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FUSSBALL »Lunte für die Gesellschaft«

DFB-Präsident Theo Zwanziger, 61, über Fan-Krawalle, den Ausrüsterstreit bei der Nationalelf und das gekündigte »Kicker«-Abo seines Vorgängers Mayer-Vorfelder
Von Jörg Kramer und Michael Wulzinger
aus DER SPIEGEL 9/2007

SPIEGEL: Herr Zwanziger, nach dem Jubeljahr der Weltmeisterschaft waren Sie zuletzt vornehmlich als Krisenmanager gefragt ...

Zwanziger: ... man kann es sich nicht immer aussuchen ...

SPIEGEL: ... und Sie mussten auch noch Kritik von Funktionärskollegen einstecken, etwa als Sie sich nach den Krawallen von Leipzig für eine Absage von 76 Spielen in der Region aussprachen. Löst so ein symbolischer Akt das Gewaltproblem?

Zwanziger: Natürlich nicht. Aber als ich erfahren habe, mit welcher Brutalität in Leipzig Polizeibeamte angegriffen worden waren, wollte ich ein Signal der Solidarität setzen. Da glimmt eine Lunte für unsere Gesellschaft, und wenn es nicht gelingt, die schweigende Mehrheit im Kampf gegen solche Auswüchse zu sensibilisieren, dann wird uns das allen noch mal sehr weh tun.

SPIEGEL: Vor knapp vier Monaten erst hat der DFB nach gewalttätigen Ausschreitungen auf Amateurplätzen eine Task-Force gegründet. Was kann man noch tun?

Zwanziger: Die Probleme sind ja vielschichtig, wir haben nicht immer das gleiche Strickmuster. Soziale Verwerfungen spielen eine Rolle, hohe Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit, Unterwanderung durch Neonazis. Wir brauchen Fachleute, wir brauchen ein Meldesystem für Fälle von Rassismus, Gewalt oder Fremdenfeindlichkeit. Teil zwei ist die Therapie. Da bewegen uns viele Fragen: Haben wir in unseren Spruchkammern genügend Nähe zu Ausländerorganisationen? Haben wir jemanden, der uns etwas erzählen kann über die Empfindsamkeit eines Muslim oder eines Juden im Fußballgeschehen?

SPIEGEL: Haben Sie nicht?

Zwanziger: Da besser zu werden ist mein Ziel. Dazu haben wir nun auch eine Integrationsbeauftragte. Im Westen haben wir das nationale Sicherheitskonzept nach den Hooligan-Krawallen der achtziger Jahre ganz gut umgesetzt. Wir haben Stadionsicherheit, und wir haben die Fanprojekte. Damit bekommt man die Gewalttäter nicht weg, aber man bringt die Vernünftigen zum Nachdenken. Die Aufgabe besteht nun darin, besonders im Osten den Bodensatz an Kriminellen, Rassisten und Neonazis zu isolieren. Wir müssen zwischen Gut und Böse unterscheiden: Diejenigen, die nicht zu bessern sind, haben in Stadien nichts zu suchen.

SPIEGEL: Müssen sich die Fußballvereine darauf einstellen, an den Kosten für Polizeieinsätze beteiligt zu werden?

Zwanziger: Da kann man die Vereine gleich liquidieren, denn dazu sind sie wirtschaftlich nicht in der Lage. Und wenn wir sie aus der Landschaft entfernen, haben wir das Problem nicht gelöst. Dann wird das Land Sachsen seine Polizei nicht im Stadion einsetzen müssen, sondern vielleicht die Bahnhöfe vor Krawallen schützen.

SPIEGEL: Der Sportartikelkonzern Nike hat dem DFB 500 Millionen Euro für einen Ausrüstervertrag über acht Jahre geboten. Zur Verwendung schlug Nike unter anderem soziale Projekte mit Themen wie Integration und Antirassismus vor. Wofür würden Sie es ausgeben?

Zwanziger: Wir sind als gemeinnützig anerkannt, daher haben wir eine Verpflichtung der Gesellschaft gegenüber. Das Geld soll nicht nur für Integration, Nachwuchs- und Ehrenamtsförderung eingesetzt werden. Zum einen will ich, dass wir so schnell wie möglich tausend Bolzplätze an Schulen bauen. So tun wir etwas für die soziale Infrastruktur in Ballungszentren, an sozialen Brennpunkten. Zum Zweiten möchte ich mobile Ausbildungszentren haben. Noch ist es so, dass die Vereine, die ihre Jugendtrainer ausbilden lassen, zu unseren Sportschulen fahren müssen. Künftig fahren wir auch zu den Vereinen hin.

SPIEGEL: Sind Sie erst durch das Nike-Angebot auf solche Ideen gekommen? Derzeit gibt es von Ausrüster Adidas 11 Millionen Euro im Jahr, Nike offeriert im Schnitt 60.

Zwanziger: Ich habe gesehen, dass es hier eine neue Dimension geben kann. Egal, ob das Geld künftig von Nike oder Adidas kommt: Wenn wir unsere Einnahmen in solchem Maße verbessern können, soll es sichtbar werden. Ich könnte jedem unserer 26 000 Vereine 1000 Euro im Jahr geben, dann wären 26 Millionen weg, doch jeder Verein hätte bloß gut 80 Euro im Monat. Das Geld würde versickern. Da baue ich lieber für 30 Millionen Euro Bolzplätze.

SPIEGEL: Adidas steht auf dem Standpunkt, der DFB habe im vorigen Jahr den Ausrüstervertrag bis 2014 verlängert. Der DFB sagt, es sei nur die Absicht erklärt worden. Woher wusste denn Nike, dass womöglich noch nicht rechtswirksam mit den Herzogenaurachern abgeschlossen war - von Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff?

Zwanziger: Nike hat in Deutschland viele Freunde. Und die Leute von Nike haben gleich schriftlich erklärt, dass ihr Angebot gegenstandslos sei, wenn der Vertrag zwischen dem DFB und Adidas bereits wirksam verlängert wäre.

SPIEGEL: Bierhoff hat das Nike-Angebot im Umschlag in Ihrem Büro abgegeben. Kritiker sehen ihn als einen Nike-Lobbyisten, er war jahrelang Nike-Werbepartner. Wie sehen Sie seine Rolle im Ausrüsterstreit?

Zwanziger: Viele unserer früheren Fußballhelden haben ein Sponsoren- und ein Medienumfeld. Kann ich deswegen keinen dieser Leute beim DFB einbinden, weil sie alle irgendwelche Angriffsflächen haben? Ich muss das durch einen Vertrag lösen, in dem steht, was einer darf und was nicht. Ich habe keinen Zweifel an Oliver Bierhoffs Loyalität zum DFB und zu den Sponsoren des DFB.

SPIEGEL: Wollen Sie am Ende das Nike-Angebot benutzen, um vom langjährigen Partner Adidas mehr Geld zu bekommen?

Zwanziger: Ich habe gespürt, dass wir für die Nationalmannschaft eine gerechtere Vergütung erwarten können, das will ich offen sagen. Das ist mir durch das Nike-Angebot klargeworden. Wenn man so lange mit einem Partner zusammen ist wie wir mit Adidas, lotet man die Möglichkeiten nicht so aus.

SPIEGEL: Werden jetzt also die Konditionen für eine Verlängerung mit Adidas neu verhandelt?

Zwanziger: Wir waren ja, bevor das Nike-Angebot kam, mit Adidas nicht fertig. Es wäre noch um gemeinnützige Projekte gegangen. Jetzt haben wir bis Ende 2010 einen Vertrag und fühlen uns unserem Wort verpflichtet, bis 2014 zu verlängern, wenn die Bedingungen dies hergeben. Bis zur nächsten Präsidiumssitzung am 9. März wollen wir uns positionieren. Entweder wir finden mit Adidas eine Basis oder nicht. Der Erste übrigens, der von uns von dem Nike-Angebot erfahren hat, war Adidas-Chef Herbert Hainer. Wir haben ihn auch um Verständnis gebeten, dass wir ein solches Angebot nicht geheim halten können.

SPIEGEL: Ihr Vorgänger und früherer Präsidiumskollege Gerhard Mayer-Vorfelder sagt, er hätte intern verhandelt und nichts nach außen getragen.

Zwanziger: Meine Art, einen Verband zu führen, ist eine andere. Wenn ich weiß, dass bei Nike tausend Leute von dem Angebot wissen, kann ich es doch nicht meinem Schatzmeister vorenthalten. Vertrauen und Transparenz sind mir sehr wichtig.

SPIEGEL: Der DFB hat Mayer-Vorfelder, obwohl er gerade zum Vizepräsidenten des europäischen Verbands Uefa aufgestiegen ist, sein Stuttgarter Büro und sogar das Abonnement für den »Kicker« gekündigt.

Zwanziger: Er ist nicht mehr DFB-Präsident. Wenn die Amtszeit zu Ende ist, dann ist auch die Amtsausstattung weg. In dieser Frage muss ich alle gleichbehandeln. Ich kann nichts dafür, wenn Herr Mayer-Vorfelder oder seine Frau kein Gefühl dafür entwickeln, was Amt ist und was privat. Andererseits möchten wir, dass er bei seiner internationalen Tätigkeit die Interessen des DFB und der Liga vertritt.

SPIEGEL: Will er das vergütet bekommen?

Zwanziger: Sein neues Büro ist mietfrei. Seine Nebenkosten soll er auflisten, dann entscheiden wir über eine pauschale Abgeltung. Für das, was er für die Uefa macht, bekommt er ja eine Aufwandsentschädigung, wie er der »Bild«-Zeitung verriet.

SPIEGEL: Er sprach von 40 000 Euro pro Jahr, das ist nicht viel.

Zwanziger: Er sagt nur nicht, ob das brutto oder netto ist.

SPIEGEL: Sind Sie, im Gegensatz zum Platini-Freund Mayer-Vorfelder, ein Verlierer der Uefa-Wahl?

Zwanziger: Wenn Sie das daran messen, dass Lennart Johansson, der Präsidentschaftskandidat, den wir offen unterstützt haben, nicht wieder gewählt worden ist, dann bin ich ein Verlierer. Aber lieber verliere ich anständig, als dass ich ein schlechter Gewinner wäre.

SPIEGEL: Es klang aber eher nach einem schlechten Verlierer, als Sie nach dem Sieg Michel Platinis maulten, ihm hätten ja bloß Vertreter kleiner Nationen »mit nicht mehr als hundert Einwohnern« applaudiert.

Zwanziger: Ich bin ein emotionaler Mensch. Und ich sah Vertreter kleiner Verbände jubeln, die bis zuletzt keinen Zweifel daran gelassen hatten, dass sie Johansson wählen würden. Dieser Kommentar war sicher überzeichnet. Gleichzeitig habe ich sofort deutlich gemacht, dass der DFB zu einer vorbehaltlosen Zusammenarbeit mit Platini bereit ist. Was hinter meiner Bemerkung steckt, ist doch klar: Die Struktur der Uefa macht alles möglich. Jeder der 53 Verbände hat eine Stimme. San Marino hat so viel Gewicht wie der DFB. Da entstehen doch Abhängigkeiten. Die Bundeskanzlerin wäre auch nicht einverstanden, wenn Luxemburg in Europa so viele Stimmen hätte wie Deutschland. Und wir Deutsche, das will ich auch mal sagen, sind kein Nehmerland in der Uefa.

INTERVIEW: JÖRG KRAMER, MICHAEL WULZINGER

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