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Mit Joghurt und gegen den lieben Gott

aus DER SPIEGEL 5/1995

Die eingehende Beschäftigung mit dem Mikrokosmos der 64 kleinen Quadrate hat das Leben vieler Spieler nicht nur positiv beeinflußt - die sozialen Kontakte reduzierten sich seit frühester Jugend auf die Schachszene.

Dieses eindimensionale Dasein führte in vielen Fällen zu Absonderlichkeiten, häufig an den Rand des Wahnsinns und endete mitunter gar in geistiger Umnachtung.

Paranoia oder tiefe Depressionen sind allerdings keineswegs Folgen des modernen Profischachs. Schon im 13. Jahrhundert verlor der Sarazene Buzeccia, der als erster Blindspieler in die Geschichte einging, den Verstand. Wilhelm Steinitz, der erste offizielle Weltmeister, wähnte sich bei seinen letzten Partien im Duell mit dem lieben Gott.

Alexander Aljechin, Anfang der dreißiger Jahren nahezu unschlagbar, verwüstete nach Schlappen sein Hotelzimmer. Der notorische Trunkenbold erstickte an einem Stück Fleisch, das seinem Glücksbringer, einer schwarzen Katze namens Nabucco, zugedacht war.

Die Marotten der jüngeren Profigeneration tragen eher komödiantische Züge. Der Amerikaner Bobby Fischer, der schon mal die Höhe seines Stuhles um wenige Millimeter korrigieren ließ, trat nur an, wenn er sicher war, daß nachher ein gewaltiges Steak für ihn bereitstand.

Im Weltmeisterschaftsmatch 1978 gegen den Russen Anatolij Karpow protestierte der aus der UdSSR geflohene Wiktor Kortschnoi, als sich der moskautreue Karpow während des Spiels auffällig unterschiedliche Sorten Fruchtjoghurt servieren ließ: Die Farbe lasse auf geheime Botschaften des Betreuerstabes schließen. Fortan durfte Karpow nur mehr Heidelbeerjoghurt löffeln. Jede neue Sorte bedurfte einer schriftlichen Genehmigung.

Doch nicht nur Spitzenkräfte verlieren den Kampf gegen die Macht des Schachs. Der Wahn, das Spiel beherrschen zu wollen, hat schon viele Talente ins Elend getrieben. Starke Spieler, die nie ganz den Sprung in die geldwerten Ränge schafften, vegetieren als Sozialfälle, spielen für ein paar hundert Mark Gage in kleinen Klubs oder im Cafe für ein Stück Kuchen. Die Manie, schätzt der Hamburger Diplompsychologe Enno Heyken, »gefährdet Tausende«.

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