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FUSSBALL Lust am Kick

Das Länderspiel gegen Holland wird zum Testfall für Deutschlands WM-Bewerbung: Was taugt die veränderte Polizeistrategie gegen Hooligans?
aus DER SPIEGEL 47/1998

Das Handgepäck der Reisegruppe aus Holland umfaßte die Ausrüstung für eine Schlacht. Schreckschußpistolen, Äxte und Hämmer fanden die Polizeibeamten, die am Stuttgarter Stadtrand einen Bus mit Fans von Feyenoord Rotterdam kontrollierten.

Die Sicherheitskräfte waren vorgewarnt: Bereits in Hessen hatten die Businsassen, auf Durchreise zum Europapokal-Spiel gegen den VfB Stuttgart, eine Autobahnraststätte geplündert.

Die Invasion der Schläger aus Rotterdam im September bot einen Vorgeschmack auf ein Ereignis, das diese Woche die Polizei in Atem halten wird. Am Mittwoch treffen in Gelsenkirchen die Fußball-Nationalmannschaften von Deutschland und Holland aufeinander. In der internationalen Hooligan-Szene gilt das Länderspiel im WM-Jahr als letztes großes »Highlight«. Denn die Schlägerfraktionen der beiden Nachbarländer gehören zu den brutalsten in Europa.

Die Ordnungshüter befinden sich unter verschärftem Druck. Nachdem im Juni bei der Weltmeisterschaft im französischen Lens deutsche Hooligans den Gendarmen Daniel Nivel ins Koma geprügelt hatten, forderten Politiker ein härteres Durchgreifen gegen Randalierer. Nun steht das gestraffte Sicherheitskonzept - auch hinsichtlich der Bewerbung des Deutschen Fußball-Bundes für die Weltmeisterschaft 2006 - auf dem Prüfstand.

Der Einsatz in Gelsenkirchen soll beweisen, daß die Polizei das Hooligan-Problem im Griff hat. Nie zuvor hat die Staatsmacht ihre Möglichkeiten zur Prävention so genutzt wie in den letzten Wochen. Bekannt rabiate Fancliquen aus Hamburg, Berlin oder Gelsenkirchen - ohnehin im Fadenkreuz von Fahndern, die noch nach weiteren Tätern von Lens suchen - wurden systematisch observiert. Das Kontingent von Zivilbeamten in den Fanblöcken der Bundesliga-Arenen wurde erhöht. Selbst bei Regionalliga-Spielen ist die Polizei mit Hundertschaften präsent.

Waren bislang von den gut 9000 deutschen Hooligans bei der »Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze« (ZIS) beim Landeskriminalamt in Düsseldorf rund 300 Personen erfaßt, wurde die Kartei nun auf 1000 erweitert.

Den registrierten Schlägern wird seit Monaten eine Sonderbehandlung zuteil, die auf Vorbeugung und Einschüchterung setzt. Rädelsführer werden regelmäßig zu Hause oder am Arbeitsplatz aufgesucht und verhört. Weil sich von dieser Art der Überwachung »nicht jeder beeindrucken läßt«, wie Michael Endler von der ZIS einräumt, sind rund hundert Hooligans in Deutschland zusätzlich mit einer »Meldeauflage« belegt: Die Betroffenen müssen am Spieltag ihres Vereins oder bei Länderspielen mehrfach ihren Aufenthaltsort bei einer Polizeidienststelle zu Protokoll geben. Jene, bei denen erfahrungsgemäß auch diese Maßnahme nicht fruchtet, werden präventiv in Gewahrsam genommen und kommen - etwa in Gelsenkirchen - gar nicht mehr in die Nähe des Stadions.

Das rigorose Durchgreifen scheint diese Woche dringend geboten. Zwischen den Hooligan-Bünden aus beiden Ländern herrscht eine erbitterte Feindschaft. »Da ist richtig Haß dabei«, sagt Mike, ein Vertreter der »Ultras« aus Hamburg.

Was für Prügelorgien das Aufeinandertreffen entfesseln kann, zeigte sich 1996 bei einem Gastspiel der deutschen Elf in Rotterdam: Bis spät in die Nacht lieferten sich 700 Krawallmacher Straßenschlachten und Messerstechereien. 71 Hooligans wurden verhaftet.

Auch diesmal wird das Gewaltpotential beträchtlich sein. Die anfängliche Betroffenheit der deutschen Szene über die Folgen der Randale in Lens sei längst der Lust am Gewalt-Kick gewichen, sagt ZIS-Leiter Endler: »Die Szene juckt es wieder.« Eine Schlägerei zwischen 350 Hools nach dem Regionalliga-Spiel Mannheim gegen Offenbach war jüngst angekündigt unter dem Motto »Aufwärmen für Gelsenkirchen«.

Damit das Freundschafts-Länderspiel ein positives Signal für die DFB-Bewerbung zur WM 2006 setzt, werden 1000 Beamte zusammengezogen. Als schwer zu kalkulierendes Restrisiko gelten die holländischen Hooligans, über deren Gewaltbereitschaft es keinen Zweifel gibt: Als im März vorigen Jahres der Mob von Ajax Amsterdam und Feyenoord aneinander geriet, wurde ein Mann mit einem Klappspaten erschlagen.

Zwar arbeiten die deutschen Ermittler mit Kollegen aus den Niederlanden zusammen; auch die Grenzkontrollen werden verschärft. Die Einreise kann aber nur jenen verwehrt werden, gegen die aktenkundige Erkenntnisse vorliegen.

So bleibt der deutschen Polizei nur eine Hoffnung: daß die niederländischen Hools dezimiert anrücken. Die Schläger von Feyenoord und Ajax sind verfeindet. »Zusammen können die gar nicht anreisen«, sagt ein Insider, »die würden sich auf der Fahrt schon gegenseitig eliminieren.«

GERHARD PFEIL

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