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»Mach Dich aus dem Staub«

aus DER SPIEGEL 18/1991

Für eine Ablösesumme von 2,7 Millionen Mark wechselte Matthias Sammer, 23, im vorigen Jahr von Dynamo Dresden zum VfB Stuttgart. Der Mittelfeldspieler, der 28mal für die DDR antrat, wurde als erster Fußballer aus dem Osten in die deutsche Nationalelf berufen.

SPIEGEL: Herr Sammer, Sie haben sich darüber beschwert, die ostdeutschen Bundesligaprofis würden »momentan vernichtet«.

SAMMER: Es geht um eine Kampagne, die derzeit in Sport-Bild gegen uns läuft. Rico Steinmann, der im Sommer von Chemnitz nach Köln wechselt, hat zum Beispiel noch nicht ein Bundesligaspiel gemacht und wird schon durch den Dreck gezogen, als Weichling verunglimpft. Ulf Kirsten wird vorgerechnet, er schieße in Leverkusen zuwenig Tore - dabei war er lange verletzt. Mir wird ein gestörtes Verhältnis zum Trainer angedichtet. Das lasse ich mir nicht gefallen.

SPIEGEL: Spüren Sie Vorbehalte gegen die ehemaligen DDR-Spieler?

SAMMER: Mich stört schon der Begriff Ossi - das ist einem in jeder Beziehung hochentwickelten Land wie der Bundesrepublik nicht würdig. Mag sein, daß ich einen Gerechtigkeitsfimmel habe, aber andere große Stars aus der Fremde, etwa Keegan oder Lerby, haben über ein Jahr gebraucht, ehe sie zu ihrer optimalen Leistung fanden. Ich finde, wir von drüben liegen daran gemessen ziemlich gut. Es ist doch sensationell, wenn bereits zwei von uns im Nationalteam des Weltmeisters stehen.

SPIEGEL: Womöglich werden Sie ein zweites Jahr in Deutschland gar nicht abwarten wollen. Sie haben erklärt: »Wenn das Umfeld so bleibt, überlege ich, ob ich gehe.«

SAMMER: Es geht nicht an, wenn etwa der VfB-Freundeskreis Vereinspolitik macht. Sicher sind das Kleinigkeiten, aber sie summieren sich. Ich wollte deshalb etwas bewirken, Emotionen wecken. Mit leisen Tönen geht das nicht. Die Leute sollen wissen: Mit mir kann man nicht alles machen.

SPIEGEL: Wollen Sie nicht nur einen Krach als Rechtfertigung für den Wechsel nach Italien provozieren? Der SSC Neapel soll Ihnen ein lukratives Angebot gemacht haben.

SAMMER: Einen Krach hätte ich ganz anders provoziert. Es stimmt: Ich habe gesagt, ich bleibe bis 1992 in Stuttgart. Aber es sprechen auch einige Dinge für einen Wechsel nach Italien noch in diesem Jahr. Doch wenn ich gehe, dann nur zu einem Riesenverein, niemals zu einem mittelmäßigen - sonst kann ich auch in Deutschland bleiben. Das sage ich auch auf die Gefahr hin, daß man mich für größenwahnsinnig hält.

SPIEGEL: Ist die Bundesliga so piefig, daß Sie schon nach einem Dreivierteljahr nicht mehr genügend Reiz empfinden?

SAMMER: Natürlich wäre das zum momentanen Zeitpunkt, wo ich gerade den Wechsel nach Stuttgart im Kopf verarbeitet und mich an das Leben hier gewöhnt habe, ein erneuter riesiger Schritt. Auf der anderen Seite lockt das viele Geld und die sportliche Herausforderung.

SPIEGEL: Im vorigen Sommer schwärmten Sie noch vom VfB Stuttgart als Ihrem Wunschverein.

SAMMER: Der VfB, der ja geldmäßig Probleme hat, sieht doch auch die wirtschaftliche Komponente. Ich weiß nicht, wieviel der Sammer heute wert ist. Aber wenn ich erst nach Vertragsende 1992 wechsle, wird die Ablöse so um die fünf Millionen Schweizer Franken betragen. Der Klub würde viele Millionen Mark verlieren.

SPIEGEL: Für jemanden, der vor einem Jahr noch für 1320 Ost-Mark kickte, haben Sie die freie Marktwirtschaft schnell verinnerlicht.

SAMMER: Die Umgebung prägt. Da ich jetzt in einer Gesellschaft lebe, in der nach Leistung bezahlt wird, halte ich mein Verhalten für normal.

SPIEGEL: Von Ihren ehemaligen Kollegen aus der DDR, die jetzt in Leverkusen oder Hamburg spielen, hört man derlei offene Worte nicht.

SAMMER: Wir alle befinden uns in einem Lernprozeß. Die meisten sagen sich: Ich halte den Mund, da passiert mir nichts. Das ist der einfachste Weg. Aber so kann ich nicht denken. Das konnte ich drüben schon nicht.

SPIEGEL: Da müßten Sie der Bundesliga doch hoch willkommen sein. Medien wie Klubmanager beklagen ja den Mangel an Persönlichkeiten.

SAMMER: Ich habe Probleme mit diesem Begriff. Wird man nicht auch von außen zu einer Spielerpersönlichkeit gemacht? Spielt man gut, ist man eine, spielt man Scheiße, nicht.

SPIEGEL: Spielerpersönlichkeiten entwickeln sich vor allem außerhalb des Stadions.

SAMMER: Wenn Toni Schumacher eine Persönlichkeit war, dann hat man sie aber sehr schnell fallenlassen. Machen wir uns nichts vor: Noch bevor hier Spieler zu Persönlichkeiten heranwachsen können, sind sie schon in Italien. Und die, die hiergeblieben sind, haben sich arrangiert: Ich höre immer, unser Karl Allgöwer hat früher öffentlich ganz anders diskutiert. Er sagte, was ihm nicht paßte. Das macht er heute diskreter.

SPIEGEL: Ihr Vereinskollege Maurizio Gaudino ist in Verruf geraten, weil er Ferrari fährt, lange Haare und einen Ohrring trägt. Sind Sie von der Toleranz im Westen enttäuscht?

SAMMER: Ich kann den Westen nicht generell beurteilen, aber im Schwäbischen fehlt es den Leuten an Feingefühl. Ich habe selten einen so guten Fußballer wie den Gaudino gesehen. Aber er scheitert daran, daß er von der Psyche her mit den Stuttgartern nicht klarkommt. Ich wünsche mir, daß er weggeht und woanders einschlägt. Denn hier ist er zu Unrecht der Sündenbock für alles. Ich habe ihm geraten: Mauro, mach dich aus dem Staub.

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