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»Lockruf des Geldes«

aus DER SPIEGEL 23/1990

Als Handball-Cheftrainer Michael Quaas den jungen Mann »in seinem fetten BMW« vor der Sporthalle in Frankfurt an der Oder vorfahren sah, ahnte er nichts Gutes. Maik Handschke, 23, hatte sich kurz vor Weihnachten in den Westen davongemacht.

Jetzt war der wurfgewaltige Lockenkopf gekommen, seinen ehemaligen Mitspielern beim ASK Vorwärts Frankfurt die Sache mit dem goldenen Westen detailliert zu schildern. »6000 Mark im Monat«, versicherte Handschke den Ex-Kollegen, verdiene er nun beim Bundesligaklub Turu Düsseldorf.

Nach dem protzigen Auftritt kannte Quaas seine Spieler nicht mehr wieder. Auf dem Weg zu einem Europacupspiel in Frankreich wunderte sich der Hauptmann der Volksarmee über seine sonst so braven Schützlinge, »die nur noch über Automarken, PS-Zahlen und Leasingraten redeten«.

Frankfurt scheiterte prompt im Europacup an den zweitklassigen Franzosen von US Creteil. Doch die Spätfolgen waren noch gravierender. Nach Handschkes Erzählungen hatten alle Einkäufer aus dem Westen leichtes Spiel an der Oder.

Die Trabi-Fahrer Bernd Metzke und Andreas Tam zog es zu Handschke nach Düsseldorf. Klaus-Dieter Schulz spielt in der nächsten Saison bei Weiche-Handewitt, Andreas Nagora und Uwe Kern gingen zu BW Spandau. Olaf Pleitz und Rüdiger Traub wechselten nach Fredenbeck, Dirk Hille nach Wuppertal. Innerhalb weniger Tage war der amtierende DDR-Meister ausverkauft. »Zehn Jahre Aufbauarbeit«, ärgert sich Quaas, »sind auf einen Schlag zerstört.«

Wie den Handballern in Frankfurt ging es zahlreichen Vereinen quer durch die DDR. Über 200 Spitzensportler haben bisher der DDR den Rücken gekehrt, um in der Bundesrepublik ihr sportliches Können zu verkaufen - das konsequent auf Leistungssport ausgerichtete ostdeutsche Sportsystem ist ein halbes Jahr nach Öffnung der Mauer in vielen Bereichen praktisch zusammengebrochen.

»Schlaflose Nächte« bereite ihm diese massenhafte West-Wanderung, bekannte Martin Kilian, 61, der Präsident des Deutschen Turn- und Sport-Bundes der DDR (DTSB). Kommt es zur deutschen Sportvereinigung, kann die DDR nur noch einen Bruchteil ihrer einstigen Leistungskraft einbringen.

Besonders verbittert die jetzt mittellosen östlichen Klubchefs, wie ungeniert inzwischen ihre West-Kollegen den reichen Onkel spielen. Vor allem in den olympischen Sportarten wurde das frühere Athleten-Wunderland systematisch ausgeplündert. Der Kaufrausch der Bundesligavereine, klagt Handball-Nationaltrainer Klaus Langhoff, führt zu einer »regelrechten Entvölkerung«.

Empor Rostock verlor, trotz finanzieller Unterstützung eines West-Sponsors, drei Auswahlspieler, zwei Nationalspieler vom SC Leipzig sollen die ehrgeizigen Meisterträume von Wallau-Massenheims Manager Bodo Ströhmann wahr machen. Als sich Dynamo Halle-Neustadt auflöste, wurde das Team fast komplett vom Westen aufgekauft.

Doch nicht nur die kapitalkräftigen Handballvereine haben im Ostteil Deutschlands ein riesiges Reservoir an frischen Kräften entdeckt: *___Mehr als 20 Volleyballspieler aus der DDR werden in der ____nächsten Saison in der Damen- und Herren-Bundesliga ____spielen. *___13 Radfahrer starten für bundesdeutsche Vereine. 7 ____DDR-Fahrer wechselten ins Profi-Lager. *___Mindestens 20 Ringer haben Verträge in der ____Bundesrepublik unterschrieben, darunter mit Uwe ____Neupert, Mario Willomeit und Andreas Schröder Welt- und ____Europameister. *___60 Boxer wechselten inzwischen zu bundesdeutschen ____Klubs. *___In der Leichtathletik verschwanden Zehnkampfmeister ____Rene Günther, die Hochspringer Torsten Marschner und ____Gaby Günz sowie die Marathonläuferin Uta Pippig ____"heimlich, still und leise« (Cheftrainer Dieter Harter) ____gen Westen.

Selbst in weniger finanzkräftigen Sportarten hat sich ein lebhafter Ost-West-Wechsel eingestellt. Katrin Borchert, 21, und Monika Bunke, 24, Weltmeisterinnen im Kanu, der Gewichtheber-Olympiasieger Joachim Kunz und Thomas Müller, Dritter der Europameisterschaften im Judo, sahen in der Bundesrepublik bessere Verwertungsmöglichkeiten ihres Talents. Die zweimalige Weltmeisterin Sylvia Gerasch tritt inzwischen für die SG Schwimmen Berlin an. Mit Uwe Bellmann und Holger Bauroth machten zwei der besten Skilangläufer rüber.

Die neuen Zugriffsmöglichkeiten im Osten hat besonders Manager elektrisiert, die sonst eher auf der Schattenseite der Sportöffentlichkeit stehen. Hans Dornbusch etwa, Multi-Funktionär des Handball-Damenteams vom Buxtehuder SV, sieht schon rosige Europacupzeiten auf sich zukommen. Er verpflichtete DDR-Auswahltrainer Wolfgang Pötzsch gleich im Paket mit fünf Nationalspielerinnen.

Die Westdeutschen können mit ihren DDR-Neulingen mangelhafte Nachwuchsarbeit kaschieren. Deshalb kaufen sie beinahe wahllos nicht nur die Topstars, sondern vor allem auch die vielversprechenden Talente aus der zweiten Reihe. Dem DDR-Sport kommen so gleich zwei Athleten-Generationen abhanden, der Osten trocknet zusehends aus.

Handball-Nationaltrainer Heinz Strauch weiß kaum noch, mit welcher Mannschaft er im November zur Frauen-Weltmeisterschaft fahren soll. Nach der »Piraterie« (Quaas) der Wessis ist derzeit bei den Männern nur noch der 1. SC Berlin, der von Daimler-Benz gesponsert wird, in der Lage, mit den Bundesligavereinen leistungsmäßig mitzuhalten. Es sei »absurd«, meint Quaas, daß die Vereinigung »mit einem solchen Krieg« beginnt.

Alle Versuche, eingedenk einer gemeinsamen deutsch-deutschen Sportzukunft die Abwerbungen zu stoppen, interessierten die ehrgeizigen Vereinsführer aus dem Westen nicht. Bei den Ringern, weiß Bundestrainer Heinz Ostermann, kaufen viele Klubs »einfach ein, damit kein Konkurrent die Athleten bekommt«.

Die Einkäufer kommen nicht selten mit der Maske des Biedermanns daher. Die Kanugemeinschaft Essen etwa nutzte einen »Freundschaftswettkampf« mit dem SC Neubrandenburg, um sich an die Kajakfahrerinnen Borchert und Bunke heranzumachen. Die Gold-Hoffnungen für Olympia in Barcelona wurden mit Ausbildungsplätzen ins Ruhrgebiet gelockt.

Box-Europameister Ulli Kaden aus Gera wird jetzt im Westen nach Leistung bezahlt. Für seinen ersten Sieg im Trikot des CSC Frankfurt strich der Faustkämpfer 2400 D-Mark ein.

Die abgezocktesten Handballmanager brachten gleich fertige Verträge und Autos als Lockmittel mit. So hatte der Rostocker Matthias Hahn mehrere West-Limousinen zur Auswahl, bis er sich für einen Ford Sierra Cosworth und den VfL Hameln entschied.

Fassungslos müssen die DDR-Funktionäre zusehen, wie ihre Schützlinge den lukrativen Angeboten erliegen. »Wir können dem Lockruf des Geldes einfach nichts entgegensetzen«, resignierte Ringertrainer Wolfgang Nitschke.

Auch die zurückgebliebenen Athleten machen ihren Trainern keine Freude mehr. Als die DDR-Gewichtheber bei den Europameisterschaften erstmals nach 27 Jahren ohne Medaille blieben, hatte Verbandstrainer Werner Baumeister nur eine Erklärung: »Die Gedanken der Jungs kreisen mehr um die Bundesliga, als daß sie auf das Training gerichtet sind.« Dirk Richter, Ex-Weltmeister im Schwimmen, gestand nach einer völlig verkorksten DDR-Meisterschaft am letzten Wochenende: »Mich frustriert im Augenblick alles.«

Viele Sportler glauben inzwischen, daß die Geschichte sie strafen werde, wenn sie nicht mehr auf den Zug gen Westen aufspringen. Es sei schon »beschämend, wie mancher sich drüben anbiedert«, findet der ehemalige Kugelstoß-Weltrekordler Udo Beyer.

Kein Talent ist zu gering, als daß es nicht im Westen einen Abnehmer findet. Die besten Tennisspieler der DDR, allenfalls untere Mittelklasse, weil jahrelang durch die DTSB-Spitze drangsaliert, schlagen mittlerweile komplett im Boris-Becker-Land auf. In der Damen-Oberliga bekam Rekordmeister Humboldt-Uni Berlin überhaupt keine Mannschaft mehr zusammen. Vize-Meister Bauakademie Berlin verlor die vier Besten an den Westteil der Stadt.

Auch die Tischtennis-Meister Conny Reichert (zu Reinickendorfer Füchse) und Uwe Lindenlaub (TTC Hannover) haben Angebote aus dem Westen angenommen. Selbst im Schach wird kräftig rochiert. DDR-Meister Uwe Bönsch geht zu Bayern München, Großmeister Wolfgang Uhlmann nebst zwei Kollegen nach Porz.

Zurück bleibt in der konkursreifen Medaillenfabrik DDR nur die vage Hoffnung, trotz des Aderlasses noch etwas zum einig Vaterland beitragen zu können. Die Sportministerin Cordula Schubert tröstet sich mit dem Glauben, daß mit der Währungsunion »zahlreiche Sportler zu uns zurückkommen« werden.

Wahrscheinlicher aber ist, daß mit der Umstellung auf die D-Mark die »Existenzängste«, die jetzt bereits Athleten wie Kugelstoß-Olympiasieger Ulf Timmermann oder Diskus-Weltrekordler Jürgen Schult empfinden, eher noch zunehmen.

Immer mehr Betriebssportgemeinschaften, vom Geldsegen der Trägerbetriebe abgekoppelt, lösen sich auf. Nachdem die BSG Aktivist Nordhausen, immerhin viertbeste Volleyballmannschaft der DDR, sechs Spieler verlor, droht im Harz der Exodus. »Keiner hat hier mehr Interesse an uns«, mußte der BSG-Vorsitzende Wolfgang Lutze erkennen.

Wie sich die DDR-Vereine gegen die finanzstarke Konkurrenz behaupten sollen, bleibt vorerst ein Rätsel. Das schaffen wohl nur einige Fußballklubs wie Dynamo Dresden oder der FC Berlin, die von Bundesligavereinen für ihre Kicker zusammen 12,5 Millionen West-Mark überwiesen bekamen.

Auch in der Leichtathletik haben sich die hochgesteckten Erwartungen auf Sponsorengelder für einige wenige Topstars erfüllt. Der SC Motor Jena, Heimatverein von Weltmeisterin Heike Drechsler und Olympiasiegerin Petra Felke, hat zum Beispiel drei Sponsor-Verträge unterschrieben, die zusammen eine Million Mark einbringen. »So was gibt es in der Bundesrepublik nicht«, wundert sich Speerwurf-Olympiasieger Klaus Wolfermann, der jetzt für Puma unterwegs ist.

Bundesdeutsche Funktionäre sind denn auch schon neidisch auf die geschäftstüchtigen Ostler. Angesichts der Höhe der Zuwendungen, so rieten sie den DDR-Kollegen, »sollten die Summen lieber nicht veröffentlicht werden«.

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