Zur Ausgabe
Artikel 50 / 92
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Mit allen Mitteln

Wieder begann die Bundesliga mit brutalen Fouls und Verletzungen. Zu oft lassen Schiedsrichter die Täter ungestraft treten.
aus DER SPIEGEL 36/1981

Fußball-Nationalspieler Paul Breitner und der Bundesgerichtshof sind sich in einem Punkte einig: Wer Fußball spielt, urteilten die BGH-Richter 1974 in einem Grundsatzurteil, »muß grundsätzlich Verletzungen in Kauf nehmen«, denn, so ergänzte 1980 der Weltmeister, »das liegt im Risiko unseres Jobs, das ist normal und unumgänglich«.

Daran hielten sich die Bundesliga-Kicker auch, als die Jagd für die Klopper wieder freigegeben, die Schonzeit für Spielmacher und Sturmspitzen vorüber war: An den ersten drei Spieltagen begann die zweite Bundesliga mit 68 gelben Karten und drei Platzverweisen, die erste Liga mit einer roten und 51 gelben Karten.

Zwei Mannheimer Kicker erlebten das Spielende im Krankenhaus, ein Kölner Fortune brach sich den Kiefer. Letzte Woche knackte einem Karlsruher das Schienbein, Kaiserslautern verlor schon seinen zweiten Torwart Armin Reichel.

Die gräßlichste Verletzung erlitt der Bielefelder Linksaußen Erwin Lienen: Der Bremer Norbert Siegmann schlitzte ihm den Oberschenkel 25 Zentimeter weit auf.

Gegen die »schlimmen Auswüchse« schrieb der frühere Bundesliga-Torwart Hans Jäcker, inzwischen Präsident bei Eintracht Braunschweig, den Lizenzspielern einen Brandbrief. »Wenn wir die brutale Entwicklung der letzten Wochen nicht sofort stoppen«, schwante Jäcker, werden die Zuschauer die Spieler als »primitive Treter abschätzen und in der Nähe der altrömischen Gladiatoren ansiedeln.«

Den Schiedsrichtern fällt die Schlüsselrolle dabei zu, offene Brutalität zu unterbinden. Die meisten Verletzungen können sie freilich nicht verhindern. Denn der Fußball führt so zwangsläufig zu einer Anzahl von Verletzungen, wie die Marktwirtschaft gelegentlich zu Pleiten. Blessuren treten besonders zu Anfang einer Saison auf, wenn Spieler um Stammplätze kämpfen.

Unfaires Spiel häuft sich, wie der Tübinger Sportpsychologe Helmut Gabler in einer Untersuchung ("Aggressive Handlungen im Sport") herausfand, am Ende eines Spieles, sobald Kraft und Konzentration nachlassen, aber auch am Ende einer Saison, wenn der Abstieg, die Meisterschaft und Teilnahme an lukrativen Europacup-Wettbewerben -- und neue Verträge -- auf dem Spiel stehen. Dabei treten die Verlierer eher zu als die Sieger.

»Bevor ich dem Gegner erlaube, ein Tor zu schießen«, wies Breitner den Nachwuchs in die Grundsituation ein, »muß ich ihn mit allen Mitteln daran hindern«, falls es fair nicht möglich sei »eben mit einem Foul«. Lieber Freistoß als Gegentor. »Wer das nicht offen zugibt, der lügt sich was vor -- oder er ist kein Fußballer.«

Daraus schloß der Weltmeister, »daß man frühzeitig lernen muß, foul zu spielen«, möglichst ohne zu verletzen. Denn nur, wenn einer das nicht gelernt habe, »passieren solche Brutalitäten«.

Das gilt für alle Kampfspiele. Im Fußball und Handball geschehen absolut und relativ die meisten Sportverletzungen. Fast gleichzeitig mit den Horrorszenen in der Bundesliga mußten drei deutsche Wasserballer beim internationalen Turnier in Pescara mit Kopfwunden aus dem Wasser.

Schwerwiegendere Unfälle bis zu Todesstürzen ereignen sich vorwiegend in anderen Sportarten: Rennsport und Reiten, Skifahren und Segelfliegen, Boxen und Bobfahren.

Die größte Gefahr laufen außer Torhütern Spielmacher und Sturmspitzen. Dem Heimpublikum gelten sie gleichermaßen als Siegfried-Gestalten im Fußball-Drama. Auf sie setzt der Gegner seine Sonderbewacher an, gewöhnlich knochenharte Verteidiger.

Als Buhmann pfiffen die Schweizer Zuschauer schon 1954 bei der Fußball-Weltmeisterschaft den deutschen Rotschopf Werner Liebrich aus, nachdem er den ungarischen Torjäger Ferenc Puskas verletzt hatte. 1980 mußte Karl-Heinz Flohe, Spielmacher bei München 1860, nach einem komplizierten Beinbruch seine Karriere beenden, die Nationalstürmer Klaus Fischer und Bum Kun Tscha aus Korea monatelang aussetzen.

Oft entstehen aus Zweikämpfen giftige Rivalitäten. Nach einem Foul des Bremers Höttges hatte sein Frankfurter Gegner Horst Heese einst das Feld verlassen müssen. »Wenn der Höttges nach Frankfurt kommt«, schwor er Rache, »geht seine Laufbahn zu Ende.« Tatsächlich setzte Heese den Bremer außer Gefecht. Bevor es zum Prozeß S.162 kam, brachte der DFB beide zur Versöhnung zusammen.

Als jüngst Jimmy Hartwig vom HSV und der Kaiserslauterer Hans Günther Neues wiederholt aneinandergerieten, stellte der Schiedsrichter schließlich Neues vom Platz. Es war Neues' dritte Disqualifikation. Nach seinem Tritt gab er zu: »Es stimmt, daß ich ihn treffen wollte.« Der Fall gehört fast schon in die Kategorie der Revanche-Fouls.

Dabei treten Spieler, denen ein Gegner Schmerz zugefügt hat, instinktiv, reflexhaft zurück. Der Schiedsrichter bestraft in der Regel das zweite Foul. So war es auch 1958 bei der Weltmeisterschaft dem deutschen Verteidiger Erich ("Hammer") Juskowiak ergangen. Er hatte nach einem Tritt zurückgetreten und flog vom Platz. Zehn Deutsche verpaßten das Endspiel.

Nach der Politikerregel, unpopuläre Entscheidungen möglichst rasch nach der Wahl zu treffen, versuchen Verteidiger gewöhnlich, den Gegner schon bei der ersten Begegnung zu schockieren. Noch harmlos stellte sich ein Berliner seinem Gegner vor: »Ich heiße Finken, und du wirst bald hinken.« Aber schon nach zwölf Spielminuten hatte der Leverkusener Jürgen Gelsdorf den Frankfurter Bum Kun Tscha 1980 kampfunfähig gerempelt.

Der Koreaner erlitt einen Abriß des zweiten Lendenwirbels. Fans drohten Gelsdorf mit Mord. Die Polizei stellte ihm und seiner Mannschaft zeitweise eine Leibwache.

»Unsere guten Stürmer werden gejagt«, warnte Bundestrainer Jupp Derwall. »Wir müssen aufpassen, daß uns einige Treter diese Bundesliga nicht kaputtmachen.« Darüber entscheiden vor allem die Schiedsrichter. Ihr Hauptkriterium für fair oder regelwidrig ist, ob der Kicker versucht hat, den Ball zu spielen.

Der verletzte Lienen verlangte aus dem Krankenhaus, windige Entschuldigungen nicht mehr gelten zu lassen: »Heute werden Angriffe toleriert, wo der Verteidiger nicht einmal zu zehn Prozent die Chance hatte, an den Ball zu kommen.« Wer dennoch Knochen und Gelenke des Gegners gefährdet, muß sich gefallen lassen, Klopper und Treter genannt zu werden. Die Zuschauer gröhlen dann »Mörder«.

Siegmann gehört zu der Gruppe von Ersatzspielern, die sich durch besonderen Einsatz einen Stammplatz versprechen. Lienen behauptete von ihm, er habe im letzten Jahr 13 gelbe Karten gesehen, einer seiner Gegenspieler habe eine Gehirnerschütterung, ein anderer eine Rißwunde davongetragen. Siegmann räumte ein, er habe »seit zehn Jahren so gespielt« und könne »eben nicht spielen wie Beckenbauer«.

Niederlagen gefährden aber auch die Trainer. Deshalb stacheln sie ihre Spieler mehr oder weniger deutlich zu äußerstem Einsatz auf. Mancher Bundesligatrainer wie Heese oder Klimaschefski ist als »knüppelharter Mann«, wie Fans loben, bekannt geworden.

Gyula Lorant empfahl seinen Verteidigern: »Dein Gegenspieler kann keine Härte vertragen.« Udo Lattek verlangte: »Pack deinen Mann endlich.« Erich Ribbeck gab Spielern schon mal mit: »Geh ordentlich zur Sache.«

Auch Werder-Trainer Otto Rehhagel soll vor dem Foul an Lienen seinem Abwehrspieler Siegmann sinngemäß zugerufen haben: »Beim nächstenmal packst du ihn richtig!« Rehhagel hatte 200 Bundesligaspiele bestritten und sich dabei nach eigener Aussage »durch erlaubte Härte ein Image der Angst aufgebaut«, so daß »die Gegner mich fürchteten«. Seine Spielerkarriere beendete eine Verletzung.

»Tritt dem Holz doch in die Knochen«, hatte er 1975 im Lokalderby seiner Offenbacher Kickers gegen die Frankfurter Eintracht den Abwehrspieler Amand Theis gegen Weltmeister Hölzenbein aufgefordert. Der DFB verdonnerte Rehhagel zu vier Wochen Sperre und 3000 Mark Geldstrafe.

Die Schiedsrichter helfen potentiellen Opfern nur ausnahmsweise. Oft befindet sich der Tatort hinter ihrem Rücken, wie 1979 beim Tritt des Schalkers Manfred Drexler auf den liegenden Bayern-Spieler Wolfgang Kraus. Die Szene geriet zufällig ins TV-Bild. So traf Drexler eine Sperre.

Siegmann erhielt für sein Foul an Lienen nur Gelb. Für das Foul des Duisburgers Paul Steiner, das die Karriere des Nationalspielers Heinz Flohe beendete, gab es nicht einmal die gelbe Karte. Breitner schlug deshalb vor, wie in Spanien Täter so lange zu sperren, bis ihre Opfer wieder spielen können.

»Da greifen die Schiedsrichter fast nie ein«, klagte Bum Kun Tscha über die Großzügigkeit bei hinterhältigen Tritten. Am Horror-Wochenende der Bundesliga zeigten die Männer im Trauerschwarz dagegen auch Gelb, weil ein Spieler nach einer Verletzung unangemeldet wieder das Feld betreten hatte. Den Offenbacher Günther Franusch schickten sie in die Kabine, weil er wiederholt »Handspiel« gerufen hatte. Unempfindlich wie Schlachter sehen viele brutalen Fouls zu, mimosenhaft ziehen sie Rot, wenn ein Spieler sie mal im Kicker-Jargon anruft.

»Die Gäste werden in der Regel viel härter angepackt«, stellte Braunschweigs Trainer Uli Maslo fest. »Kicker«-Leser Wolfgang Dolch hat nachgezählt, daß die Schiedsrichter in der vorletzten Saison 196 von 298 gelben Karten und 31 von 38 Elfmetern den Auswärts-Mannschaften zudiktiert hatten.

Von den ordentlichen Gerichten dürfen Verletzungsopfer ebenfalls keine Hilfe erwarten. Denn bei einer Schadenersatzklage muß -- so der BGH 1974 -- dem Gegner die Regelwidrigkeit nachgewiesen werden. »Das besagt jedoch nicht, daß in allen Fällen regelwidriger Handlungen ein Schadenersatz fällig wird« (VI ZR 100/73).

Kein Vorschlag zur Abhilfe überzeugt so recht. Der Schiedsrichterobmann Johannes Malka etwa empfahl, jede sogenannte Notbremse, das Foul, mit dem ein enteilter Stürmer unfair am Torschuß gehindert wird, durch Platzverweis zu bestrafen. HSV-Trainer Ernst Happel riet, es genüge doch, »wenn ich ihn am Leibchen festhalte oder die Hose runterzieh'«, denn das tut »niemandem weh«.

DFB-Präsident Hermann Neuberger verlangte: »Wir müssen von unseren Schiedsrichtern und von der Sportjustiz S.163 her hart auftreten.« Als die ersten Untaten der Saison zur Verhandlung anstanden, proklamierte DFB-Ankläger Hans Kindermann: »Wir müssen Marken setzen« gegen die »Fouls, Roheiten, Holzereien und Brutalitäten in den Bundesligen.«

Doch die DFB-Richter sperrten nur Jürgen Zimmer aus Wattenscheid wegen Tätlichkeit für neun Spieltage. Zwei andere Spieler kamen mit zwei und drei Wochen davon, weit weniger, als Kindermann gefordert hatte. »Soll doch der deutsche Fußball verrecken«, ärgerte er sich.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 50 / 92
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel