an der Ausrichtung des Weltmeisterschaftsrennens beteiligte Personen. Forderung: 20 Millionen Dollar wegen der ungenügenden Sicherheitsmaßnahmen, zuzüglich weiterer Schmerzensgelder während der nächsten 15 Jahre. Denn mit 40 war Regazzoni zwar der zweitälteste Formel-1-Rennfahrer, aber »ich bin noch lange nicht am Ende des Lebens«.

Das vorzeitige Ende hatte er allerdings seit Jahren riskiert. 1967 kollidierte er bei einem Sportwagenrennen mit zwei Autos. Die anderen Fahrer starben, Regazzoni stieg unverletzt aus.

Wochen später rutschte er auf dem deutschen Hockenheimring von der Piste, fing den Wagen ab, kurvte auf die Bahn zurück und belegte trotz weggerissener Motorhaube den 2. Platz. 1968 auf dem Stadtkurs von Monte Carlo raste er unter eine Leitplanke, zog aber noch rechtzeitig den Kopf ein und entging so der Enthauptung.

Auf dem südafrikanischen Rennkurs Kyalami verriet 1973 ein schwarzer Rauchpilz Regazzonis Position. Konkurrent Mike Hailwood hielt an und zog den Todgeweihten aus den Flammen.

Schon damals entdeckte der Bruchfahrer Unfallursachen, die er nicht zu vertreten hatte. »In Kyalami sah ich kein Fahnensignal«, berichtete Regazzoni, »daß zwei zertrümmerte Wagen auf der Strecke liegen.«

Schließlich verpflichtete Italiens Renommierwerk Ferrari den schier Unsterblichen. In vier Jahren fuhr er zwar 20 Rennwagen zu Bruch, erlitt aber nie nennenswerte Verletzungen und beendete einmal die Formel-1-Weltmeisterschaft als Zweiter. Fünfmal gewann er ein Formel-1-Rennen.

Den erfolgreichsten Überlebenskünstler verpflichtete auch McLaren und ließ ihn auf der US-Todesstrecke von Indianapolis starten. Regazzonis Wagen prallte gegen eine Leitplanke und brach auseinander. Der Fahrer blieb unversehrt und wußte auch warum: »In Indianapolis ist man bis zu den Schultern durch Schutzplatten und Haltegurte fest montiert, damit wird die Wirbelsäule besser geschützt.«

In Regazzonis letzter Saison 1980 schien die Gefahr für ihn geringer zu sein. Er fuhr für die kleine Firma Ensign, die noch nie ein Grand-Prix-Rennen gewonnen hatte, und Regazzoni selbst, so fand Ensign-Chef Mo Nunn heraus, ist »ein sehr beherrschter Mann geworden«.

Allerdings baute der Konstrukteur vor dem verhängnisvollen Lauf in Long Beach, so der Zürcher »Sport«, ein noch unerprobtes Bremspedal aus Titan ein. Es brach. Dennoch erklärt Regazzoni: »Am Material lag es nicht, so ein Unfall passiert schon mal, alles wäre besser gewesen, hätte es an der gefährlichen Stelle die üblichen Sicherungen gegeben.«

Die Klage reichte Regazzoni erst ein, als weder ein Aufenthalt in einer Baseler Paraplegiker-Anstalt noch die zweite Operation Heilung gebracht hatte. Bisher starben 74 Formel-1-Rennfahrer. Einer der wenigen Überlebenden, der frühere Weltmeister Niki Lauda, überstand einen Unfall auf dem deutschen Nürburgring mit schweren Brandverletzungen am Kopf. Er fuhr nach der Heilung weiter, wurde nochmals Weltmeister und gründete dann eine Fluggesellschaft.

Lauda hält Regazzonis Lage für viel schlimmer als die eigene oder je eines anderen Fahrers zuvor, denn im Rollstuhl sitzt keiner der Überlebenden. Lieber tot als so weiterleben, galt die unausgesprochene Branchendevise. »Es ist so furchtbar«, sagt Lauda, »daß man sich das gar nicht vorstellen kann.«

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