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MEXICO CITY Mann auf der Schulter

aus DER SPIEGEL 46/1965

Die Saison war bereits beendet. Doch 215 der weltbesten Sportler aus 16 Ländern wurden noch im Oktober zusätzliche Strapazen zugemutet. Sie spurteten und sprangen, fochten und schwammen unter härteren Bedingungen als je zuvor: in Mexico City, 2240 Meter hoch - etwa auf gleicher Höhe mit dem Eigergletscher in der Schweiz.

Dabei wurden die Wettkampfergebnisse nur statistisch registriert. Die Athleten starteten vor allem als Versuchskaninchen für 70 international renommierte Sportmediziner. Dem deutschen Langstreckenläufer Lutz Philipp war sogar eingeschärft worden: »Wenn du aufgibst - dann dort, wo die Ärzte stehen.« Der deutsche Mittelstreckler Bodo Tümmler wurde zur Untersuchung an schwedische Ärzte ausgeliehen (siehe SPIEGEL-Interview, Seite 104).

In Mexico City werden 1968 die nächsten Olympischen Spiele ausgetragen. Schon in diesem Jahr luden die Mexikaner zu einer vorolympischen Woche ein, bei der die Sportärzte-Equipe die Schwierigkeiten erforschen sollte, mit denen die Hochleistungssportler 1968 in Mexiko kämpfen müssen. Der bisher aufwendigste Olympiatest sollte zudem klären, wie sich Medaillenanwärter am wirksamsten auf die ersten olympischen Höhenspiele vorbereiten können.

In Mexico City ist der mittlere Luftdruck um 27 Prozent niedriger als auf Meereshöhe. Sportler, deren Wettkampfversuche weniger als eine Minute dauern, profitieren davon: Der geringere Luftwiderstand begünstigt einen Sprinter wie ein Rückenwind von 1,5 Meter pro Sekunde. Alle Dauerleistungen sind benachteiligt: Mittel- und Langstreckenläufer etwa leiden in der dünneren Höhenluft an Sauerstoffmangel.

»Laufen Sie mal«, beschrieb der amerikanische 800-Meter-Läufer Tom Farrell die Atemnot nach seinem Rennen in Mexico,City, »wenn Ihnen einer auf der Schulter sitzt und die Luft abschnürt.« Ein 10 000-Meter-Läufer benötigt während des Rennens 150 Liter Sauerstoff (ein 100-Meter-Sprinter zehn, von denen er 98 Prozent erst nach dem Lauf aufnimmt). In 2300 Meter Höhe atmet er jedoch in der gleichen Zeit wie in der Ebene nur 130 Liter ein. Entsprechend sinkt seine Leistung.

Erst seit 1963 beschäftigen sich die Sportmediziner intensiv mit den Problemen des Leistungssports in Höhenlagen. Denn im Oktober 1963 hatten die Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) in Baden-Baden überraschend das hoch gelegene Mexico City beauftragt, 1968 die Olympischen Spiele zu veranstalten. Die Mexikaner waren bei der Stimmenjagd geschickter als die Konkurrenz gewesen. Sie hatten IOC-Mitglieder mitsamt deren Ehefrauen zum Lokalstudium nach Mexico City eingeladen. 25 Olympier waren der Aufforderung 1962 gefolgt.

»Einige werden sterben«, warnte der britische Olympiasieger im 3000-Meter -Hindernislauf von 1956, Chris Brasher. Aber die Entscheidung war nicht umzustoßen. So mobilisierten die Sportfunktionäre vieler Länder ihre Wissenschaftler, um die optimalen Voraussetzungen zu finden, unter denen Sportler auf Mexiko vorbereitet werden können.

Noch 1964, unmittelbar nach den letzten Olympischen Spielen in Tokio, schwärmten Ärzte-Spähtrupps aus Japan und Frankreich nach Mexico City aus. Dozenten der Freiburger Universitäts-Klinik schleppten Testgeräte in die Alpen. Sie testeten Versuchspersonen in der Schweiz im Gebäude der Bahnstation Eigergletscher (2320 Meter Höhe) und anschließend auf dem Jungfraujoch (3450 Meter) auf Standfahrrädern. Am 400-Meter-Weltrekordler Carl Kaufmann wurden bei gleicher Leistung im Höhen-Test 189 Herzschläge gezählt, 26 mehr als im Flachland.

Auch die Ratzeburger Ruderer, die in Tokio im Achter die Silbermedaille gewonnen hatten, kämpften in der Druckkammer des Luftfahrtmedizinischen Instituts in Bad Godesberg gegen abfallende Leistungen in künstlich verdünnter Luft und wurden in Spezialgeräten getestet.

Bei Druckverhältnissen, die einer Höhe von 3000 Meter entsprachen, minderte sich die Leistung um zehn Prozent, bei 7500 Meter sank die Normalleistung nach vier Minuten sogar auf 20 Prozent. Der Ruderer Jürgen Schröder vermochte Kugeln nicht mehr in passende Löcher zu stopfen, und Ruderer Horst Meyer konnte seinen eigenen Namen nicht mehr schreiben.

Um den Sportlern Erfahrungen in natürlicher Höhenluft zu vermitteln, schickten verschiedene Länder Test-Trupps aus. Läufer der amerikanischen Pennsylvania-Universität rannten am Titicaca-See in den peruanischen Anden in 4000 Meter Höhe und spielten gegen Indianer Fußball. Neuseeländer, Amerikaner und Deutsche starteten in Südafrika abwechselnd im Flachland am Meer und auf der Hochebene.

»An der Küste waren wir immer gut«, berichtete der deutsche Brustschwimmer Jochen Roos. Kurt Bachmann, Sportwart des Deutschen Schwimm-Verbandes, klagte dagegen nach Wettkämpfen in 2000 Meter Höhe: »Selbst der Durstigste hatte keine Lust mehr, ein erfrischendes Bier zu holen.«

Entsprechend den Ergebnissen ihrer Höhenexperimente entwickelten die

sportlichen Großmächte neue Pläne für Dauer-Trainingscamps. Alma Ata (1600 Meter) wurde zumn sowjetrussischen Vorbereitungs-Zentrum. Dort trugen die Russen bereits ihre diesjährigen Leichtathletik-Meisterschaften aus. Frankreichs Sportführung propagierte Font Romeu (1800 Meter) in den Pyrenäen als Europa-Sportcamp.

In St. Moritz (1850 Meter) werden die Schweizer ein Dauer-Trainingslager errichten, das auch Belgier und Italiener benutzen wollen. In den Schweizer Alpen wollen zudem die deutschen Radamateure trainieren. Die Österreicher planen ein Sportler - Camp in Badgastein, für das sich bereits die Finnen interessieren. Auf drei verschiedenen Höhenstufen (1600, 1900 und 2400 Meter) sollen die Athleten an mexikanischen Druck gewöhnt werden.

Die Schweden schwören auf das Hochland von Äthiopien. Denn der Äthiopier Abebe Bikila, der sich dort in 2400 Meter Höhe vorbereitete, wurde In Rom und in Tokio Marathon-Olympiasieger. Sein schwedischer Trainer Onni Niskanen soll für seine Landsleute in Addis Abeba Quartier machen.

Alle vorgesehenen Trainingslager liegen zwar ähnlich hoch wie Mexico City, weisen aber ein anderes Klima auf als die Olympiastadt. Deshalb schickten wohlhabende Sportverbände ihre Mannschaften zu den vorolympischen Oktober-Wettkämpfen in die mexikanische Metropole. Ergebnis: Alle Dauerleistungen blieben weit hinter den besten Flachland-Resultaten zurück. Einzige Ausnahme war der mexikanische Schwimmer Echevarria. Er lebt In Mexico City. Die Belgier beantragten deshalb - ohne Erfolgsaussicht -, alle Läufe über mehr als 809 Meter nach Acapulco an der mexikanischen Küste zu verlegen.

Der Olympiatest in Mexico City soll 1966 und 1967 wiederholt werden. »Jeder unserer Olympiakandidaten«, verkündete Dr. Max Danz, Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, »sollte vor den Olympischen Spielen einmal in Mexico City starten.« Und wer sich 1968 nicht wenigstens drei Wochen lang in Mexico City akklimatisieren kann, hat bei den Olympischen Spielen keine Chance. Erstmals wird eine Goldmedaille zu kaufen sein«, kritisierte der britische Goldmedaillengewinner Brasher die finanziellen Kraftakte der großen Sportländer.

Auf wenigstens eine Goldmedaille hoffen auch die Mexikaner, obwohl sie noch keinen Favoriten aufweisen. Sie schickten Talentsucher in 50 Dörfer der Tarahumara-Indianer, die ohne Pause 200 Kilometer weit zu laufen vermögen. Der Stamm lebt in Höhlen im Hochland von Chihuahua. Die Mexikaner wollen besonders veranlagte Tarahumaras für den Marathonlauf ausbilden.

Bei den Panamerikanischen Spielen 1955 in Mexico City waren drei unbekannte Hochland-Indianer aus Südamerika allen Favoriten davongelaufen.

Die Italiener plagt ein zusätzliches Problem: Ihre Spaghetti kochen bei mexikanischem Unterdruck nicht lange genug auf richtiger Temperatur. Sie wollen Spezial-Spaghetti entwickeln.

Olympia-Stadt Mexico City: »Wenn du aufgibst...

... dann dort, wo die Ärzte stehen": Sportler beim Höhen-Test*

Mittelstreckler Tümmler beim Höhentest in Mexico City. Goldmedaillen zu kaufen

* Der Ratzeburger Ruderer Hans-Jürgen Wallbrecht im Luftfahrtmedizinischen Institut, Bad Godesberg.

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