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WEIBLICHKEITS-TEST Mit Bärtchen

aus DER SPIEGEL 37/1966

In fünf von elf Einzelwettbewerben traten bei den Leichtathletik-Europameisterschaften in der vergangenen Woche in Budapest Favoritinnen nicht an, die seit Jahren keine Konkurrentinnen zu fürchten hatten. Sie fürchteten offenbar eine peinliche Formalität.

Zum erstenmal mußten sich die weiblichen Teilnehmer in diesem Jahr einer speziellen Untersuchung stellen. Zweck: Es sollte festgestellt werden, ob sie tatsächlich dem weiblichen Geschlecht angehörten.

Immer wieder hatten sich nach außergewöhnlichen Leistungen im Frauensport Zweifel erhoben und bestätigt. So war 1934 in London die Tschechin Koubková in Weltrekordzeit 800-Meter-Weltmeisterin geworden. Später wurde sie operiert und galt fortan als Mann. Eine Geschlechtsumwandlung vollzogen Ärzte auch an der erfolgreichen deutschen Hochspringerin Dora Ratjen.

Um den Leichtathletinnen gleiche Chancen zu sichern, verlangte der Internationale Leichtathletik-Verband (IAAF) seit 1958 von allen Teilnehmerinnen an internationalen Meisterschaften ärztliche Atteste. Doch niemand kontrollierte die ärztlichen Kontrolleure aus den Heimatländern der Sportlerinnen.

So lief Sin Kim Dan aus Nordkorea 1964 Weltrekorde über 400 und 800 Meter. Ihr in Südkorea lebender Vater bekundete, die vermeintliche Läuferin sei sein in den Wirren des Korea-Krieges verlorengegangener Sohn.

Die Russin Irina Press verbesserte die Weltrekorde im Fünfkampf und Im 80 -Meter-Hürdenlauf. Ihre zwei Zentner schwere Schwester Tamara stellte mehrfach neue Weltbestleistungen Im Kugelstoßen und Diskuswerfen auf. Unter Leichtathleten hießen Tamara und Irina stets die Press-Brüder. Ebenso gerieten die russische Weitsprung-Olympiadritte Tatjana Tschelkanowa und die sowjetische 400-Meter-Europameisterin Maria Itkina in den Verdacht, In Wahrheit männlichen Geschlechts zu sein. Russische Leichtathleten berichteten westlichen Sportlern, daß ihre allen Konkurrentinnen überlegenen Meisterinnen sich regelmäßig rasierten und niemals zusammen mit Ihren unverdächtigen Sportkolleginnen duschten.

»Wir wollten das Problem lösen«, erläuterte der deutsche Leichtathletik -Präsident Dr. med. Max Danz, »ohne daß diese bedauernswerten Geschöpfe sich bloßstellen mußten.« Auf seinen Antrag beschloß der Leichtathletik -Weltverband im Jahre 1964, künftig alle Wettkämpferinnen von einer neutralen Ärztekommission untersuchen zu lassen.

Für den 1965 erstmals ausgetragenen Europa-Pokal der Nationalmeisterschaften wurde noch einmal auf die Geschlechtskontrolle verzichtet. Westdeutsche Funktionäre befürchteten, daß die favorisierte russische Mannschaft den Endkampf in Kassel deshalb boykottieren könnte und der neu eingeführte Wettbewerb so mit einem Skandal belastet würde. Die Russinnen gewannen den Pokal, Tamara Press stellte einen neuen Weltrekord im Kugelstoßen auf.

Doch in Budapest mußten alle Sportlerinnen vor ihrem Start bei der Europameisterschaft unbekleidet vor drei Ärztinnen - zwei davon Gynäkologinnen - antreten. Die Press-Schwestern, Weitspringerin Tschelkanowa und Läuferin Itkina konnten allerdings nicht untersucht werden - sie hatten auf die Reise nach Budapest verzichtet.

»Sie hätten ruhig kommen können«, erläuterte die Hamburger Sprinterin Jutta Stöck den Weiblichkeits-Test zu Budapest. »Die Untersuchungsmethode war viel zu oberflächlich.«

Sowjet-Athletin Tamara Press

»Viel zu oberflächlich«

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