Emmanuel Sikuku und seine Geschichte Das Geschäft mit den Marathonläufern aus Afrika

In Kenia setzen viele Menschen ihre Hoffnungen in den Laufsport. Mit guten Leistungen bei internationalen Rennen verdienen sie viel Geld. Davon profitieren auch deutsche Geschäftsleute.
Wo die Champions trainieren: Das Höhencamp von Iten

Wo die Champions trainieren: Das Höhencamp von Iten

Foto: Siegfried Modola/ REUTERS

Als Emmanuel Sikuku die letzten Meter des Marathons im spanischen San Sebastián Ende November läuft, ist dem Kenianer keine Ermüdung anzusehen. Mit stoischem Gesichtsausdruck gleitet der Berufsläufer über den Asphalt. Dass er nicht allein gegen andere Läufer kämpft, sondern für ihn jede Sekunde zählt, dürften nur sehr wenige Zuschauer am Straßenrand wissen. Sie scheppern mit ihren Klatschpappen und genießen die baskische Volksfeststimmung.

Auch im VIP-Zelt herrscht Aufruhr. Einige Besucher drängeln um den besten Blick auf den Zieleinlauf, in dem Zelt gibt es eine Buffetlandschaft aus Chorizo, Käse und Schinken. Abseits der aufgeregten Menge starrt Joel Linnemann auf die Übertragungsbilder des Marathon. Linnemann, 23 Jahre, ist Manager von Läufer Sikuku, und er wirkt nervös.

Für Linnemann hängt einiges von diesem Rennen ab, für Emmanuel Sikuku, 31, noch viel mehr. Jede Sekunde, die er schneller oder langsamer ist, kann Auswirkungen auf sein Leben in Kenia haben. Die Zielzeit entscheidet, ob er mal ein Haus bauen kann oder nicht. Aber auch darüber, wie hoch die Provision für seinen Manager Linnemann ausfällt.

An der Startlinie beim Marathon in San Sebastián: Emmanuel Sikuku (Startnummer drei) hofft auf ein Ergebnis unter 2:13 Stunden

An der Startlinie beim Marathon in San Sebastián: Emmanuel Sikuku (Startnummer drei) hofft auf ein Ergebnis unter 2:13 Stunden

Foto: Ole-Jonathan Gömmel

Die letzten Meter des Marathons in San Sebastián sind für Sikuku das vorläufige Ende einer Reise, die jährlich von Tausenden Profiläufern angetreten wird und meist im kenianischen Iten beginnt.

In Kenia trainieren Laufchampions wie Eliud Kipchoge oder Gesa Krause

Iten ist Sikukus Heimatstadt, sie liegt 2400 Meter über dem Meeresspiegel. Etliche Läufer haben in der Höhe Itens trainiert, hier tummeln sich Goldmedaillengewinner von Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen. Der Weltrekordhalter im Marathon Eliud Kipchoge ist hier Stammgast, genauso wie die deutsche Hindernisläuferin Gesa Krause, die sich hier für einige Zeit für Olympia in Tokio vorbereitet.

Iten ist bei Läufern als "Home of Champions" bekannt, diesen Slogan findet man auch auf einem Schild am Ortseingang.

Sikuku erzählt gerne von seiner Heimat. Er sagt, von den rund 40.000 Einwohnern sei mindestens ein jeder Zehntel Profiläufer oder Profiläuferin. Trainiert wird in großen Gruppen, manchmal mit bis zu 400 Läufern auf einmal; nicht auf Tartanbahnen oder in Laufhallen, sondern auf dem roten Sand des Berglands. 200 Kilometer in der Woche sind für Sikuku ein normales Trainingspensum. Dass er sich die Strecke dabei mit Weltrekordlern und Olympiasiegern teilt, motiviere ihn.

Aber von dieser Elite ist er weit weg - finanziell und sportlich. Sikukus höchste Platzierung bislang war Platz 497 in der Marathon-Weltrangliste. Von seiner Sportart kann er zwar leben, aber reich wird er mit ihr nicht. Doch eine Alternative zum Laufen gab es für Sikuku auch nie, sagt er. Der einzig attraktive Arbeitgeber sei die Armee. Aber um dort Mitglied zu werden, müsse man 2000 Schilling im Voraus zahlen, das entspricht etwa 18 Euro und sei für viele Kenianer zu viel.

Manager Linnemann mit Läufer Sikuku

Manager Linnemann mit Läufer Sikuku

Foto: Ole-Jonathan Gömmel

Mit Manager Linnemann verdient Sikuku nun mehr Geld, und Linnemann auch mit Sikukus Leistungen. 15 Prozent der Preisgelder gehen an ihn und seinen Partner Sebastian Uridat. Es ist ein Betrag, der in der Branche üblich und fair sei, sagt Linnemann. 15 Prozent sind die Maximalsumme, die der Internationale Leichtathletik-Verband IAAF als Managerprovision zulässt. Linnemann kassiert also den Höchstsatz. "Für das, was wir teilweise leisten, ist es eigentlich zu wenig. Trotzdem würden wir nie über die 15 Prozent gehen", sagt Linnemann. Eigentlich studiert er Wirtschaftsinformatik. Die Idee, in das Athletenmanagement einzusteigen, kam ihm und Uridat vor zwei Jahren.

Mittlerweile haben sie 15 Athleten und Athletinnen aus Afrika und Südamerika unter Vertrag, darunter Sikuku. "Als Läufer ist man auf internationale Hilfe angewiesen. Würde ich mir einen kenianischen Manager suchen, bekäme ich nur einen Bruchteil des Betrags, den meine europäischen Manager mir auszahlen", sagt Sikuku: "Außerdem haben Europäer oft bessere Verbindungen zu Marathonveranstaltern und können mir so attraktivere Rennen beschaffen."

Linnemann sagt, seine Aufgabe bestehe darin, die notwendigen Papiere zu besorgen und die Athleten bei Rennen anzubieten. Je schneller die Bestzeit des Athleten, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, von einem Veranstalter eingeladen zu werden - und vor allem eine Antrittsgage zu erhalten. Gewinn hätten er und sein Partner mit ihrem Unternehmen noch nicht gemacht. Da die Bestzeiten ihrer Topathleten weit von der Weltspitze entfernt sind, fokussieren sie sich auf kleinere Rennen mit niedrigeren Preisgeldern.

Die letzten Vorbereitungen: Sikuku in seinem Hotelzimmer vor dem Rennen in San Sebastián

Die letzten Vorbereitungen: Sikuku in seinem Hotelzimmer vor dem Rennen in San Sebastián

Foto: Ole-Jonathan Gömmel

Der Job von Linnemann gefällt nicht jedem, manche sagen, er nutze die Läufer aus. Häufig sind es Menschen aus seinem Umfeld, die ihn kritisieren, er wurde schon als moderner Sklaventreiber bezeichnet. 2017 deckte der Investigativjournalist Hajo Seppelt auf, dass Laufmanager Alexander Hempel mehrere kenianische Läufer in seinem Keller in Hessen unter unwürdigen Bedingungen unterbrachte und sie finanziell ausbeutete. "Das haben anscheinend viele Leute im Kopf, wenn ich ihnen von meiner Arbeit erzähle", sagt Linnemann. Bei ihm könne jeder Athlet selbst entscheiden, zu welchen Rennen er reisen möchte, sagt er, und auch, wie häufig der Läufer im Jahr eingesetzt werden will.

1525 Euro für einen Marathon in 2:12:46 Stunden

Beim Marathon in San Sebastián läuft es so ab: Sikuku erhält als Profiläufer eine Antrittsgage von 800 Euro, dazu werden Unterkunft, Anreise und Verpflegung übernommen. Dann wird es undurchsichtig. Die vier schnellsten Läufer bekommen eine Prämie. Wie hoch diese ausfällt, hängt auch davon ab, ob sie das Ziel in weniger als 2:13 Stunden erreichen. Gelingt das, wird die Prämie aufgestockt, gelingt das nicht, wird sie um die Hälfte gekürzt. Hinzu kommen Steuern und Managergebühren. Für die Läufer bleibt da nicht viel.

In San Sebastián treten keine Superstars an, schnelle Zeiten werden dennoch gelaufen: Der Streckenrekord liegt bei 2:09:34 Stunden

In San Sebastián treten keine Superstars an, schnelle Zeiten werden dennoch gelaufen: Der Streckenrekord liegt bei 2:09:34 Stunden

Foto: Juan Herrero/ imago images/Agencia EFE

Sikuku weiß das, als er sein Rennen läuft. Er ist gut drauf, läuft vorne mit, aber auf den letzten drei Kilometern sind andere stärker, er fällt von Platz zwei auf den vierten zurück. Nun ist sein letzter Gegner: die Zeit. In 2:12:46 Stunden (der offizielle Weltrekord liegt bei 2:01:39 Stunden) erreicht er schließlich als Vierter das Ziel. Sikuku erhält nach Abzug aller Kosten noch 1525 Euro Preisgeld. Wäre er fünfzehn Sekunden langsamer gewesen, hätte es nicht einmal die Hälfte davon gegeben.

Sikuku wirkt zufrieden, er hat in diesem Jahr mit zwei Marathon-Veranstaltungen und einem Halbmarathon das eigene Leben und das seiner Familie finanziert; das viele Training dafür darf man natürlich nicht vergessen. Er könne nun auch kleinere Sprünge machen, sagt er, und beginnen, seiner Frau und seiner einjährigen Tochter ein Haus auf seinem Grundstück zu bauen. Er werde auch eine Kuh kaufen, sagt er. 2020 steht für ihn eine weitere Laufsaison an. Emmanuel Sikuku hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, einmal in der Weltspitze mitzulaufen.

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