Zur Ausgabe
Artikel 41 / 65
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Michael Fröhlingsdorf

Recherche zu Sportlerrenten Marcell Jansen und das Geld von der Unfallversicherung

Bei Recherchen zu hohen Rentenzahlungen von Profisportlern stieß ich auch auf die Einnahmen des heutigen HSV-Präsidenten. Der fand das gar nicht lustig.
aus DER SPIEGEL 1/2022
HSV-Präsident Marcell Jansen

HSV-Präsident Marcell Jansen

Foto: Daniel Reinhardt / dpa

Marcell Jansen, ehemaliger Nationalspieler und heute Präsident des HSV, ist ein perfektes Beispiel dafür, wie Fußballprofis Entschädigungen der gesetzlichen Unfallversicherung ausnutzen, die ursprünglich nicht für Berufssportler geschaffen wurde.

Jede Verletzung, die ein Profi im Dienst erleidet, gilt wie bei normalen Arbeitnehmern als Arbeitsunfall. Allerdings ziehen sich die Kicker, Handballer oder Eishockeyspieler deutlich häufiger einen Bänderriss oder Knochenbruch zu als ein Bankangestellter, Briefträger oder Journalist. Jansen habe, hieß es in dem SPIEGEL-Artikel über das Sozialsystem, während seiner Karriere vier so schwerwiegende Verletzungen erlitten, dass er Anspruch auf gleich mehrere lebenslange Renten oder mehrere hunderttausend Euro Entschädigung habe – steuerfrei. Dass er als Kicker Millionen verdient habe, sei für die Entschädigung nicht relevant.

Eigentlich gilt Jansen als offener Typ, mit dem SPIEGEL wollte er dennoch über diese Zusatzeinnahmen nicht reden. Anders hielt er es mit Usern von Facebook und Instagram, die ihn nach dem Bericht kritisierten und fragten, ob er »Sozialschmarotzer« sei. Jansen bepöbelte einen als »Wutbürger« und verwies darauf, dass er sein Gehalt mit dem Fiskus stets »brüderlich« geteilt habe. Die Sportvereine zahlten schließlich Beiträge für den Versicherungsschutz, schrieb er. So müsse nicht seine »Mama, die 35 Jahre bei Aldi im Lager gearbeitet« habe, für seine Entschädigung aufkommen, »sondern die Vereine, für die man die Knochen hingehalten hat!«

Jansen hat recht, Vereine wie der HSV zahlen bis zu zwei Millionen im Jahr an die Berufsgenossenschaft. Die Ausgaben sind freilich so hoch, dass die Profiligen das Versicherungssystem in der bisherigen Form am liebsten abschaffen würden. Trotzdem reichen die Einnahmen aus dem Sport nicht, um die gewaltigen Ausgaben für alle verletzen Sportprofis zu decken. 40 Millionen Euro im Jahr müssen deshalb andere Sparten zuschießen, etwa die Kirchen oder Zeitarbeitsfirmen, die Lagerarbeiter beschäftigten.

Anders als Jansen war Bundesarbeitsminister Hubertus Heil, SPD, überzeugt, dass es so nicht weitergehen kann. Nach dem Erscheinen des Artikels rief sein Ministerium Vertreter von Sportverbänden, Berufsgenossenschaften und Spielergewerkschaften zusammen, um über eine Reform zu beraten. Seither trafen sich die Fachleute in unterschiedlichen Arbeitsgruppen, berechneten Beitragssätze, wälzten Gesetze.

Die zuständige Berufsgenossenschaft arbeitet nun an einer speziellen Unfallverhütungsvorschrift für den Sport, diskutiert wird auch, die Abfindungsansprüche der Sportler zu reduzieren. Streit gibt es zwischen Sportfunktionären und Versicherungsvertretern über den Vorschlag, Hobbysportler, die weniger als 520 Euro pro Monate bekommen, von der Pflichtversicherung auszunehmen. Der Sport ist für einen solchen Schritt, die Versicherungen dagegen. Sie fürchten, dass so auch Geringverdiener anderer Branchen ihren Schutz verlieren. Sie würden lieber Topverdienern wie Jansen ans Portemonnaie. Eine Entscheidung fällt frühestens im Frühjahr.

Zur Ausgabe
Artikel 41 / 65
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.