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MANDEL-ROT, MEDAILLEN-GOLD UND GROSSER MERCEDES

aus DER SPIEGEL 43/1964

Willi Daurne, Präsident des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) der Bundesrepublik, grollte: »Individualismus - na schön.« Aber: »Nackt unter die eiskalte Dusche, den Russen wäre das nicht passiert.«

Westdeutschlands Hoffnung Gerhard Hetz war's passiert. Er hatte sich erfrischt, wie unter Schwimmern nicht ungewöhnlich, in Tokios Klima jedoch auch nicht ungefährlich. Nun wucherte Entzündungsrot in seinem Rachen und trennte ihn von der Aussicht auf das erhoffte Medaillen-Gold wie die Hecke Riesengroß Dornröschen von den Freiern.

Ob Ansätze zur Persönlichkeit, individuelle Eigenbrötelei und unbotmäßige Widerborstigkeit gegenüber Offiziellen den Leistungen und dem Leistungssport nutzen oder schaden, ist im Fernen Osten zu einer völkerverbindenden Streitfrage geworden. Drill und Disziplin sind nicht mehr unumstrittenes Gesetz. Der Feldherrnhügel martialisch autoritärer Olympia-Generalstäbler ist sogar von den Russen geräumt worden.

Sowjetische Offizielle placken sich ebenso mit eigenwilligen Medaillen -Anwärtern wie Daume. Während Hetz auf individueller Basis die Mandeln schwollen, bemühte sich Hochsprung-Star Walerij Brumel im russischen Lager, seine bewährte Technik abzuändern.

Brumels Sprungtechnik (eine erstaunliche Leistung der Sportwissenschaft, trug sie doch den für einen Hochspringer mit 1,85 Meter relativ kleinen Brumel über die Weltrekordhöhe von 2,28 Meter) war dem Meister des Sports angesichts der Tokio-Spiele verdächtig geworden.

Zum erstenmal seit Jahren hatte Brumel kurz vor den Spielen zwei Niederlagen hinnehmen müssen. Während die Staatstrainer ihr Haupt verhüllten und zweifellos stalinistische Gedanken im Herzen bewegten, machte sich deshalb jetzt Favorit Brumel daran, seine Technik umzustellen.

Die deutschen Offiziellen öst- wie westlicher Provenienz fühlen sich ihrer Natur gemäß besonders unsicher in einer Situation, die fraglich macht, ob Vaters Order oder die Pflege eigener Initiative erfolgsträchtiger ist.

Zwei von ihnen, Professor Josef Nöcker, vornehmlich für die sportartgemäße Nahrung der Westdeutschen zuständig, und Siegfried Perrey, sozusagen

Feldwebel vom Dienst der Bundesrepublik in Tokios Olympischem Dorf, suchten in dieser Situation dort Trost und Zerstreuung, wo in Tokio noch die alten Werte galten: Mercedes-Benz-Distributor Mr. Janase empfing in den Räumen seiner Western Automobile Co. Ltd. zu einer »special show«.

Vom Kühlsystem des 1900 ("you fill in, tuk, tuk, tuk, wie in your kitchen") bis zu Olympia-nahen Rennsiegen von ehedem ward große Vergangenheit zu kauffördernder Gegenwart.

Die hauptstädtische Creme schweifte sektschlürfend, bayrisches Bier schluckend und Real Scotch kippend zwischen Deutschlands stolzestem Kaufgut einher.

Bundesinnenminister Höcherl gesellte sich, wenn auch nur kurz, dem Mercedes-Team zu. Eine der diplomatischsten Leistungen deutscher Politik seit Konstituierung Bonns: Mr. Janase vertritt in Tokio nicht nur den guten Stern auf allen Straßen, sondern auch Volkswagen und General Motors.

Höcherl, einmal derart auf Gipfelhöhe, wagte denn auch am nächsten Morgen, wozu es bislang nach vielfältigen Maßhalte-Appellen allen seinesgleichen an Mut gebrach: Er bestieg einen Mercedes 600 zur Fahrt ins Olympische Dorf. Etwaige Skrupel hätten ihm allerdings wenig genutzt. Hans Schwenkschuster, Stuttgarts Weltreisender in Trainings-Kursen am Untertürkheimer »Ich hab's gewagt«-Modell, hatte klare Anweisung erteilt: »Wann er Schwierigkeite mache tät, nachher fährst im 220 vor. Und hast glei' e Pann.« Die Panne blieb Minister und Mercedes erspart.

Den Trainern der Nationen blieben im Gegensatz zu Mercedes und dem Minister Überraschungen nicht erspart. Im 10 000-Meter-Rennen warfen zwei im Langstreckler-Prominentenkreis unbekannte Olympia-Debütanten alle Planungen des Australiers Clarke und der Russen über den Haufen. »Wo kommen die her?« begehrte der Tscheche Zatopek, Aschenbahn-Heros der fünfziger Jahre, zu wissen, als ein Abkömmling der Sioux-Indianer namens Mills und der vorwiegend mit Kebab sportdiätfremd aufgepäppelte Tunesier Mohammed Gamudi Gold und Silber untereinander aufteilten. Mills siegte übrigens ganz beiläufig. »In Tokio bin ich wegen des Marathon-Laufes«, schreckte er die Marathon-Favoriten.

Für individualistischen Übereifer war selbst im Zonen-Kollektiv noch Spielraum. Zonen-Linksaußen Eberhard Vogel wurde im Fußball-Match gegen Rumänien vorzeitig vom Schiedsrichter dispensiert. Er hatte, absichtlich oder fahrlässig, Rumänien -Torwart Datcu mit einem Fußballstiefel das Gesicht gestempelt. Temperaments -Ausbrüche im olympischen Schlachtengetümmel sind eben auch vom umsichtigsten Trainer nicht vorauszuplanen.

Keineswegs alle Olympioniken entwickeln bei der Verfolgung ihrer Wettkampfvorbereitungen gleichen nationalen oder individuellen Ernst. Der Däne Lars Krause Jensen erprobte nicht als einziger neben den von Übungswilligen überquellenden Trainingsanlagen auch die hinter hohler Hand gerühmten japanischen, besonders dank bikini-bekleideter Masseusen attraktiven Bäder.

Bewiesen etliche Olympiakämpfer Mut vor Funktionärs-Thronen für solche außerolympischen Exkursionen, so verschaffen sich andere Einwohner des Olympischen Dorfes Mut für die Olympia-Schlacht nach der Cassius-Clay -Methode »Ich bin der Größte«. »Ich war nie besser, mich wird keiner besiegen«, tönte US-Sprintweltrekordler Bob Hayes lange vor dem 100-Meter-Finale.

Sogar die Gastgeber, bislang des Glaubens, daß Lohn vornehmlich dem bescheidenen Gehorsam zuteil wird, sahen einen der Ihren vom Clay-Bazillus angesteckt. Joschinobu Mijake gewann für Japan im Gewichtheben eine Goldmedaille, obwohl er seit seiner Nennung als Nippons Vertreter im Federgewicht nicht in schweigender Demut verharrt hatte.

Träger des Spitznamens »Japans Großmaul«, seit er ohne Pause im besten Cassius-Clay-Stil seinen Erfolg ankündigte, errang Mijake tatsächlich einen Sieg. Der löste wehmütigen Jubel. Nicht bereit, Japans Feier über das goldene Maß hinaus nach Trainer -Wunsch zu verschönen, lehnte der 24jährige ab, nach dem Olympiasieg noch einen ihm vom Schiedsgericht zugebilligten Weltrekordversuch zu unternehmen: »Ich bin mit der Goldmedaille völlig zufrieden.«

Die Vermutung, daß die Sportler, deren Leistungswurzeln sich immer schwerer von den Funktionärs-Vätern ergründen lassen, wirklich das ärgste Hindernis für einen glücklichen Ablauf der Olympischen Spiele sind, ergreift immer tiefer die Kreise der offiziellen Sportplaner. Ist Erfolg noch Erfolg, so er nicht vaterländischem Aufruf, wissenschaftlicher Planung, Funktionärsweisung oder wenigstens dem Gefühl für weltpolitische Perspektiven zu danken ist?

Den US-Achter, der den großen Favoriten wie ein Teckel in die Beine fuhr, ruderten acht Männer, denen jede Eignung zum Nationalheldentum abgesprochen werden mußte. Verkündeten sie, großenteils Familienvater, doch - wieder an Land - ohne Scheu: »Das war ein Mordsspaß.«

Überhaupt erweisen sich die amerikanischen Athleten als ein schlechtes Vorbild. Wo zahlreiche Mannschaften, unter ihnen auch die der Bundesrepublik, »den Trubel des Olympischen Dorfes« mieden wie alte Jungfern einen Drink an der Bar, sah man die US-Läufer Carr, Larrabee, Edith McGuire und wie sie noch heißen frohgemut ihre Runden ziehen und Scherze treiben. Ob die Uhren der Konkurrenz ihre Sprints notierten, ob Kameras ihre Bewegungsabläufe festhielten, störte sie nicht.

Die individuelle Sonderheit der amerikanischen Olympia-Favoriten blieb denn auch nicht ohne Ausstrahlung auf die Teilnehmer aus der Bundesrepublik. Während der Hader um den einprägsamen Namen Kuhweide Formen annahm, die deutsche Japan-Kaufleute einen »Prestigeverlust für Made in Germany« befürchten ließen, trug Präsident Daume noch immer schwer an Hetzens Rachenmandeln. »Der hat da ein paar Dinger. Wirklich. Individualismus ist ganz schön. Aber wenn einer mehr verstehen will als die Ärzte...« Schon längst hätten die Dinger herausgehört, murrte Daume, an jener Grenze verbandsseitiger Eingriffe resignierend, die der eigenwillige Schwimmer gesetzt hat: »Der Hetz meint halt, was Gott gegeben hat, das soll der Mensch nicht abtrennen.«

Ostpreuße Perrey, ohne eine Spur Nachwirkung des Mercedes-Brennstoffs, sprach das Schlußwort: »Der Hetz ißt schon wieder. Seine Spezialverpflegung. Nur Schokolade ißt der Hetz im Augenblick.« Am Mittwoch der vergangenen Woche brach Hetz, von Mandeln und Schokolade in gleicher Weise gefüllt, in die Front der hart gedrillten Amerikaner ein und errang eine Bronzemedaille. Vor diesem überzeugenden Beweis für das persönliche Recht auf Mandeln stellten selbst hartgesottene Funktionäre keine Fragen mehr, ob Hetz ohne Mandeln und Schokolade Silber oder gar Gold hätte erreichen können.

Westdeutsche Offizielle Perrey (hinten r.) und Nöcker (hinten M.) beim Mercedes-Empfang in Tokio: »Tuk, tuk, tuk, wie in your kitchen«

Olympionike Jensen im japanischen Bad

Drill und Disziplin...

Medaille für Olympiasieger

... sind in Tokio...

Verletzter Rumänen-Torwart Datcu

... nicht mehr unumstrittenes Gesetz

Schwimmer Hetz im Krankenzimmer

»Was Gott gegeben hat...

... soll der Mensch nicht abtrennen": Gewichtheber Mijake

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