Zur Ausgabe
Artikel 86 / 102

WELLENREITEN Model aus der Röhre

Ein 20-jähriger Deutscher holte sich den Europameistertitel. Die Branche staunt über den Exoten, der vor dem Sprung in den Kreis der weltbesten Surfer steht.
aus DER SPIEGEL 49/2004

Zum Auftakt gab es höhnisches Gelächter. Einen Surfer aus »Germany« hatte der Moderator beim Finale der Europameisterschaft in Peniche, Portugal, angekündigt. Das hielten die Zuschauer am Strand für einen schlechten Scherz.

Doch dann raste Marlon Lipke, 20, eine drei Meter hohe Wasserwand hinunter, bog beherzt nach links ab und verschwand in der »Tube«, wie Surfer die Röhre nennen, die eine schnelle Welle bildet, wenn sie bricht. Fünf Sekunden dauerte der Ritt, den die Jury mit der Höchstnote 10,0 bewertete - und der dem Exoten aus Alemanha am Ende den EM-Triumph einbrachte.

Nun lacht niemand mehr, die internationale Surfgemeinde staunt. Dass ein Vertreter aus Deutschland Europameister wird, ist ungefähr so, als würde ein Rodler von den Kanarischen Inseln beim Weltcup in Winterberg gewinnen. Denn aus der Sicht eines Surfers ist Deutschland Diaspora. Ein Land zwar mit zwei Küsten, doch geeignete Wellen sind weder auf der chaotischen Nordsee noch am Gestade der kabbeligen Ostsee zu finden.

Auch Lipke hätte es nicht so weit gebracht, wären seine Eltern nicht vor 25 Jahren nach Portugal ausgewandert. Er ist in Lissabon geboren, und die längste Zeit, die der deutsche Staatsbürger in seiner Passheimat verbrachte, war ein fünfwöchiger Aufenthalt bei seinen Großeltern in Castrop-Rauxel. Das Fachabitur machte er an einer deutschen Schule an der Algarve.

Die Voraussetzungen für eine Karriere als Wellenreiter waren von Anfang an ideal. Sein Vater Dago, ein ehemaliger Kameramann, betreibt in Funchal bei Lagos ein Surfcamp. Zu den berühmten Revieren am Atlantik sind es nur 30 Minuten.

Als Neunjähriger begann Marlon Lipke mit dem artistischen Wassersport, mit 13 gewann er für den Surfclub Lagos den ersten Jugendwettkampf. Außer Konkurrenz ist Lipke, wenn er bei den deutschen Wellenreitmeisterschaften startet. Fünfmal gewann er bislang den Titel und kann mittlerweile von seinem Sport gut leben. Sein Hauptsponsor ist die Firma Quiksilver, einer der weltweit führenden Surfartikelhersteller.

Die Liaison zahlt sich seit dem EM-Triumph für beide Seiten aus. Mit Lipke verfügt Quiksilver nun über ein Werbemodel, mit dem sich vor allem die unter hiesigen Jugendlichen beliebten Klamotten der Marke noch besser verkaufen lassen.

Lipke sieht aus, wie Surfer nun mal aussehen sollen: kräftige Arme, breite Schultern, von Sonne und Salzwasser ausgebleichte Haare. Andererseits arbeitet er fleißig an seiner Laufbahn. Nach jeder Trainingseinheit analysiert er akribisch die Videoaufzeichnungen seiner Ritte. Wenn andere Kollegen vor Wettkämpfen noch um die Häuser ziehen, liegt Lipke schon im Bett. Endlose Partys seien ja ganz nett, sagt er, »aber alles zu seiner Zeit«.

Die Reaktion des Sponsors auf den EM-Sieg fiel entsprechend euphorisch aus. Im Berliner Sony-Center sowie am Münchner Hauptbahnhof ließ die Firma große Transparente aufhängen, auf denen Lipke bei der Fahrt auf einer tiefblauen Welle zu sehen ist.

Dabei steht der eigentliche Coup erst noch bevor. Als Europameister darf Lipke 2005 mit guten Chancen in der World Qualifying Series (WQS) an den Start gehen. Rund 700 Surfer aus der ganzen Welt treten bei dieser Tournee rund um den Erdball an. Wer am Ende zu den ersten 16 gehört, steigt in die Formel 1 des Surfens, der World Championship Tour (WCT), auf.

Bislang sind Wellenreiter aus Europa an dieser Aufgabe schier verzweifelt. Dominiert wird die Königsklasse von Profis aus den USA, Australien und Brasilien. In der Geschichte der WCT schafften es bislang nur zwei Engländer und ein Franzose in den Kreis der 44 besten Surfer der Welt.

Gelingt nun auch einem Deutschen der historische Schritt? Lohnen würde es sich für Lipke in jedem Fall. Um die Elite des Surfsports wird ein ähnlicher Heldenkult betrieben wie um Basketballer in den USA oder Fußballer in Europa. Champions wie der dreifache Weltmeister Andy Irons aus Hawaii verdienen dank sechsstelliger Preisgelder und Sponsorenverträge bis zu eine Million Dollar im Jahr. Sein Vorgänger Kelly Slater aus Florida, das Surfidol schlechthin, schaffte es auch dank einer Liebschaft mit der silikonverstärkten Schauspielerin Pamela Anderson sogar auf die Titelseiten amerikanischer Hochglanzmagazine.

Noch muss sich der Anwärter an die Härten in der Branche erst gewöhnen. Dass sich die Stars bei ihren Turnieren vor Hawaii, Südafrika oder Tahiti regelrecht um die besten Wellen prügeln, irritiert den stillen Newcomer ein wenig: »Die haben doch alle 'ne Macke.«

Indes stehen Lipkes Aufstiegschancen nicht schlecht. Sein kraftvoller Fahrstil ist bei den Juroren, die bei Wettkämpfen die Ritte der Surfer bewerten, sehr beliebt. Zudem wird der Deutsche wegen seiner Herkunft noch immer unterschätzt. Brasilianer oder Australier, sagt er, empfänden es schlicht »als Witz«, wenn sie gegen ihn antreten müssten. Umso schockierter seien die Platzhirsche, wenn sie nachher als Verlierer am Strand stünden: »Denen ist das fast peinlich.« GERHARD PFEIL

Zur Ausgabe
Artikel 86 / 102
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.
Merkliste
Speichern Sie Ihre Lieblingsartikel in der persönlichen Merkliste, um sie später zu lesen und einfach wiederzufinden.
Jetzt anmelden
Sie haben noch kein SPIEGEL-Konto? Jetzt registrieren