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JUGOSLAWIEN »Modernes Sklaventum«

Deutschlands Gruppengegner gilt als WM-Geheimtip. Doch in der Liga regiert das Chaos: Talente flüchten in Scharen, den Landesmeister führt ein mutmaßlicher Kriegsverbrecher an.
aus DER SPIEGEL 25/1998

Wann immer Predrag Mijatovic, 29, öffentlich auftritt mit seinen Kollegen von der jugoslawischen Nationalelf - devotes Entgegenkommen ist ihm gewiß im mondänen WM-Quartier »La Charpinière« zu Saint-Galmier.

Der Bodyguard mit der viel zu großen Sonnenbrille bittet unauffällig um ein Autogramm; dem Kellner in schwarzer Livree scheint jeder Wunsch Befehl; die mitgereisten Journalisten stellen ergebenst ihre Puderzuckerfragen.

Sogar sein Vorgesetzter ist ihm zu Diensten. Als Mijatovic auf dem Weg von der Kabine zum Bus die Sporttasche vor die Füße fallen läßt, um ungestört sein Handy einzuschalten, bietet sich Nationaltrainer Slobodan Santrac als Gepäckträger an. Mijatovic verwahrt sich gestikulierend gegen diese Sonderbehandlung - und Santrac büßt die Beflissenheit mit einer Beule. Beim Aufrichten stößt er mit dem Kopf gegen eine Kleiderkiste, welche die Tür blockiert.

Ob Predrag Mijatovic, Stürmerstar von Real Madrid, Dejan Savicevic, Mittelfeldstar vom AC Mailand, oder Sinisa Mihajlovic, Abwehrstar von Sampdoria Genua: Santrac liegt daran, seinen besten Kräften das Spielen fürs Vaterland so angenehm wie möglich zu gestalten. Denn der Coach ist angewiesen auf gutes Betriebsklima.

Für sämtliche Spieler ist der Auftritt im Nationaldreß reine Ehrensache. 19 von 22 Auswahlkickern sind angestellt bei europäischen Spitzenclubs, die 3 in der Heimat Verbliebenen haben bereits in Portugal, Spanien und Italien unterschrieben - Länderspiele zur Werbung in eigener Sache hat niemand mehr nötig.

Den Konkurrenzdruck im Team mit Talenten aufrechtzuerhalten, die im eigenen Land ihr Geld verdienen, fällt Übungsleiter Santrac immer schwerer. Die wirtschaftliche Misere nach dem Bruderkrieg treibt jeden halbwegs ballfertigen Twen schnellstmöglich über die Grenze.

Der andauernde Aderlaß hat eine Existenzkrise des Profifußballs hervorgerufen: Rund 450 Akteure der höchsten Spielklasse verließen in den vergangenen fünf Jahren Serbien und Montenegro - im europäischen Vergleich sind die Vereine aus Jugoslawien nur noch drittklassig.

Für fast alle Clubs ist der Verkauf der Besten die einzige Überlebensstrategie - nur so strömt Geld in die Kassen. Denn das Fernsehen zeigt an den dürftigen sportlichen Darbietungen kaum mehr Interesse, und die baufälligen Stadien betreten nur noch einige hundert Zuschauer pro Spiel.

In Belgrad zu sitzen und dem Verfall ausgeliefert zu sein macht Santrac mürbe. Er kann nicht einfach abhauen wie seine Spieler. Daß der Coach seine Legionärstruppe 23 Tage vor dem ersten Spiel in Palic, einem verträumten Kurort nahe der ungarischen Grenze, versammeln konnte, empfand er als Luxus. Nicht selten blieben in den letzten Jahren vor Länderspielen nur ein paar Stunden der Vorbereitung.

Santrac weiß, daß er dieses eine Mal noch eine prächtige Mannschaft zusammengetrommelt hat, eine geballte Anhäufung von Routine und Raffinesse. Aber was wird danach kommen?

Der Sog des Geldes reißt alle fort. In Belgrad verdient ein Durchschnittsfußballer etwa 4000 Mark im Monat. In Spanien, Italien, Deutschland oder England verdienen die Könner soviel an einem Tag. Santrac spricht von »Chaos« und von »Verlusten, die in Jahrzehnten nicht ausgeglichen sein werden«. Europa profitiere eindeutig »vom Elend in Jugoslawien«, wettert sein Vorgänger Ivica Osim, der heute als Trainer bei Sturm Graz tätig ist, »das ist modernes Sklaventum«.

Seit nach Aufhebung der Uno-Wirtschaftssanktionen der internationale Flughafen von Belgrad wieder vollständig geöffnet ist, durchkämmen Spielervermittler aus ganz Europa das Land. »Sogar von Hertha BSC saß hier neulich einer auf der Tribüne«, feixt Gerhard Löwel. Weltweit wirbt er Fußballer für Borussia Dortmund an und zählt sich zu den »Fachleuten auf dem jugoslawischen Markt«.

Seine Wahl fiel zuletzt auf Dragan Isailovic, 21, von Partizan Belgrad. Für das Management der Borussia hat er ein Dossier über den jungen Angreifer verfaßt, das sich liest wie eine Hommage. Das Geschäft platzte nur, weil in Dortmund der Trainer wechselte. Macht nichts, Löwel wird erneut aufkreuzen. »Sieben, acht Spieler« hat er ausgekundschaftet, die »absolut interessant sind für die Bundesliga«. Die meisten davon sind angestellt bei Roter Stern Belgrad. Der Verein hat wie kein anderer hergehalten als Reservoir für Europas feinste Adressen: 84 Spieler ließ der Club seit 1992 ziehen.

In einem schlicht eingerichteten Büro unter der Haupttribüne des Maracana-Stadions hat Dragan Dzajic an seinem Schreibtisch Platz genommen und fingert gereizt an den Bügeln seiner Lesebrille herum. Seine starren Gesichtszüge lassen erahnen, wie unwohl er sich fühlt, den Notstand zu verwalten.

Der Direktor von Roter Stern sträubt sich gegen den ständigen Ausverkauf seiner auffälligsten Spieler. Er redet sich Zuversicht ein: Die wirtschaftliche Situation werde sich bessern; er werde wieder ein starkes Team aufbauen; der Verein werde aufblühen wie zu der Zeit in den siebziger Jahren, als er selber mehrmals in eine Weltauswahl berufen wurde.

Doch die Wahrheit ist, daß die Emissäre aus dem Westen kommen und Schecks ausbreiten wie in den ersten Monaten dieses Jahres: 24 Millionen Mark für den 19 Jahre alten Dejan Stankovic; 10 Millionen Mark für den 24 Jahre alten Zoran Njegus; 10 Millionen Mark für den 25 Jahre alten Zoran Jovicic. Die Spieler und ihre Hintermänner profitieren von den Ablösesummen - Gehalt und Handgeld für die langfristigen Verträge sind inklusive. Die Vereine dagegen müssen akzeptieren, daß ihr Anteil in Raten abgestottert wird. Dzajic treibt die Preise hoch und verflucht sich dafür. »Dollar«, sagt er, »dribbeln nicht und schießen keine Tore.«

Es gibt ein Mannschaftsfoto von Roter Stern Belgrad, auf dem Dragan Dzajic in der ersten Reihe sitzt; vor dem Funktionär steht der Europapokal der Landesmeister. Das Bild hängt golden eingerahmt im Trophäensaal des Vereins. Sieben Jahre sind seither vergangen. Dzajic sagt beschwörend: »Da wollen wir wieder hin.« Dabei weiß er, daß er noch nie so weit weg gewesen ist von der europäischen Spitze wie derzeit. Sogar in der Meisterschaft langte es nur zum zweiten Platz.

Triumphe im jugoslawischen Fußball feiert vorerst die Dreistigkeit - wie so häufig in dieser Nachkriegsgesellschaft, in der das Recht des Reicheren gilt.

Der Aufsteiger FK Obilic Belgrad ist Meister geworden, weil dessen Präsident es so wollte. Zeljko Raznjatovic, 46, besser bekannt als »Arkan«, wird vom Flüchtlingshilfswerk UNHCR und von den USA die Teilnahme an »ethnischen Säuberungen« vorgeworfen. Das Jugoslawien-Tribunal der Uno klagt ihn angeblich auf einer geheimen Liste der Kriegsverbrechen in Kroatien und Bosnien an. Seit Arkan vor drei Jahren im Streit aus der Führungsebene von Roter Stern Belgrad ausgeschieden ist, verfolgt ihn eine Obsession - er will die Bosse des berühmten Vereins erniedrigen.

Die Herkunft der Millionen von Mark, die Arkan in den Verein pumpt, ist unklar. Als der Krieg auf dem Balkan ausbrach, trat er als Kommandeur rechtsgerichteter Freischärler in Erscheinung. Seine Gefolgsleute rekrutierte er aus rund 3000 ultranationalistischen Anhängern von Roter Stern Belgrad. Von der Nordkurve des Maracana-Stadions verlegten die uniformierten Stiernacken ihre Schlachtfelder nach Kroatien und Bosnien. Heute skandieren sie in kleineren Gruppen bei Spielen von Roter Stern gegen Obilic: »Arkan, leck uns!« Doch die marodierenden Erfüllungsgehilfen von einst hat er nicht mehr nötig für seine Feldzüge. In Friedenszeiten propagiert Arkan sein autoritäres Weltbild nun in Form einer Fußballmannschaft.

Den Verein FK Obilic führt er wie ein Zuchtmeister: Wer sich nicht unterordnet, wird gefeuert. Die Spieler müssen ihre Haare kurz tragen; Ohrringe sind verpönt; vor wichtigen Begegnungen ist die Mannschaft wochenlang kaserniert; und ins Ausland wechseln darf nur, wer sich das Wohlwollen seines Herrn erwirbt.

Der steile Aufstieg des FK Obilic bringt Arkan allerdings immer häufiger in Bedrängnis. Regelmäßig schwemmen Gerüchte nach oben, Schiedsrichter oder gegnerische Spieler seien bestochen worden. Und zu den Auswärtsspielen in der europäischen Champions League wird er nicht reisen - er liefe Gefahr, verhaftet zu werden.

Die möglichen Gegner haben auch schon reagiert. Michael van Praag, Präsident von Ajax Amsterdam, hat die Europäische Fußball-Union darauf aufmerksam gemacht, daß Obilic von einem mutmaßlichen Kriegsverbrecher geleitet werde.

Geschickt versucht Arkan sich Recherchen zu entziehen. Vorletzte Woche trat er als Präsident des FK Obilic zurück und kürte die Volksliedsängerin Ceca, 24, zu seiner Nachfolgerin. Sie ist seine Frau.

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