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TOUR DE FRANCE Lockerer Eberkeil

Der Bretone Bernard Hinault ist auf dem besten Weg, das verwaiste Erbe des Belgiers Eddy Merckx anzutreten -- auch Hinault ist ein »Kannibale«.
aus DER SPIEGEL 28/1979

Sein Heldenstück absolvierte er zu Fuß, aufrecht, den krummen Rücken durchgedrückt und einmal tief Luft geholt (acht liter). Das große Herz und die breite Brust geschützt durch ein Trikot in Frankreichs Farben -so, ganz Mann, ging er 50 Schritte auf die Phalanx seiner Gegner zu.

Diese-Kampfrichter, Organisatoren und Profiteure der »Tour de France« -- hatten sich hinter dem weißen Zielstrich in Valence d'Agen, einem Nest im Süden des Landes, aufgebaut.

Sie hatten gedroht: Wer von den 99 Profis der Tour '78 es als erster wagen sollte, den »Streik« gegen die Streckenplanung der Veranstalter zu eskalieren und das Rennrad ins Ziel zu schieben, der würde lebenslang gesperrt.

Bernard Hinault wagte und gewann. Das Rad mit der rechten Hand schiebend, die linke Faust im Lederhandschuh geborgen, hinter sich den lockeren Eber-Keil der eher mutlosen Mannschaftsführer und Wasserträger, entlarvte der dickschädlige Bretone die gefürchteten Tour-Bosse als Papiertiger: Niemand wurde gesperrt, keiner gefeuert und Hinault elf Tage später umjubelter Tour-Sieger auf den Champs-Elysées in Paris. Das war 1978.

»In Zukunft«, verkündete der damals 23jährige Champion, »wird man uns von Zeit zu Zeit mal uni unsere Meinung fragen mussen.« Begründung: »Wir sind keine Tiere«, und 2Geld ist nicht das wichtigste im Leben, die Gesundheit geht vor.«

Solche Töne sind neu im Profi-Radsport. Jahr für Jahr hatten die Veranstalter der großen Frankreichrundfahrt die Attraktivität ihrer werbeträchtigen Tortur durch immer neue Schikanen -höhere Berge, kürzere Pausen -- gesteigert. Am Tag, als Hinault das Halt-Zeichen setzte, waren den Rennfahrern für zwei Halbetappen insgesamt 244 km auf zwei Rädern, dazu 234 km im Auto zu den nächsten Startorten abverlangt worden -- zuviel, wie Hinault fand, dem damals nur vier Stunden Nachtschlaf geblieben waren.

In diesem Jahr bemühen sich alle Tour-Gewaltigen, den kantigen Eisentreter zufriedenzustellen. Die »große Schleife« 1979, in der vorletzten Woche gestartet und in der nächsten Woche zu Ende, ist weniger zerstückelt. »Die Ära Hinault ist angebroehen«, prophezeite der fünfmalige Tour-de-France-Sieger und derzeitige Tour-Berichterstatter Jacques Anquetil -- und dieser Hinault ist ein »Kannibale": Er beißt, wenn's sein muß, die Funktionäre.

Der Arbeitersohn, aufgwachsen beim Großvater, einem Bauern im windigen bretonischen 2000-Seelen-Dorf Yffiniac, gilt als perfekter Radprofi: Am Berg und allein gegen die Uhr, als Sprinter und gewiefter Taktiker -- immer zeigt er »Charakter, Leistungsvermögen und einen eisernen Durchsetzungswillen« (Anquetil). Diese Dreieinigkeit rechtfertigt in den Augen der Fans den Ehrentitel »Kannibale«, den vor Hinault nur Fausto Coppi und Eddy Merckx trugen.

Dabei vermeidet der blauäugige Franzose offenbar die Fehler, die sein nur sechs Tage älterer Konkurent Didi Thurau gemacht hat: Hinault praktiziert in seiner Mannschaft, der Truppe von » Renault-Gitane-Campagnaolo«, finanzielle und moralische Solidarität. Seine Kapitänsrolle wird von keinem in Zweifel gezogen. Unvorstellbar, daß der Begleitwagen »aus Versehen« an einem plattfüßigen Hinault vorbeiführe -- wie dies dem »Ijsboerke«-Chef Thurau schon passiert ist.

Hinault, dessen Profi-Karriere mit langem Atem vorbereitet wurde, hält mit seinen Kräften besser Maß als der blonde Didi, für den die 15 Tage im Gelben Trikot 1977 nur noch wehmütige Erinnerung sind: Weit abgeschlagen kurbelt er diesmal hinterher.

Hinault »ist unser Eddy Merckx«, freuen sieh die radsportbegeisterten Franzosen auf mannsgroßen Plakaten. Siebenmal mußten sie in den letzten zehn Jahren erdulden, daß ein Ausländer die Tour gewann. Fünfmal hieß er Eddy Merckx, der diesmal als Ruheständler im Auto mit kurvt, zweimal schaffte es der Franzose Bernard Thévenet.

Doch für diesen unauffälligen und mit Cortison »präparierten« Meister mochten sieh die Franzosen nicht begeistern: Er fuhr Rad wie ein Landbriefträger und kam in Paris gewöhnlich ganz blaß an, weil er immer im Windschatten geblieben war. Hinault hingegen hat ein »Kämpferherz« (Exweltmeister Rik van Looy).

Ob ihn das Kämpferherz kommende Woche nach vorn bringt, ist nicht sicher. Nach eher ruhigen Flachlandetappen geht es ab Mittwoch in die Alpen. »Dort fällt die Entscheidung«. sagt Hinault -- vor allem wohl am 2556 Meter hohen Galibier-Paß.

Diese Höhe (früher durch wilde Bären unpassierbar) haben die Tour-Bosse zum erstenmal seit Jahren wieder ins Programm genommen.

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